Was macht der nackte Mann vor der Elbphilharmonie?

Spoiler: Er ist Russe. Und das Ganze hat mit Protestkunst zu tun – und mit Asphalt und Bäumen.

Der russische Konzeptkünstler Andrey Kuskin will 99-mal Baum sein. (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Der russische Konzeptkünstler Andrey Kuskin will 99-mal Baum sein. (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

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Letzte Woche in Hamburg, minus fünf Grad bei Sonnenschein: In der Hafencity, nahe der Elbphilharmonie, ragt ein nackter Unterkörper aus dem Boden. Ein Männerunterkörper mit allem drum und dran. Er gehört zum russischen Konzeptkünstler Andrey Kuzkin. Der Künstler ist Jahrgang 1979, was beim Anblick von nackten Unterkörpern nicht unerheblich ist. Der NDR berichtet live.

«Ich will wie ein Baum sein», sagt Kuzkin, bevor er in das eigenhändig ausgehobene Loch einsteigt. Kopfüber. Er fordert weniger Beton auf der Welt, mehr Natur. Der Reporter berichtet: «Erzieherin Henrieke aus Altona bekam grosse Augen.» O-Ton Henrieke: «Mir hat das sehr gut gefallen, wir hoffen, wir sehen jetzt auch die andere Seite.» Also nicht nur die Hinterseite. Die Vorderseite findet Henrieke auch gut.

Das Ziel: 99-mal Baum sein in 99 Städten

Kuzkin hat sich mit Fett eingerieben, damit er nicht friert. Er krabbelt raus, ordnet seinen Kreislauf, krabbelt wieder rein, das Kunststück dauert eine halbe Stunde. Kuzkin hat diese Baumaktion bereits in Dutzenden Städten vorgeführt, in Kapstadt, Berlin, New York, Moskau, London, Krasnojarsk. «Naturgewalten oder 99 Landschaften mit Baum» heisst sein Projekt. Das Ziel: 99-mal Baum sein in 99 Städten.

Genese: Kuzkins Vater, der Maler Alexander Kuzkin, hat 1981 eine Lithografie mit dem Titel «99 Landschaften mit Baum» kreiert. Kuzkin junior schrieb dann als Jugendlicher folgendes Gedicht: «Ich will von meinem Stockwerk runterfallen, mit dem Kopf in den Asphalt, und dann mit den Beinen wackeln wie Bäume mit ihren Ästen.»

Fazit: Als russischer Konzeptkünstler, der mit dem eigenen Körper arbeitet, hat man es schwer, aus dem riesigen Schatten des Landsmanns Pjotr Pawlenski herauszutreten. Der hat schon seinen Hodensack am Roten Platz festgenagelt, macht aus seiner Verachtung für Präsident Putin und dessen Staat (und andere Staaten) keinen Hehl, ist Anarchist, mutig und etwas irre.

Kuzkin ist braver, er nimmt staatliche Kunstpreise an. Er ist langweiliger, sogar wenn er sich auf den Kopf stellt. Und vermutlich kennt er das Baumgedicht von Nâzim Hikmet nicht, dem türkischen Exildichter, gestorben in Moskau 1963: «Leben wie ein Baum, / einzeln und frei / doch brüderlich wie ein Wald, / das ist unsere Sehnsucht.» Leben. Nicht um die Welt fliegen und wackeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 15:06 Uhr

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