Die Kunst des Unkomplizierten

Soundcheck

Die CD ist tot, und Vinyl riecht immer noch etwas streng. Bloss der Rock ’n’ Roll hüpft unbeschwert herum. Jedenfalls, wenn das welsche Garagen-Duo Broken Bridge über ihn singt.

ImageCaption. Foto: Fotograf . Foto: sam Im Voodoo Rhythm Hardware Store gibt es gar eine Messkerze des Ladenbesitzers zu kaufen. Foto: sam

ImageCaption. Foto: Fotograf . Foto: sam Im Voodoo Rhythm Hardware Store gibt es gar eine Messkerze des Ladenbesitzers zu kaufen. Foto: sam

Letzten Samstag feierten die Berner Plattenläden sich selber und den weltweiten Record Store Day, der seit 2008 auf der Agenda steht. Umsatzstarke Verkaufsketten sind von den Aktivitäten ausgeschlossen – in Bern gibt es aber ohnehin keine grossen Läden mehr. Stattdessen haben sich die wenigen noch existierenden Plattengeschäfte in Kellerlokalen in der Altstadt oder Örtlichkeiten abseits der grossen Ladenstrassen verschanzt.

Nicht nur am Record Store Day spielen dort immer häufiger Livebands – so zum Beispiel Lia Sells Fish im Serge and Peppers an der Rathausgasse. Es ist ein gegenseitiges Sponsoring: Die Bands erhalten eine Auftrittsmöglichkeit im kleinen, aber interessierten Rahmen und können dort ihre Tonträger direkt an die Frau und den Mann bringen. Im Gegenzug locken sie ein Publikum in den Laden, das sonst kaum noch etwas mit physischen Tonträgern anfangen kann.

Im Voodoo Rhythm Keller spielt das Duo Broken Bridge.

Der Voodoo Rhythm Hardware Store im Keller der Münster­gasse 76 ist ein Sonderfall. Hier treffen sich Leute, die auch während des CD-Zeitalters auf Vinyl geschworen haben, samt ihren Kindern, die mit Punk und Psychobilly auf 45 oder 33 Touren aufgewachsen sind.

Im schummrig beleuchteten Laden kann man sich mit gewagter Unterwäsche von Robert «Pantichrist» Butler eindecken, die neuste Umhängetasche aus der weltweit präsenten Voodoo-Rhythm-Manufaktur begutachten oder das persönliche Gruselkabinett mit einer Messkerze von Ladenbesitzer Reverend Beat-Man ergänzen.

Natürlich gibt es auch Platten vom eigenen Label und von weltweit zugewandten Musikerfreunden zu kaufen. Die mögen es gern wild und laut und haben für Ritschi und Sina etwa so viel übrig wie das Publikum von Ritschi und Sina für die «Jamband» Kevin und die tätowierte Vollzeitmutter, die demnächst den Laden beschallen wird.

Für den Record Store Day wurde das Genfer Duo Broken Bridge verpflichtet, das sich auf einer Bretterverschlag-Empore über den Plattenladenbesuchern einrichtete und mit dem Kopf fast an die Decke des Gewölbekellers stiess – obschon man im Sitzen spielte. Die beiden Musiker befriedigten mit ihrem ultraschnellen Garagensound, der einen Bogen von Bo Diddleys Ur-Beat bis zum urbanen Avant-Noise schlägt, die Bedürfnisse der Kundschaft.

«Next song is about rock ’n’ roll», verkündete der wie ein dandyhafter Student gestylte Gitarrist Don Salmontes, was ihm frenetischen Applaus einbrachte. «Itis also called ‹Rock ’n’ Roll›», ergänzte der Jüngling. Erneute Begeisterung. Broken Bridge haben das Gebot der Stunde verstanden: Das Leben ist zu kompliziert, um komplizierte Musik zu machen.

Eigenwillig, wie sie sind, haben die Voodoo-Rhythm-Leute den Record Store Day übrigens gleich zum Month ausgedehnt. Weitere Konzerte in diesem Rahmen: Andy Dale Petty (16. April), Moonshine Wagon (18. April), Kevin und die tätowierte Vollzeitmutter (20. April), Fred Raspail (27. April).

Berner Zeitung

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