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«Wünsche habe ich keine mehr»

Picasso kannte er persönlich, Chagall war sein Freund: Der Auktionator, Galerist und Sammler Eberhard W. Kornfeld wurde dieses Jahr 85 Jahre alt. Zum Geburtstag zeigt SF1 einen Dokfilm über den einflussreichen Berner.

In der Renaissance besassen Gelehrte ein sogenanntes «Studiolo», das sie mit Gemälden, antiken Büsten, Büchern und Kuriositäten ausstatteten. An so eine Schatzkammer der Kultur erinnert das Büro des weltweit einflussreichen Kunsthändlers und Auktionators Eberhard W.Kornfeld, der im September seinen 85.Geburtstag feiern konnte: Skulpturen von Giacometti und Kirchner fallen auf, Fotos von verstorbenen Künstlerfreunden und ein Vogelkäfig aus dem 19. Jahrhundert, in dem ausgestopfte Kolibris sitzen.

Doch das Büro an der Berner Laupenstrasse verrät auch eine profanere Seite des Sammlers. Ein plüschiges Schweinchen sitzt frivol zwischen den wertvollen Bronzestatuetten. «Das ist der Eberhard», verrät der 85-Jährige mit einem Schmunzeln.

Der Auktionator ist guter Dinge, gerade auf dem Sprung nach Wien, wo die Albertina mit der Ausstellung «Wege der Moderne» 200 Meisterwerke aus seiner Sammlung präsentiert. Auch die aktuelle Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf den Kunstmarkt bereiten ihm kaum Sorgen. «Dafür habe ich einfach schon zu viel erlebt, bin schon zu lange in diesem Geschäft, um mich zu grämen. Man muss einfach die Erholung abwarten», ist er überzeugt.

Nicht auf den Kopf gefallen

Ein Sammler war Eberhard W. Kornfeld schon immer. Bereits als Gymnasiast sammelte der in Basel geborene Sohn eines Innenarchitekten antike Münzen römischer Kaiser. Nach einer kaufmännischen Ausbildung bei einem Bauhaus-Architekten kam er als Volontär zu Dr. August Klipstein nach Bern. Klipstein führte in der dritten Generation das seit 1864 bestehende Auktionshaus H.G. Gutekunst. «Klipstein hat jemanden gesucht, der etwas von Kunstgeschichte versteht und kaufmännisch nicht auf den Kopf gefallen ist», erinnert sich Kornfeld. Ob Klipstein wohl ahnen konnte, wie richtig er mit der Wahl seines Volontärs lag? Dass dieser einst die Firma, die heute Kornfeld heisst, aufkaufen und ein weltberühmter Auktionator werden würde?

Während den Sommermonaten arbeitete der junge Kornfeld an den Kupferstichkabinetten in Basel, Paris, London und Amsterdam und erwarb so seine profunden Kenntnisse der Druckgrafik. «Nach der dreijährigen Volontariatszeit wurde ich 1948 als Juniorpartner in die Firma aufgenommen, übernahm sie in Etappen, bis sie 1951 schliesslich meinen Namen trug», erzählt er im Rückblick und nimmt eine Mappe mit Drucken des französischen Karikaturisten Honoré Daumier (1808-1879) hervor. «Ich habe einen Daumier für jede Gelegenheit», erzählt er und präsentiert eine Grafik eines von der Akademie abgelehnten Künstlers, der vor Wut in sein eigenes Bild kickt.

Mit Grössen befreundet

Die Grafik des 15. bis 18.Jahrhunderts blieb für das Auktionshaus auch unter Kornfelds Leitung weiterhin dominierend, mehr Gewicht bekam nun aber auch das 19. und 20.Jahrhundert. Der charismatische Sammler schloss zahlreiche Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern, besuchte Pablo Picasso, Marc Chagall und Sam Francis in ihren Ateliers. Aus der Begegnung mit Chagall entwickelte sich eine intensive Freundschaft. Doch nicht nur die richtigen Kontakte, auch die richtige «Nase» braucht ein erfolgreicher Galerist und Auktionator. In der Nachkriegszeit konnte man Bilder von Brücke-Künstlern für wenig Geld erwerben. In Deutschland als entartet beschimpft, in der Schweiz mehrheitlich unverstanden, tätigten einige wenige Kenner, darunter Eberhard W. Kornfeld, wichtige Ankäufe. Eine besondere Beziehung hat er bis heute zu den Werken von Ernst Ludwig Kirchner, dessen Wohnhaus in Davos er ebenfalls kaufte und zur ersten «Gedenkstätte» machte.

Wunschlos glücklich

Heute sei es für Sammler viel schwieriger geworden, die Spreu vom Weizen zu trennen, da alles unübersichtlich geworden sei: «Seit meinem 65.Lebensjahr überlasse ich das der jüngeren Generation.» Mit der jüngeren Generation ist sein enger Mitarbeiterstab gemeint, der ihm auch nahe legte, Telefonangebote zuzulassen, was er bis dahin klar abgelehnt hatte. «Das Telefon öffnet Tür und Tor für Unfug. Ich fand einfach, wer sich für eine Auktion interessiert, soll sich auch zeigen. Doch nun muss ich zugeben, dass es gut funktioniert hat mit den telefonischen Angeboten.»

Im Katalogisieren ist er hingegen ein Kind der guten alten Zeit geblieben: Am liebsten tippt er Werktitel und Preise auf seiner alten Olivetti-Schreibmaschine. In Pension geht jemand, der seine Arbeit so liebt, wohl nie. Wünsche hätte man mit 85 Jahren keine mehr, man geniesse einfach jeden Tag, sagt er, und schaut lächelnd zu seinem riesigen Sam-Francis-Bild empor.

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