Planet Stille

Stille ist ein rares Gut in unserer lauten Zeit. Doch was genau ist Stille? Und wo ist sie zu finden? Ein Gespräch mit Kurt Stadelmann, Kurator am Museum für Kommunikation, wo ab Freitag die «Sounds of Silence» zu hören sind.

Wie klingt die Stille? Im Museum für Kommunikation kann man sie in 360°-Akustik hören.<p class='credit'>(Bild: Museum für Kommunikation/zvg)</p>

Wie klingt die Stille? Im Museum für Kommunikation kann man sie in 360°-Akustik hören.

(Bild: Museum für Kommunikation/zvg)

Kurt Stadelmann, was ist der stillste Moment, den Sie je erlebt haben? Kurt Stadelmann: Ich habe vor kurzem eine Nachtwanderung im Emmental gemacht, war sechs Stunden unterwegs, ohne anzuhalten. Und als ich morgens um drei Uhr auf einem Grat ging, den Mond über mir, nahm ich wahr, wie still es um mich herum geworden war. Und in mir drin. Das ist mir ziemlich eingefahren. Stille, die man erarbeitet, nicht nur ersehnt.

Viele Menschen sehnen sich nach Stille. Warum? Ist unsere Zeit besonders laut? Sie ist laut, ja. Auch im Sinne von Hektik, Mobilität, Gleichzeitigkeit von allem. Aber ich glaube, unsere Zeit ist nicht lauter als frühere Zeiten. Wann, denken Sie, wurde Ohropax erfunden?

Im Ersten Weltkrieg? Noch vorher: 1908. Aber die eigentliche Erfinderin war die antike Göttin Kirke. Sie hat Odysseus empfohlen, die Ohren seiner Schiffsgefährten mit Wachs zu verstopfen, damit sie nicht den singenden Sirenen verfielen, während er sich selber an einen Mast binden liess, um den Klängen lauschen zu können. Jede Zeit, jede Kultur kennt den Lärm – also das, was man nicht hören will. Und jede Zeit hat einen Umgang mit der Stille gesucht.

Wäre Stille in Umkehr Ihrer Lärmdefinition also das, was man hören will? Das Atmen eines schlafenden Menschen, den man liebt? Vogelgezwitscher? Leise fallender Schnee? In gewissem Sinne, ja. Stille ist relativ. Und subjektiv.

Gibt es auf unserem Planeten keine absolute Stille? Nein. Zumindest nicht in unserem natürlichen Umfeld. Es gibt sie in einer echofreien Kammer. Das ist dann aber ein Schallvakuum wie im Weltall. Es gibt einen solchen Raum in Wabern, am Institut für Metrologie, sprich: Messwesen. Ich war da mal drin – und etwas enttäuscht. Ich hatte ein intensives Erlebnis erwartet, aber es ist vielmehr Dumpfheit, was man da spürt, auch körperlich. Ich habe es in der Kammer ziemlich lange ausgehalten, doch irgendwann wurde diese Stille lästig, beklemmend, ja fast unerträglich. Und dann ist es ja auch nicht mehr Stille, sondern das Gegenteil.

Aber lärmig wurde es ja nicht in dem echofreien Raum. Was ist denn das Gegenteil von Stille, wenn nicht Lärm? Man kann Stille nicht auf Lautlosigkeit reduzieren. Sie hat auch etwas mit Ruhe, mit In-sich-selbst-Ruhen zu tun. Bei den Recherchen für unsere neue Ausstellung «Sounds of Silence» habe ich den Jesuiten und Zenmeister Niklaus Brantschen besucht und mit ihm über die Stille gesprochen. Er sagt: Stille heilt. Stille statt Pille. Stille ist das, was dich gesund macht. Das Gegenteil davon wäre also alles, was dich krank macht. Auch erzwungene Stille macht krank. Sie kann sogar verrückt machen.

Sie meinen Isolation? Reizentzug ist ja auch eine Foltermethode. Ja, das Hirn braucht Reize, um zu funktionieren. Denken Sie an den Begriff Totenstille – er verdeutlicht, wie sehr die Menschen, die sich nach Stille sehnen, gleichzeitig Angst haben vor ihr. Niklaus Brantschen sagt auch: Stille ist nichts für Feiglinge.

Warum braucht es Mut, sich der Stille zu stellen? Vielleicht, weil die meisten von uns es nicht gewohnt sind? Und weil man in der Stille sich selbst begegnet.

Kurator Kurt Stadelmann hat sich intensiv mit dem Thema Stille beschäftigt. Bild: Museum für Kommunikation/zvg

Kehren wir zurück in den Alltag, da ist Stille oft schwer zu finden. Nein, eigentlich nicht. Stille ist überall, auch am Bahnhof Bern.

Also, erklären Sie das mal: Wie findet man eine Oase der Stille im Berner Bahnhof? Man setzt sich irgendwo nieder und hört hin. Hört nach innen. Man nennt das landläufig Meditation. Manchmal geht Meditieren an einem lauten Ort besser als in einem stillen Raum, wo jedes Knacken plötzlich unglaublich laut klingt – und störend. Wenn man nicht bereit ist, wird man die Stille nirgendwo finden.

Dass das Thema Stille nun ausgerechnet im Museum für Kommunikation stattfindet, scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Überhaupt nicht! In der Stille ist viel Kommunikation möglich – einfach nicht verbal. Menschen, die viel reden, kommunizieren nicht unbedingt mehr als sogenannt «stille Wasser». Ein stiller Mensch kann sehr beredt sein. Und offen für sein Gegenüber.

Sie meinen, „stille Wasser sind tief“, wie das Sprichwort sagt? Nicht zwingend. Aber oft. Spricht man nicht, kann man besser zuhören.

Die deutsche Sprache kennt auch das Verb stillen: Eine Blutung stillen kann Leben retten, ein Baby, das gestillt wird, ist selber still. Es ist schon so, dass Stille oft als etwas Beruhigendes verstanden wird. Aber gleichzeitig wirkt sie sehr anregend. Mit «Sounds of Silence» möchten wir dies ein Stück weit erlebbar machen.

Sie haben sich nun eineinhalb Jahre lang mit dem Thema beschäftigt. Was raten Sie Menschen, die mehr Stille möchten? Nicht zu weit weg suchen! Gut, vielleicht ist es am Anfang schwierig, mitten drin im alltäglichen Trubel Stille zu finden, dann kann man ja in einen nahen Wald gehen oder auf einen Nachtspaziergang durchs Quartier. Aber man muss nicht teure Yoga-Ferien auf einer Südseeinsel buchen, um Stille zu erleben. Die Stille ist näher als man denkt. Tun Sie mal nichts, aber das mit ganzem Herzen!

Berner Zeitung

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