Auf eine weitere (Ehren-)Runde

Lange nach dem letzten gemeinsamen Werk und der Auflösung von Wurzel 5 meldet sich die Berner Chlyklass zurück. Diese Woche erscheinen ein neues Album und ein Dokumentarfilm.

Noch einmal als komplette Truppe: Die Berner Chlyklass.

Noch einmal als komplette Truppe: Die Berner Chlyklass.

(Bild: OIiver Bär)

Man kann sie lieben, man kann sie hassen, doch der Legendenstatus ist zweifelsohne verdient. Kein Kollektiv hat den Berner, wenn nicht gar den kompletten Schweizer Rap über Jahre hinweg so geprägt wie die Chlyklass. Zur Jahrtausendwende war dieser Zusammenschluss aus PVP, Wurzel 5, Baze und DJ Skoob eine der Speerspitzen einer aufstrebenden nationalen Mundartszene, die erstmals mit professionell produzierter Musik, ausverkauften Tourneen und respektablen Verkaufszahlen auftrumpfte.

Ehrlich und bodenständig

Wurzel 5 kultivierten über Jahre das Image der Rumpeltruppe, welche Backstagekühlschränke nie unangetastet liess, PVP hielten die Fahne für Graffiti-Writer und Politaktivisten hoch, und Baze liess einen auf grandiose Weise an Euphorie und Leid teilhaben. Allen gemeinsam ist, dass die Musik stets ehrlich und bodenständig war. Trat die Chlyklass gemeinsam auf, waren volle Konzerthäuser garantiert. Um die fünfzig Tonträger sind zwischen 1997 und 2013 direkt aus dem Kollektiv heraus oder zumindest mit massgeblicher Beteiligung von dessen Mitgliedern entstanden.

Baldy Minder, der heute 38-jährige Mitbegründer und Manager der Truppe, weiss etliche Klassiker und Highlights aufzuzählen: «An Konzerten die Reaktionen auf Songs wie ‹Nüt›, ‹Häng id Luft› oder ‹Ender weniger› zu erleben, ist schon sehr eindrücklich.» Auch die Auftritte am Hip-Hop-Festival Splash in Deutschland erfüllten ihn mit Stolz, überhaupt das Reisen mit Chlyklass. Die Truppe verschlug es bis nach Jordanien, Tansania und Syrien.

Gute Songs und Geschichten

Und nun also «Wieso immer mir?», ein Nostalgiealbum, natürlich. An der Komplexität der Reimstrukturen und der Punchline-Dichte wollen die Chlyklässler nicht mehr gemessen werden. «Baze hat immer noch einen unglaublichen Flow, Greis ist technisch einer der Besten überhaupt, und Diens hat klasse Refrains beigesteuert. Aber eigentlich geht es uns vor allem um gute Songs und Geschichten», sagt Poul Prügu.

So findet sich auf den 25 Titeln der De-luxe-Version eine ganze Menge mal ernst gemeinter, mal ironischer Storys. Der «Lifetime Award» bringt den Bandmitgliedern nichts als Unglück, und ein paar «auti truurigi Männer» machen sich über sich selbst, ihre hängen gebliebenen Fans und die Musikindustrie lustig, die immer noch Geld in sie investiert. Es sind Lieder fürs Auto mit Kindersitz und das Wohnzimmer mit Bücherregal geworden. Das mit den «Häng id Luft» überlässt die Chlyklass gerne den Jüngeren.

Mittlerweile sind gut die Hälfte der Chlyklässler Familienväter. Tiersch und Serej haben seit der Auflösung von Wurzel 5 keine Musik mehr veröffentlicht. Applaus und Anerkennung hat Serej während dieser Zeit nicht vermisst: «Ich habe ein mittlerweile 2-jähriges Kind, habe mein Haus umgebaut, mich mit Fussball beschäftigt und bin zu hundert Prozent meinem Job nachgegangen.» Ausser Greis und Baze geht niemand im Kollektiv mehr hauptberuflich einer künstlerischen Tätigkeit nach.

Der Anstoss, es nach längerer Rap-Abstinenz noch einmal als komplette Truppe zu versuchen, kam schliesslich von Poul Prügu: «Es ist sicher, dass PVP ein weiteres Album aufnimmt. Wurzel 5 wird das eher nicht tun. Mir war es wichtig, dass wir nochmals alle gemeinsam etwas veröffentlichen, um die Legende zu pflegen und fortbestehen zu lassen.»

;Chlyklass: «Wieso immer mir?» Chlyklass/Sound Service). Erhältlich ab 1.Mai. >

Berner Zeitung

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