Adele im Musikwunderland

Eine Stimme lädt zum Staunen: Die britische Sängerin Adele suhlt sich mit so viel Soul im Herzschmerz, dass sie sich mit ihrem zweiten Album «21» – kaum dem Teenageralter entwachsen – bereits definitiv als grosse Stimme positioniert.

Sängerin Adele

Sängerin Adele Bild: zvg

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Eigentlich ist der Titel ihrer zweiten CD bereits überholt. Am 5. Mai 2010 feierte Adele Laurie Blue Adkins ihren 22.Geburtstag. Aber eigentlich ist das auch ziemlich egal. Denn die Tatsache bleibt: Diese Frau ist ein Phänomen. So viel Seele, so viel gelebtes Leben liegen in dieser Stimme, in diesen Songs. Als blicke eine gestandene Diva auf all die Jahre zurück, all die Liebesenttäuschungen, all die Momente zwischen Verzückung und Verzweiflung. Dabei war Adele süsse 19 Jahre jung, als die Songs für ihr Debütalbum entstanden, dem sie den Namen «19» gab. Zwei Jahre später wiederholt sie den Trick mit «21». Der Albumtitel ist aber auch schon der einzige Moment, wo man der Dame aus London mangelnde Fantasie vorwerfen könnte. Dreht sich die Silberscheibe einmal im CD-Player, spielen Jahre keine Rolle mehr. Denn die Songs auf «21» sind schlicht zeitlos.

Von Stimmen besessen

Sie sei schon als kleines Kind von Stimmen besessen gewesen, sagt die Londonerin. Sie performte Spice-Girls-Songs an Dinnerpartys, stolperte irgendwann zufällig über Ella Fitzgerald und Etta James. Sie schrieb mit 16 «Hometown Glory», den Song, der später ihr erstes Album abschliessen sollte. Schon zuvor deckten Kritiker die junge Frau mit Lobeshymnen ein, wurde sie mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Und Adele Adkins hielt, was sie versprach. «19» war ein starkes Debüt, schoss in England direkt auf Platz 1 der Albumcharts und knackte in den USA die Top Ten.

Adele war die neue Amy Winehouse – und gleichzeitig die Anti-Winehouse: Adele hat ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen, während La Winehouse mit Brustvergrösserungen Aufsehen erregt, Adele ist auf dem Boden geblieben, während ihre Landsfrau komplett abgehoben, an Konzerten sturzbetrunken über die Bühne getorkelt ist und seit Jahren keine neue Musik, dafür umso mehr Negativschlagzeilen unters Volk gebracht hat. Dabei ist auch Adele beileibe kein Kind von Traurigkeit, einer Flasche Rotwein oder zweien durchaus zugetan und nicht auf den Mund gefallen. So nannte sie US-Politikerin Sarah Palin, die sie bei «Saturday Night Life» kennen lernte, «a fucking nutter», was mit «eine komplett Verrückte» noch nett übersetzt ist.

Die Kraft einer Löwin

Adele konzentrierte sich aber rechtzeitig wieder auf die Musik. Und präsentiert mit «21» ein zweites Album, das den Vorgänger übertrifft und sie definitiv als eigenständige Stimme im Business positioniert. Vielleicht ist «Rumour Has It» das beste Beispiel dafür. Stoische Drumbeats ersetzen die hippen Mark-Ronson-Rhythmen, die auf «19» den Song «Cold Shoulder» in die Nähe von Winehouses «Back to Black» rückte. Adele klingt kraftvoll und selbstbewusst – doch als die Beats plötzlich wegfallen und sie bloss noch von einem einsamen Piano begleitet wird, lässt ein Vibrieren in ihrer Stimme ihre Verletzlichkeit aufscheinen.

Und den Zuhörern wird klar: Hier geht es nicht um effekthascherische Stimmakrobatik. Sondern um echte Gefühle. Und die handeln immer wieder von Kummer in Sachen Liebe. «Can’t help feeling we could have had it all», singt sie in «Rolling in the Deep» – doch jetzt sehe sie plötzlich kristallklar. Und die Narben dieser Liebe lassen sie atemlos zurück. Apropos atemlos: «Rolling in the Deep» hat die Kraft einer ausgewachsenen Löwin, die Emotionalität einer traurigen Schmusekatze.

Magische Momente

Und wenn Adele in «Someone Like You» bloss vom Piano begleitet wird, dann ist die Wirkung ebenso betörend wie beim sanften Cure-Cover «Lovesong», beim Soulkracher «One and Only» oder bei grossen Popsongs wie dem von Rick Rubin produzierten «He Won’t Go» oder dem Knaller «Set Fire to the Rain». Genau: Bei solch magischen Momenten fängt sogar der Regen Feuer. Bei Adele im Musikwunderland ist eben (fast) nichts unmöglich.

Adele: «21», XL/Musikvertrieb. Erscheint am 21. Januar. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.01.2011, 12:02 Uhr

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