«Späte Gerechtigkeit ist besser als keine»

Der deutsche Zentralrat der Juden verlangt die «minutiöse Aufklärung» zum Münchner Kunstschatz. Der Vorsitzende Dieter Graumann fordert, dass die Gemälde den rechtmässigen Besitzern zurückgegeben werden.

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Nach dem Sensationsfund von seit der Nazi-Zeit verschollenen Kunstwerken in München fordert der Zentralrat der Juden in Deutschland eine minutiöse Aufklärung der Hintergründe. «Die Reise, die diese Gemälde hinter sich haben», müsse genau rekonstruiert werden, «um die rechtmässigen Besitzer oder deren Nachkommen ausfindig zu machen», sagte der Ratsvorsitzende Dieter Graumann der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung».

Er verwies auf die Washingtoner Erklärung, wonach eine Rückgabe von Raubkunst auch in juristisch verjährten Fällen angezeigt ist. «Späte Gerechtigkeit ist besser als keine», sagte Graumann.

Geheimhaltung verstosse gegen Washingtoner Konferenz

Vertreter der Erben jüdischer Kunstsammler äusserten indes scharfe Kritik an den Behörden: Schon die Geheimhaltung des Fundes verstosse gegen die Grundsätze der Washingtoner Konferenz, bei der sich 44 Staaten über den Umgang mit NS-Beutekunst verständigt hätten, sagte der von Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim beauftragte Rechtsanwalt Markus Stötzel dem «Handelsblatt» (Dienstagsausgabe). Wie der New Yorker Anwalt David Rowland und die Berliner Juristin Imke Gielen macht sich Stötzel dafür stark, den Inhalt der Sammlung komplett offenzulegen.

Den Münchener Überraschungsfund bewerten Experten schon jetzt als die seit Jahren grösste Entdeckung verschollener Kunstwerke seit der Nazi-Zeit. Nach einem Bericht des Magazins «Focus» entdeckten Zollfahnder die Kunstwerke im Frühjahr 2011 in der Münchner Wohnung des mittlerweile 80-jährigen Cornelius Gurlitt.

Staatsanwaltschaft gibt heute Details bekannt

Die Staatsanwaltschaft Augsburg will am Dienstag erste Details zu dem Fall nennen. Bislang verweigerten die Ermittler die Angaben, weil es sich bei dem Verfahren gegen den Mann, der die Kunstwerke jahrzehntelang versteckt hatte, um ein Steuerdelikt handelt – und in solchen Fällen gilt wegen des Steuergeheimnisses die Schweigepflicht.

Die Ermittler werden sich deshalb wohl ausschliesslich zu den bereits im Frühjahr 2011 entdeckten Bildern äussern dürfen. Kunstwerke von Picasso und Matisse, Franz Marc, Paul Klee, Edvard Munch oder Max Beckmann sollen darunter sein, laut «Focus» womöglich im Wert von einer Milliarde Euro.

Sie stammen offenbar aus dem Nachlass eines Händlers, der die von den Nazis als entartet stigmatisierte Kunst im Zweiten Weltkrieg zu Geld machen sollte. Der Dresdner Hildebrand Gurlitt gab nach Kriegsende an, die von ihm verwahrten Bilder seien zerstört worden – eine Falschaussage, wie nun feststeht. Doch erst als sein Sohn Cornelius G. 2011 dem Zoll wegen einer auffälligen Bargeldsumme in die Fänge geriet, flog die Lüge auf.

chk/AFP

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