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So fiel der Mensch aus dem Zentrum der Welt

Einen neuen, durchdringenden Blick auf Schweizer Kunst wirft die polnische Kuratorin Marta Dziewanska in Bern: Das Kunstmuseum Bern zeigt ab heute ihre Ausstellung «Alles zerfällt». Ein Erlebnis.

Die Abwesenheit des Menschen am «Märjelensee».
Die Abwesenheit des Menschen am «Märjelensee».
PD

Wer in den Bergen schon einmal von einem Gewitter überrascht wurde, kennt das Gefühl, winzig zu sein inmitten der übermächtigen Natur. Um sie in ihrer ganzen Wildheit zu erleben, müssen wir heute immer höher steigen, gipfelwärts über schwindende Gletscher. Die Alternative: das Berner Kunstmuseum. Aus seiner umfangreichen Sammlung von Schweizer Kunst hat die polnische Philosophin und Kuratorin Marta Dziewanska eine Schau komponiert, die unser Verhältnis zur Natur auslotet. Dabei spielen die drei grossen Kränkungen des narzisstischen Menschen, wie Sigmund Freud sie 1917 definiert hat, eine zentrale Rolle.

«Das menschliche Bewusstsein reicht nicht aus, um dem viel tieferenUnterbewusstsein auf den Grund zu gehen.»

Erste Kränkung: Die Erde ist nicht das Zentrum unseres Sonnensystems und schon gar nicht des Universums. Zweite Kränkung: Der Mensch ist kein gottgleich geschaffenes Wesen, sondern ein Zufallsprodukt der Evolution, die alle Lebewesen umfasst. Dritte Kränkung: Das menschliche Bewusstsein reicht nicht aus, um dem viel tieferen Unterbewusstsein auf den Grund zu gehen. Vielmehr haben die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Menschen bewirkt, dass er aus dem Zentrum seines Weltbildes fiel. In der aktuellen Berner Ausstellung fällt er zuweilen gar ganz aus dem Bild.

Vergangenes neu sehen

Ferdinand Hodlers Monumentalwerk «Aufstieg und Absturz» von 1894 zeigt Alpinisten am Berg auf sieben Leinwänden. Sie bilden – einzeln wie Fragmente in der Eingangshalle gehängt – den Auftakt zur Ausstellung «Alles zerfällt». Winzig steht Kuratorin Marta Dziewanska in ihrem schwarzen Arbeitsoverall vor dem Werk und erklärt, wie sie darin ihr Ausstellungsthema gefunden hat.

Eine von sieben Leinwänden, auf denen Ferdinand Hodler 1894 «Aufstieg und Absturz» festhielt. Fotos: PD
Eine von sieben Leinwänden, auf denen Ferdinand Hodler 1894 «Aufstieg und Absturz» festhielt. Fotos: PD

Über eine Reihe von Landschaftsbildern, in denen die menschlichen Figuren immer kleiner werden, führt sie dann zu einem intensiv strahlenden Ölgemälde des Walliser Märjelensees. Still spiegelt er Berge, Himmel und die gänzliche Absenz des Menschen. «Die Natur braucht den Menschen nicht», sagt die Kuratorin über das Bild, das Hodlers Opus gegenüber hängt, «sie existiert unabhängig von ihm». Die Schöpferin des Bildes, Annie Stebler-Hopf aus Bern, die vorwiegend in Paris wirkte, ging wie viele Künstlerinnen ihrer Zeit in der Kunstgeschichte vergessen. Auch diesbezüglich will Marta Dziewanska «die Vergangenheit neu lesen, wieder und wieder lesen», um daraus zu lernen. So sind in ihrer Ausstellung nebst dem Seebild noch andere Werke der Sammlung erstmals zu sehen.

Zwölf thematische Räume

Eine neue Bewertung dieser Sammlung, «einen frischen Blick» darauf wünschte sich Museumsdirektorin Nina Zimmer, als sie Dziewanska dieses Jahr vom Museum für moderne Kunst in Warschau nach Bern berief. Nun zeigt sich, was ein solcher Blick aus den Beständen des Hauses hervorholen kann.

Von der programmatischen Halle aus geht es Raum für Raum voran, von 1887, als Arnold Böcklin im Gemälde «Meeresstille» mit Nixe und Wassermann den animalischen Anteil des Menschen darstellte, bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, der 1914 in Félix Vallottons «Landschaft mit Ruinen und Bränden» aufflammte. In dieser kurzen Zeitspanne, die von technischem Fortschritt geprägt war, zerfielen die alten Gewissheiten.

So zeigt Annie Stebler-Hopfs Bild «Am Seziertisch» mit dem Eingriff am toten menschlichen Körper dasselbe Eindringen in die Natur wie Raphael Rytz’ «Ingenieure im Gebirge» beim Sprengen eines Eisenbahntunnels. Als Kontrast hängen nebenan Hodlers «Enttäuschte Seelen» – selten sei die Hilflosigkeit des einzelnen Menschen so eindrücklich dargestellt worden, urteilt die Kuratorin.

Kreischender Kreidolf

Im Raum «Fremder im Selbst» begegnen wir dem Berner Blumen- und Insektenzeichner Ernst Kreidolf in panisch entstellten Gesichtern. Dass er an Depressionen litt und seiner inneren Natur auch mit dem perfekten Erfassen der äusseren Natur nicht beikam, ist wenig bekannt. So passt auch Adolf Wölfli ins Konzept: Als Patient der Klinik Waldau entwarf er zeichnerisch eine Gegenwelt zu derjenigen, aus der er herausgefallen war wie Hodlers Bergsteiger aus der Seilschaft der Mutigen.

Ausstellung bis 20.9.2020

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