Thomas Hirschhorn macht Biel zum Kunstwerk

Der Berner Künstler Thomas Hirschhorn plant in Biel eine öffentliche Skulptur zu Ehren des Schriftstellers Robert Walser. Am Montag stellte er sein Projekt der Bevölkerung vor. Diese soll tatkräftig mitwirken.

Stellt in Biel seine Ideen vor: Künstler Thomas Hirschhorn vor seinem Plan für eine Walser-Skulptur.

Stellt in Biel seine Ideen vor: Künstler Thomas Hirschhorn vor seinem Plan für eine Walser-Skulptur. Bild: J. Lovens (PD)

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Der Künstler Thomas Hirschhorn fuchtelt mit einem Massstab herum, projiziert Pläne auf die Leinwand und erteilt Lektionen in Philosophie. Etwa einem aufgebrachten Taxifahrer. Dieser droht, die Stadt Biel zu verklagen, falls sein Geschäft wegen der auf dem Bahnhofplatz geplanten «Robert-Walser-Skulptur» in Bedrängnis gerate.

«C’est pas beau», sagt der in Paris lebende Berner Künstler, der am Montagabend im Bieler Kongresshaus sein neustes Projekt mit der Bevölkerung diskutierte. Er wolle mit dem Schriftsteller Robert Walser doch einen berühmten Bieler ehren und bringe dadurch Gäste und Aufmerksamkeit in die Stadt.

Am Anfang Widerstand

Dass Hirschhorns Projekte anfangs auf Widerstand stossen, ist nichts Neues. Längst ist der Mann mit der prägnanten schwarzen Brille eine internationale Marke. Mit seinen ausufernden Installationen aus Styropor, Karton oder Schnee sorgt er weltweit für Aufsehen. Seine wuchernden Materialsammlungen widmet er oft Künstlern oder Schriftstellern. So liess er 2013 in einer Sozialbausiedlung der New Yorker Bronx ein Monument zu Ehren des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci errichten. «Alle Menschen sind Intellektuelle»: Frei nach Gramsci bezog er die lokale Bevölkerung mit ein.

Nun hat der Sechzigjährige, der gerne im Vorfeld zu seinen Projekten komplexe Mindmaps und Schemas zeichnet, einen neuen ambitionierten Plan: Im Rahmen der 13. Schweizerischen Plastikausstellung (16. Juni bis 9. September) wird Hirschhorn auf dem Bahnhofplatz in Biel eine «Robert-Walser-Skulptur» aufbauen. Kuratorin ist Kathleen Bühler, Gegenwartskuratorin des Kunstmuseums Bern.

Held und Outsider

Während der ganzen Laufzeit wird sich der Künstler in Biel aufhalten. Er bezeichnet sich als Wächter seiner Ausstellung. Motto: Die Veranstaltungen sind gratis, alle sind willkommen. Wie die Installation, die er als «Non-Objet» beschreibt, formal genau aussehen wird, lässt sich erst erahnen. Wie immer wird Hirschhorn unprätentiöse Materialien bevorzugen, sprich lieber Karton als Marmor verwenden.

Doch warum Robert Walser (1878–1956)? Der in Biel geborene Flaneur und Schriftsteller, der an Angstzuständen und Halluzinationen litt, sei ein Held und Outsider gewesen, erklärt Hirschhorn. Als er dessen Roman «Geschwister Tanner» gelesen habe, habe er sich sofort zu dieser Familie zugehörig gefühlt. Mit seiner Skulptur wolle er Walsers Werk neu denken und Begegnungen provozieren. Bieler Stadtoriginale wie die Ex-Domina Lady Xena sind ebenso in das Projekt eingespannt wie Walser-Experten, Übersetzer oder eine Galerie. Es wird eine Werkstatt, eine TV-Station und mit Sägemehl bestreute Kreise geben, in denen täglich ein Hosenlupf zu sehen sein wird. Robert Walser und sein Bruder Karl sollen einst einen solchen in Berlin aufgeführt haben.

Der aufgebrachte Taxifahrer bleibt trotz Hirschhorns Furor skeptisch. «Zuerst muss man eine Erfahrung machen», doziert Hirschhorn. Vielleicht gewinne er ja am Ende gar mehr Kunden durch das Projekt. Einen «Moment de grâce» – einen Augenblick der Gnade – könnte sich im besten Fall ergeben. In New York ist das Wunder Hirschhorn jedenfalls gelungen: Ein Dokumentarfilm über das Gramsci-Monument zeigt, wie das Projekt Hoffnung, Begeisterung, aber auch Befremden und Ablehnung auslöste. Am Ende flossen Tränen der Rührung. Man darf auf Biels Emotionen gespannt sein. Kalt lässt Hirschhorn kaum. «Ich stehe auf der Welt. Das ist mein Standpunkt», zitiert er Walsers Bonmot, das auch auf ihn selbst zutrifft.


Schweizerische Plastikausstellung: 16. Juni bis 9. September, Biel. www.robertwalser-scuplture.com
(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2018, 06:24 Uhr

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