Als der Blues nach Bern kam

Vor 50 Jahren entdeckten die Berner den Blues: Im Casino sangen John Lee Hooker, T-Bone Walker und Willie Dixon, die damals kaum jemand kannte. Das American Folk Blues Festival war auch für den damals 17-jährigen Polo Hofer eine Offenbarung.

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Es war die Nacht, als der Blues Bern erreichte. Doch die Zeitungen schickten keine Kritiker, der Publikumsaufmarsch hielt sich in Grenzen. Angesagt war ein American Folk Blues Festival. Mit dabei unter anderen der einsame Wolf John Lee Hooker und der Gitarrist T-Bone Walker, der den Blues elektrifiziert hatte. Am Flügel sass Memphis Slim, den Kontrabass spielte Willie Dixon. Jedem Fan musste bei diesem Staraufgebot der Puls in die Höhe schnellen. Bloss: Bluesfans gab es damals in Europa kaum. Einer, der das geschichtsträchtige Konzert im Oktober 1962 nicht verpasste, war der damals 17-jährige Polo Hofer. «Die American Folk Blues Festivals waren ein Grund, warum es mich vom Oberland nach Bern zog», sagt Hofer, der ein glühender Verehrer der schwarzen Jazz- und Bluesmusiker war. Noch war der Blues einigen hippen Connaisseurs vorbehalten, die sich ihre Informationen über Radiosender wie American Forces Network beschafften.

Mit missionarischem Eifer

Dies änderte sich dank den beiden deutschen Konzertveranstaltern Horst Lippmann und Fritz Rau. Beeindruckt von Big Bill Broonzy, der sich in den 1950er-Jahren als letzter Bluesmohikaner vermarkten liess, beschlossen sie, den «authentischen» Blues nach Europa zu holen. Die Musikfans folgten den Objekten ihrer Begierde bis in die Hütten am Mississippi und die Musikkneipen der South Side von Chicago, wo Weisse nicht gern gesehen waren. Für die meisten Musiker, die Lippmann und Rau im Oktober 1962 nach Frankfurt einfliegen liessen, war es der erste Besuch in Europa. Die Veranstalter präsentierten «ihren» Blues mit missionarischem Eifer und didaktischen Ambitionen – ein Journalist sprach von der «heissesten Volkshochschule der Welt».

Die Konzerte folgten einer ausgeklügelten Dramaturgie: Wie in einer Revue lösten sich Solisten, Duos und grössere Formationen ab. Die Bühnentricks, mit denen die Musiker das Publikum zu Hause bei der Stange hielten, waren bei der Tournee durch die europäischen Konzertsäle nicht erwünscht. «Das finde ich im Nachhinein gar nicht so richtig, weil wir da mit unserem allzu weissen Kopf reingeredet haben», bedauerte Horst Lippmann später. «Wir wollten die Akzeptanz dieser Musiker erreichen und nicht wieder aus ihnen Neger machen, die lustige Sachen machen und sich selbst desavouieren.» Die Profis liessen sich ohnehin nicht einschränken: Auf den Fotografien, die vom Berner Konzert erhalten sind, kann man T-Bone Walker beim legendären Gitarrenspagat sehen.

Opfer des eigenen Erfolgs

Weil das erste American Folk Blues Festival von 1962 die Erwartungen übertraf, wurde es fortan jährlich wiederholt – und löste einen wahren Bluesboom aus: 1964 war die Royal Albert Hall dreimal ausverkauft, in den besten Jahren standen über 30 Konzerte an. Doch Lippmann und Rau wurden Opfer ihres eigenen Erfolgs. Sie hatten den Blues buchstäblich zur Welt gebracht und junge Musiker wie die Rolling Stones, Eric Clapton oder die Animals mit dem Virus infiziert. Dann aber machten die weissen Schüler den Blues so populär, dass das Interesse an den Originalen zurückging. 1972 wurde das Festival eingestellt, in den 1980er-Jahren gab es ein kurzes Revival.

Tipps zum Nachtleben

In der Schweiz war Polo Hofer mit seinen Jetmen einer der Ersten, die auf schwarze Musik setzten – auch unter dem Eindruck des Erlebnisses von 1962. Nach dem Konzert jagte Polo nach Autogrammen. Besonders beeindruckt hatte ihn der Auftritt von Sonny Terry&Brownie McGhee. «Der eine war blind, der andere lahm», erinnert sich Hofer. Als er sich beim Blinden um ein Autogramm bemühte, zückte dieser einen Stempel mit dem Aufdruck «Yours, Sonny Terry». John Lee Hooker verlangte als Gegenleistung für seinen Namenszug einen Tipp in Sachen Nachtleben. «Als Nichtberner kannte ich nur das Chikito», sagt Polo. «Es brauchte einige Überredungskünste, bis man den berühmten Musiker in seinen Hochwasserhosen und je einem geringelten und einem gestreiften Socken ins Nachtlokal liess.» Der Blues war definitiv in Bern angekommen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.10.2012, 10:07 Uhr

Plakat des ersten American Folk Blues Festival: Bluesgrössen
wie John Lee Hooker oder T-Bone Walker spielten 1962 in Bern. (Bild: zvg)

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