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Die Ausgetobten

PopDie Mundart-Pop-Institution Züri West entsagt auf ihrem exzellenten neuen Album «Göteborg» hartnäckig dem Hit-Format. Dafür bringen die Berner die Kunst des entspannten Musizierens zur Meisterschaft.

Sie siegen, ohne Spektakel zu bieten: Kuno Lauener und Markus Fehlmann von Züri West.

Sie siegen, ohne Spektakel zu bieten: Kuno Lauener und Markus Fehlmann von Züri West. Bild: Adrian Moser

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Warum nicht mit einer Sport-Metapher beginnen: Das neue Album von Züri West ist eher SCB als YB – es gewinnt, ohne Spektakel zu bieten. Deswegen wurden hier in Bern auch schon mal Trainer zum Rücktritt gedrängt. Bei Züri West werden solche Forderungen nicht laut werden. Dafür ist ihre neue Platte namens «Göteborg» zu liebenswert, dafür sind die kleinen Geschichten, die sie erzählt, ganz einfach zu hübsch. Sie haben meist keinen Anfang und keine Pointe, ihre Hauptfiguren haben eine kurze Halbwertszeit, sofern es überhaupt welche gibt.

Keine unbekümmerte Hit-Ansammlung

Einem seiner Helden gibt Kuno Lauener gerade mal 50 Wörter Lebenszeit, und er will diese nutzen, um unten in der Stadt Freunde zu suchen. Er hetzt und hastet, doch über Lauterbrunnen kommt er nicht hinaus. Selten ist sie schöner und mit weniger rhetorischen Pinselstrichen zu Lied gebracht worden, die Krux mit der Vergänglichkeit. 50 Wörter hat Kuno Lauener dafür gebraucht, seine Band ein paar dahingeschrummelte Akkorde und einen verschleppten Beat, ein bisschen schwerblütige Blas-Orchester-Feierlichkeit zum Schluss, und schon ist er wieder weg, dieser Song. Der Verzicht aufs Spektakel hat bei Züri West System.

Nein, es ist keine unbekümmerte Hit-Ansammlung geworden, dieses «Göteborg», nichts, womit sich an den Schweizer Openairs die Jugend zum Mitsingen animieren lassen wird. Und nein, es ist auch kein Werk geworden, in dem Kuno Lauener schmissige Episoden von seinem neuen Ü-50-Vaterglück zum Besten gibt, dies nur für all jene, die jedes neue Züri-West-Album nach irgendwelchen kunoschen Befindlichkeits-Updates abzutasten pflegen. Meist reicht dem Lauener eine flüchtige Beobachtung, um daraus ein Lied zu schnitzen. Ein Sonnenuntergang in 3027 Bern-Bethlehem zum Beispiel, und selbst in diesem abgefingerten Themen-Distrikt gelingt es dem Poeten noch, zwar eine gewisse Demut gegenüber dem Schöpfertum, aber keinerlei schnöden Kitsch aufkommen zu lassen.

Raum für Geschichten

Kuno Lauener und Markus Fehlmann sitzen gut gelaunt in einem Hotelzimmer der Berner Nobelherberge Schweizerhof. Ein bisschen froh, für einmal keine Fragen über die neue familiäre Situation und das Windelwechsel-Talent des Frontmannes beantworten zu müssen, ein bisschen kribbelig, wie ihr neues musikalisches Baby wohl von der Welt aufgenommen wird. Dass da kein Album mit lauter Stand-Alone-Hits entstanden ist, ist nämlich auch ihnen nicht entgangen, ja es entsprach sogar den vagen Vorgaben, die sie sich selber gesetzt haben.

Der Erfolg ihres letzten Studio-Albums, das vor vier Jahren veröffentlichte «Haubi Songs», hat sie in diesem Vorhaben bestärkt. «Haubi Songs» war eine Zangengeburt. Die Ideen flogen den Musikern nicht zu, Kuno Lauener litt unter Schreibstau, ein Hit war weit und breit nicht auszumachen, von jedem Song existierten bald unzählige Versionen, und das Erscheinungsdatum wurde mehrmals verschoben.

Dann geschah etwas, was auch die Arbeit am neuen Album beeinflussen sollte. Man verwarf die Eitelkeit und den ganzen Perfektionismus und besann sich auf die ersten Versionen der Songs. Die «halben Songs» wurden zum Grosserfolg, das Album erreichte Doppel-Platin und verkaufte sich – selbst in der Krise – besser als die meisten vorherigen Tonwerke der Band.

«Der Erfolg von ‹Haubi Songs› hat uns ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen», sagt Kuno Lauener. Und Markus Fehlmann ergänzt: «Natürlich war die Versuchung gross, hier noch eine Gitarre zu doppeln und da ein zusätzliches Chörli einzuspielen, doch was früher funktioniert hätte, stimmt für uns heute nicht mehr. Der aktuelle Züri-West-Band-Sound braucht Raum für Geschichten, die einzelnen Instrumente brauchen Luft, und wenn ein Schlag mal nicht genau auf die Eins kommt, dann lassen wir ihn stehen. Wir haben es aufgegeben, jedes Lied zum perfekten Pop-Song aufzublasen.»

Die Sache mit dem Sprechgesang

Der von Fehlmann beschriebene aktuelle Züri-West-Sound zieht seinen Reiz aus dem Ungezierten. Da wird kaum ein Ton mehr als nötig gespielt, die Effektgeräte werden, wenn überhaupt, ganz punktuell eingesetzt, die Bläsersätze beschränken sich auf wenige Trompetenspuren, und der Gesang von Kuno Lauener spielt sich stets etwa auf den gleichen fünf Tönen ab. «Ich habe irgendwann herausgefunden, dass diese Art des Sprechsingens in etwa meinen Fähigkeiten entspricht und dass diese unaufgeregte Art zu singen am besten zu meinen Kopfreisen passt», sagt Kuno Lauener. «Wenn ich mir ältere Aufnahmen anhöre, dann bin ich stellenweise ein bisschen unangenehm berührt, von dem, was ich da gekläfft habe. Dabei wäre ich ja eigentlich liebend gerne der Rock-Schreihals, der am Ende des Songs noch einen obendrübersägen kann. Aber eben.»

Diese gesangliche Selbstbeschränkung ist der neu gewonnenen Nonchalance der Band durchaus förderlich. Und doch kann es geschehen, dass einem ob dieser permanenten Reduktion aufs Wesentliche beim Durchhören des Albums Bilder von älteren Mannen erscheinen, die mit Mark-Knopfler-Frottee-Stirnbändern im Studio stehen. Man kann das musikalische Altersweisheit nennen, böse Zungen könnten aber auch von Altherrenmusik sprechen. «Und wenn schon», wirft Kuno Lauener ein. «Es ist ein normaler Prozess, dass wir heute auf andere Sachen Wert legen als früher. Im Moment interessiert uns eben mehr die atmosphärische Seite der Musik und weniger das Eklektische oder das Radio-Hit-Format.»

Phase des unverkrampften Liedschreibens

Nach Jahren des Haderns und des Stillstands (der Bassist Jürg Schmidhauser zog sich 2009 bei einem Gleitschirmunfall schwere Kopfverletzungen zu, und es war einige Zeit ungewiss, ob er wieder professionell Musik machen könnte), befindet sich Züri West in der Phase des unverkrampften Liedschreibens. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Song «Hallo Schissluun», etwas vom Feinsten, was Züri West in den letzten Jahren geschrieben haben. Ein programmierter Bossa-Nova-Beat trifft hier auf eine entspannte Wah-Wah-Gitarre, zur Steigerung mengt sich im Refrain eine dezente Hammond-Orgel dazu, und zum Schluss gibts die obligate Metallharmonie von den Gast-Bläsern Thomas Knuchel und Andreas Tschopp. Mehr braucht dieses Lied nicht, um seine aufreizende Coolness zu entfalten. Lauener spinnt dazu eine Geschichte über den Trübsinn unter blauem Himmel.

Oder da ist die 1,48-Minuten-Miniatur «Bugguwau», ein Lied in bester Mani-Matter-Tradition, basierend auf einer kleinen Zeitungsnotiz, dargebracht mit Gitarre, Posaune und Kinder-Orgel. Zwei Stücke, in denen Züri West ihre neu gefundene Freude am Kleingestigen zur Meisterschaft bringen.

Die Abwesenheit des Persönlichen

Persönliches oder allzu Gefühliges ist aus den Texten von Kuno Lauener weitgehend ausgemerzt, das Spartanische hat nicht nur im Ton, sondern auch im Wort Einzug gehalten. «Was die Leute in früheren Texten als persönlich empfanden, waren ohnehin bloss Rollenspiele», erklärt Kuno Lauener. «Ich bin schon zu spüren in diesem Album. Doch ich habe vermehrt Freude daran, mich in meinen Texten in andere Charaktere hineinzudenken.»

Bleibt die Frage, wie dieser neue Band-Sound live umgesetzt werden könnte. Hat man auch auf der Bühne den Mut zur Reduktion oder schnürt man dann doch ein Best-of-Programm mit allen Gassenhauern zusammen? Die abschliessende Sport-Metapher stammt von Kuno Lauener: «Wir stehen gerade just vor diesen Fragen und diskutieren, ob man bei gewissen Liedern das Tempo etwas anheben soll, damit sie nicht abfallen. Aber vermutlich wird es so sein wie beim FC Basel. So wie der Heiko Vogel am Ende des Spiels noch den beinahe 50-jährigen Chipperfield einwechselt, der dann prompt noch einen Topf schiesst, werden wohl auch wir gegen Schluss den einen oder anderen Evergreen ins Spiel bringen.» Am Ende geht es eben dann doch um den Sieg. (Der Bund)

Erstellt: 22.03.2012, 14:09 Uhr

Haben es aufgegeben, jedes Lied zum perfekten Pop-Song aufzublasen: Züri West. (Bild: Adrian Moser)

Züri West «Göteborg»

Die Platte

Züri West: Göteborg (Sound Service). Das Album erscheint morgen Freitag.

Mitternachtsverkauf mit Autogrammstunde im Olmo Bern: heute Nacht ab 24 Uhr.

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