«Berner Rock ist nicht mehr so sexy»

Die Berner Musikszene befindet sich im Wandel. Während Rap, Elektro und Pop immer mehr dominieren, frönen immer weniger Bands dem legendären Berner Rock. Ist dieser gar vom Aussterben bedroht? Die Berner Musiker sind sich über die Antwort uneins.

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Nimmt man die aktuelle Hitparade (20.03.2011) als Massstab, sieht es für die Berner schlecht aus. Auf Platz 46 befindet sich die Aufsteigerin Steff la Cheffe, dicht gefolgt von Blueser Philipp Fankhauser auf Platz 48. Unter den Single Top 75 gibt es keine Namen aus dem Kanton Bern zu entdecken. Müssen wir uns jetzt Sorgen machen?

«Der Berner Rock stirbt nicht aus», entrüstet sich Polo Hofer ob der Frage. «Wichtig ist nicht nur, dass ein Song ein Hit wird, er muss auch zum Volkslied mutieren», erklärt der Berner Mundartrocker. Im Kanton Bern gebe es laut der Internetplattform mx3 schliesslich über 3000 Bands und Musiker. «Die Musik ist ein wichtiges Hobby für die Jugend», führt Polo Hofer weiter aus. Als Berner Rock bezeichnet er Musik in den Bereichen Pop und Rock, inklusive englisch- und französischsprachige Texte, aus dem Kanton Bern.

Grosses Potenzial

Samuel Mumenthaler, Buchautor von «50 Jahre Berner Rock», sieht der Zukunft des ‹klassischen› Berner Rocks etwas skeptischer entgegen. Er spricht ebenfalls von Pop und Rock, wenn es um den „Berner Rock“ geht, glaubt aber, dass das Publikum hier berndeutsche Texte erwartet. «Der Berner Rock ist nicht mehr ganz so sexy wie früher», beschreibt der Musikjournalist den Wandel in der Szene. Er glaubt, dass sich das Feld künftig weiter öffnen wird. So hätten sich bereits Bands und Musiker im Bereich Hip Hop und Elektro einen Namen geschaffen.

«Das Potenzial in Bern ist weiterhin gross», glaubt Mumenthaler, «aber im Moment stehen die Newcomer noch im Schatten der Berner-Rock-Pioniere.» Diese seien mittlerweile zwischen 45 und 65 Jahre alt. Aber auch «schräge Musik», wie zum Beispiel die von Reverend Beat-Man, sei im Untergrund zu finden. Für ihn ist klar, dass es «in Bern etwas Neues braucht, damit sich die Szene entwickeln kann», denn Mundartrock sei längst nicht mehr die Spezialität der Berner, «Jammern bringt da nichts». Samuel Mumenthaler und Polo Hofer empfehlen den Newcomern, keine bestehenden Bands zu kopieren, etwas eigenes zu kreieren und den Schritt ins Ausland zu wagen.

Wo sind die Rebellen?

Auch das Rebellische von Polo Hofer & Co. gibt es heute nicht mehr. Wo sich einst die Jugendlichen noch voll und ganz auf die Musik konzentrierten, nachts heimlich zu Proben und Konzerten schlichen, scheinen sie heute mehr auf Nummer sicher zu gehen. Und sie wollen nicht in die Fusstapfen ihrer Vorgänger treten. «Viele junge Bands wollen zwar die Nummer eins werden, hören aber auf, sobald sie merken, dass es nicht gleich klappt», erklärt Samuel Mumenthaler. «Dabei sind Berner für Ihre Geduld und ihren Durchhaltewillen bekannt», so der Szenen-Chronist, «sie sollten diese Stärken mehr nutzen und auf Konstanz setzen.» Polo Hofer hätte am Anfang seiner Karriere auch nicht gedacht, dass er einmal mindestens 28 CDs veröffentlichen würde.

Hinzu kommt, dass sich auch die Musikszene verändert hat. Während sich das Feld der Stilrichtungen öffnete, sind die Auftrittsmöglichkeiten rarer geworden. «In den 70er Jahren gab es noch keine DJs. Da wurde für jedes Fest eine Band engagiert», beschreibt Polo Hofer die Szene vor über vierzig Jahren. «Der Markt bestimmt nun den Erfolg», weiss der Sänger, «neben einem guten, radiotauglichen Tonträger sind Konzerte, Organisation und Eigeninitiative ebenso wichtig.»

Die Band ist unwichtig

Die Schwierigkeit ist nicht unbedingt, berühmt zu werden, dafür umso mehr, den Status zu erhalten. In den meisten Fällen seien es aber die Lieder, die bekannt blieben, allenfalls der Sänger, aber von der Band spreche nach Jahrzehnten niemand mehr, warnt Hofer. Noch geniessen die Berner Rocker einen vorzüglichen Ruf in der Schweizer Musikszene und der emotionale Erfolg scheint trotz fehlenden Chart-Platzierungen und sinkenden Verkaufszahlen ungebrochen.

Die in Garagen und Kellern schlummernden Bands dürfen sich also doch noch etwas mehr Zeit lassen. Bekanntlich müssen gute Songs auch gedeihen, gehegt und gepflegt werden. So wie zum Beispiel ein «Alperose». «Und irgendwann kommt ein Knaller», ist sich Polo Hofer sicher, «etwas, auf das wir lange gewartet haben».

Berner Zeitung

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