30 Bands, 1400 Trucks und 53'000 Besucher

Wetterglück bescherte dem 22.Trucker- und Country-Festival in Interlaken einen Besucheransturm. Für Furore sorgten neben dem Mavericks vor allem viele von den «kleinen» Bands auf den Aussenbühnen.

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Freitagabend gegen sechs: Die Einfahrt der Brummis zum Festgelände steht dem grössten Truckstop der USA in Kingman, Arizona in keiner Weise nach. Da reihen sich original US-Trucks in die 1400 eintreffenden Lastwagen ein. Derweil herrscht entlang der über 100 Marktstände die Ruhe vor dem grossen Sturm. Dies ändert sich schon kurz nach dem Kick-off von Ralph Güntlisberger und seinen Legends. Die Berner Rocker bringen mehr als nur den unmittelbar neben der Bühne stehenden grössten Gärofen Europas zum Glühen.

Am späten Abend, als Raul Malo die letzten Riffs aus den Gitarrensaiten kitzelt, gibt sich Trucker Hannes aus Deutschland überzeugt: «Eigentlich könnte man jetzt nach Hause gehen. Das Highlight hatten wir ja schon.» Er sollte recht behalten. Draussen brettern selbst nach ein Uhr nachts noch grosse Formationen von nimmermüden Linedancern über den Asphalt. Überall duftet es nach saftigen Steaks und Barbeque. Der zunehmende Halbmond verabschiedet sich diskret hinter dem Abendberg. Die Welt ist in Ordnung.

Am Samstagmittag bereiten sich die Cowboys und -girls auf einen Sprint in den schützenden «Schärme» vor. Doch es bleibt bei ein paar harmlosen Regentropfen. Trotz herzhaften Einsatzes vermag das Aargauer Rocksextett Open Range die tief über dem Morgenberghorn hängenden Wolken nicht wegzurocken. Das «Gesäusel» von Tune West und den Honky Tonk Angels wiegt das Publikum beinahe in den kollektiven Tiefschlaf. Gottlob bringen die Zürcher Dark-Western-Band Deathrope und Keith Sterling mit seiner Brewer Band die Stimmung zurück.

Der Skandal um die Prämierung des schönsten Showbikes dann kurz nach vier nachmittags: Der neue Festivalmoderator Marco Scherrer, der die Lücke des nach elf Jahren abgetretenen Vorgängers Sven Epiney eh nicht zu schliessen vermag, leistet sich ein verhängnisvolles Fehlurteil, indem er sich schlicht auf die billige Dezibelmessanzeige seines Mobiltelefons verlässt.

Der einzelne Tarzanschrei eines angetrunkenen Zuschauers verfälscht das klar überwiegende Veto des Publikums, was den Thuner Kilian Stucki somit um den sicheren Sieg für das schönste Motorrad auf dem Platz bringt. Der Preis geht an einen auswärtigen Konkurrenten. «So ne Bschiss», raunt es aus vielen enttäuschten Kehlen.

Die grosse Countrynacht vom Samstagabend hat den etwas fahlen Geschmack einer abgelaufenen Konservendose: Nach dem Trucker Award mit der Krönung der Ritter der Strasse ist es Zeit für die Herzensbrecher aus Florida, die Bellamy Brothers. Die beiden führen das Publikum am Truckerfestival durch den Ozean der Liebe und der Gefühle. Dabei tun sie nahezu emotionslos ihren Job – mehr nicht. Besser wird es auch mit dem Honkytonk-Helden John Michael Montgomery aus Kentucky nicht. Im Gegenteil...

Am Sonntagmorgen werden da schon ganz andere Saiten aufgezogen – oder Klaviertasten. Ueli Schmutz alias Jacky bringt seit 20 Jahren die müden Glieder des Publikums wieder in Schwung. Und diesem gefällt es: Das 60 Meter lange Schattenzelt ist bald bis auf den letzten Platz besetzt.

Der Grund ist aber auch der Truckergottesdienst mit einer Taufe von Pfarrer Claude Hämmerli. Thema: der soziale Unterschied zwischen den Sonntags-Mammut-Jäggli und den Goldrand-Sonnenbrillen Tragenden. «Wenn jeder Pfarrer so predigen würde wie der, wären unsere Kirchen gerammelt voll», posaunt der dreifache Jubilar Jacky, der die Rede Hämmerlis mit Rock’n’Roll vom Feinsten begleitet.

Der 70-Jährige ist seit 50 Jahren auf Tour und veröffentlichte soeben sein 25. Album. Wohltuend auch die abschliessende nachmittägliche Stunde mit dem Entlebucher Outlaw Joe Bandit. Mit seiner Band heizt der Schwerbewaffnete zum Schluss des 22. T&C mit Songs aus seinem neusten Album ein.

Die Trucker machen sich langsam für das Blow-out parat: Pünktlich um 18 Uhr ertönen 1400 LKW-Hörner in allen Tonlagen. Heute noch vor Tagesanbruch wird der Oberländer Kingman-Truckstop wieder für ein Jahr zurückgelassen. See you again – vom 1. bis 3. Juli 2016. ()

Erstellt: 28.06.2015, 20:31 Uhr

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