Das Wunder an der Elbe

Der Fussballmythos lebt: «Das Wunder von Bern» gibts jetzt auch als Musical. In Hamburg gab die Premiere Anlass zum ganz grossen Jubel. Eine Wucht.

Spektakel auf allen Ebenen: Ein Länderspiel an der Wand und zwei Fussballverrückte, die sich versöhnen – in «Das Wunder von Bern» gibt es viel zu sehen. Und viel Gefühl.

Spektakel auf allen Ebenen: Ein Länderspiel an der Wand und zwei Fussballverrückte, die sich versöhnen – in «Das Wunder von Bern» gibt es viel zu sehen. Und viel Gefühl.

(Bild: Morris Mac Matzen/zvg)

Michael Feller@mikefelloni
Tobias Habegger@TobiasHabegger

Am Ende staunt man sich die Backen müde. Darsteller an Seilen spielen in der Vertikalen, rennen die Wände hoch, die das Spielfeld darstellen. Die Kombination aus Spiel, Videoprojektion, Musik und Techniktricks wecken Euphorie, als sitze man im Stadion. Spannung pur, auch wenn man weiss, wie das Spiel ausgehen wird: Es ist der WM-Final von 1954 im Wankdorf, Deutschland besiegt Ungarn sensationell 3:2.

Bern, der Geburtsort wiedererlangter deutscher Zuversicht: Dank des unerwarteten Weltmeistertitels geht ein Ruck durchs Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur physisch in Trümmern liegt. Es ist der Startschuss zum grossen Aufschwung. So lautet zumindest die Legende, die gerne erzählt wird. Sönke Wortmann brachte dieses Wunder 2003 ins Kino. Und jetzt, 60 Jahre nach dem besagten Spiel, folgt in Hamburg das Musical zum Fussballmärchen.

Die Deutschen, fussballmärchentechnisch eh in anhaltender Feierlaune, hatten an der Premiere im neu erbauten 1850-Plätzer Theater an der Elbe ihre allerhellste Freude. Das Stück von Gil Mehmert ist von gigantesker Wucht. Kein Aufwand wird gescheut. Eine Schar von Sängerinnen und Sängern spielen im Verlaufe des Abends auf der Bühne. Dort schiessen die Kulissenteile nur so von allen Seiten auf die Szene, und der Schauplatz wechselt innert Sekunden. Tempo sowie adäquate Portionen an Witz und Gefühl machen den Abend aus.

Drei Handlungsstränge

Gut, man könnte die 1:1-Adaption des Filmes als einfallslos abtun, doch diese Geschichte eignet sich wegen ihres Schmalzgehalts sehr fürs Musical. Die Spiele der WM 54 (und das Drumherum im Mannschaftshotel Belvédère in Spiez) bilden einen von drei Handlungssträngen.

Der zweite führt uns in die Stube der Familie Lubanski nach Essen. Vater Richard kehrt traumatisiert aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück und bringt Unruhe ins Gefüge. Sohn Mattes ist ein Fan von Rot-Weiss Essen und vergöttert taschentragend dessen Spieler Helmut Rahn, der zur WM aufgeboten wird. Vater und Sohn fahren schliesslich nach Bern und erleben den Triumph der Truppe von Trainer Sepp Herberger.

Die dritte Ebene handelt vom ehrgeizigen jungen Journalisten Paul Ackermann. Er wird als Berichterstatter an die WM geschickt, die Hochzeitsreise mit seiner Annette fällt ins Wasser. Dafür fährt sie mit und wandelt sich innert weniger Szenen vom Fussballmuffel zur Taktikexpertin.

Überraschende Trainings

Es sind die überraschenden Momente, die zu Höhepunkten werden. Neben der vertikalen Fussballakrobatik sind es zwei tänzerisch umgesetzte Trainingseinheiten. In der ersten wird der neue Stollenschuh, erfunden von Adi Dassler, mittels Stepptanz getestet. In der zweiten trainieren die Ungaren, ihre technische Überlegenheit demonstrierend. Diese Szenen dribbeln die eventuelle Befürchtung, Fussball und Musical sei eine zum Scheitern verurteilte Kombination konträrer Zeitvertreibe, ins Abseits.

Auch die ohrwurmige Musik von Martin Lingnau trägt zum Spektakel bei. Immer wieder greift der Komponist auf eine viel erprobte Hitformel zurück: a-Moll, F-Dur, C-Dur, G-Dur. Die Harmoniefolge erzeugt eine Abfolge der Emotionen Melancholie – Sehnsucht – Hoffnung – Freude und spiegelt die Geschichte in wenigen Takten. Ebenfalls mit allen Wassern gewaschen ist Songtexter Frank Ramond, der bereits mit Udo Lindenberg und Roger Cicero zusammengearbeitet hat. Er verheiratet die Worte so mit der Musik, dass sie jederzeit verständlich sind – und die deutsche Sprache äusserst geschmeidig daherkommt.

Solid, aber unterschiedlich berauschend ist die gesangliche Leistung. Nichtsdestotrotz: Es ist eine Produktion, die nie peinlich im Kitsch versinkt – und Musicalnasenrümpfer begeistert.

«Das Wunder von Bern»: Theater an der Elbe, Hamburg. www.stage-entertainment.de

Berner Zeitung

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