Auf dem trunkenen Kreuzfahrtschiff

Das Kollektiv Klangheimlich organisiert neu Überraschungskonzerte. Das erste war ein Volltreffer.

Überraschung: Milena Krstic und Sarah Elena Müller.<p class='credit'>(Bild: mbu)</p>

Überraschung: Milena Krstic und Sarah Elena Müller.

(Bild: mbu)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Der Standort ist schon mal ein Bijou: die Kinemathek Lichtspiel Bern an der Sandrainstrasse. Genau. Dort unter der Monbijoubrücke, hoch oben im Dachstock des backsteinernen Ryff-Fabrikgebäudes: hohe Decken, die Regale voll mit ausgestaubtem Kameraequipment und Projektoren. Die roten kuschligen Sessel in Reih und Glied. Davor eine Leinwand, Keyboard und Synthies, Notenständer, Mikrofone. Alles Hinweise darauf, was an diesem Abend so zu erwarten sein könnte.

Klangheimlich heisst das Kollektiv, bestehend aus Martina Amrein, Christoph Geissberger und Milena Geiser, das hier im Lichtspiel neu Überraschungskonzerte organisiert. Jeden zweiten Donnerstag im Monat sollen sie stattfinden. Der Eintritt ist frei, die Bar ab 19 Uhr geöffnet, das Konzert auf 20 Uhr angesagt.

Überraschungskonzerte sind einem ja nie ganz geheuer, weil von Züri West bis zur Helene-Fischer-Coverband alles möglich ist. Deshalb pendelt die Stimmung an der gut besuchten Premiere auch zwischen Erwartung und Befürchtung. Doch schon als die Ansagerin die ersten Sätze sagt, macht sich Erleichterung breit: «Plattentaufe letzte Woche im Rössli. Zwei junge, mutige Frauen. Begrüssen Sie nun: Cruise Ship Misery!»

Cruise Ship Misery, das sind die zwei Musikerinnen, die mit ihrem Album «Urteil», so mir nichts, dir nichts, ein neues Genre erfunden haben: den Berner-Strafvollzugs-Synthiepop. Oder wie sie sich selber nennen: das Crypto-Mundart-Duo des Grauens. Sound direkt aus dem Verwaltungsapparat! Schon eine Weile sind Milena Krstic, die auch als Milena Patagônia die Mundart-R&B-Szene unsicher macht, und Sarah Elena Müller als traurig-trunkenes Kreuzfahrtschiff unterwegs. Das Konzept ist simpel: Synthesizer, Stimme, Leinwand. Zu Sarah Elena Müllers Ausschweifungen am Keyboard rappt und singt Milena Krstic im Abendkleid.

Die hochdeutschen Songtexte aus Müllers Feder werden auf der Leinwand als Untertitel eingeblendet, Milena Krstic performt sie auf Berndeutsch. Es ist ein Experiment, aber ein gelungenes, weil alles stimmt. Der Sound, die Worte, der Auftritt. Die Texte sind Kunstwerke, klug, durchdacht, mit versteckten Pointen. Es sind Geschichten, die irgendwo zwischen Alltag, kafkaesken Lebenslagen und urbaner Desillusion mäandrieren. Wie Betonklötze ragt behördliches Vokabular zwischen harter, aber fein gesponnener Poesie auf. Ein Beispiel? «Bürozeiten klammern mich aus, Schalter schliessen, Schleusen schnappen und Telefonbeantworter leiern.» Oder: «Schatten unter den Augen. Ich habe Augenringe. Schattengefahr. Beschattung. Verdunkelung der Seele und Kollusionsgefahr.» Noch mehr? «Die inneren Gewichte schwingen in entgegengesetzte Richtungen, und Hans schwankt am Glück vorbei.»

Milena Krstics verspielter, zarter Gesang und das breite Berndeutsch nehmen den Texten die Schwere. Dazu der klug komponierte Synthiesound, mal Dubstep, mal Housebeats, Lounge, R&B auch, dann wieder Downbeat à la Stéphane Pompougnac. Cruise Ship Misery schaffen es, den Hunger nach Poesie und alltägliche Verstrickungen in ganz neuer Musik zu verschmelzen. Kombiniert mit einem nonchalanten Auftritt ist das ganz grosses Kino. Eine wahrlich gelungene Überraschung. Neuer Sound, neues Format, klammheimlich in Bern entstanden: mehr davon!

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt