Absturz einer Ente

Vom Sturzflug einer Ente in den Gartenzaun und der Nachricht vom Tod von Prince.

Prince im Jahr 2011.

Prince im Jahr 2011.

(Bild: Keystone)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Es war ein seltsamer Morgen. Ich sass auf der Stufe, die hinaus in den Garten führt. Drinnen lief das Radio. Es schien ein schöner Tag zu werden. Es hellte langsam auf. Ich zog gerade an meiner Zigarette, als eine Ente über meinen Kopf hinwegflog und in den Zaun knallte, der den kleinen Teich umgab. Lange blieb sie reglos stehen. Ich beobachtete sie und rauchte still. Da hörte ich im Radio die Meldung, dass Prince gestorben sei – an einer Überdosis.

Ich war nie ein richtiger Prince-Fan. Ich mochte seine Musik durchaus. Ich kannte und schätze Prince als Künstler, war ihm aber nicht emotional verbunden. Ich weiss nicht, ob es an der bizarren Szene mit der Ente lag, oder ob ich an diesem Morgen, dem 22. April 2016, sonst in einer etwas sentimentalen Stimmung war. Jedenfalls hat mich diese Nachricht tief erschüttert.

Vielleicht waren es aber auch einfach zu viele gewesen. Helden der Jugend, ja eine alte Welt, mit der ich noch verbunden war, schien nach und nach zu verschwinden. Frank Sinatra, David Bowie, Imre Kertész und Roger Willemsen waren kürzlich gestorben. Ein Jahr zuvor B. B. King, 2013 ging Lou Reed.

Ich weiss noch, wie ich das Radio ausmachte. Zum Plattenspieler ging und den Song «Purple Rain» abspielte, mich wieder hinsetzte und einfach weiterrauchte. Etwa zehn, fünfzehn Mal habe ich mir das Lied angehört und nachgedacht. Ich fühlte mich traurig und spürte wohl zum ersten Mal in meinem Leben die Vergänglichkeit am eigenen Leib – spürte, dass Dinge auch verschwinden können, dass neue Zeiten anbrechen und andere verdrängen. Ich dachte an Leonard Cohen und hatte Angst um ihn. Zum Glück wusste ich noch nicht, was das Jahr 2016 sonst so mit sich bringen würde.

Die Sonne ging auf, ein schöner Frühlingstag begann, und irgendwann bewegte sich auch die Ente wieder. Es schien ihr wieder gut zu gehen. Sie holte ein bisschen Anlauf und flog dann davon – und ich, ich kam zu spät zur Arbeit.

Aare, Wasser, Tränen: In dieser Rubrik schreiben wir, wie Kultur und Kleinigkeiten uns nachhaltig zu bewegen vermögen.

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