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Sie stricken, lesen und schlemmen

Albert Anker kennt man als Meister der Ölmalerei. Nun widmet das Kunstmuseum Solothurn eine ganze Ausstellung seinen Werken auf Papier. Die Schau «Albert Anker. Zeichnungen und Aquarelle» ist eine Entdeckung.

Helen Lagger
Albert Anker war ein virtuoser Zeichner: «Glückliche Familie», 1888, Kohle auf Papier.
Albert Anker war ein virtuoser Zeichner: «Glückliche Familie», 1888, Kohle auf Papier.
Kunstmuseum Bern
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Der Vater frohlockt, es scheint etwas Erfreuliches in der Zeitung zu stehen. Die Mutter rührt mit gesenktem Blick in der Frühstückstasse, während die Tochter sich in ebenso bescheidener Pose im Hintergrund hält. Der Jüngste im Matrosenanzug versucht die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich zu ziehen, indem er an dessen Hose zupft.

Die Welt ist in Ordnung an diesem Morgen – es dürfte ein Sonntag sein – in der guten Bürgerstube. «Glückliche Familie» lautet denn auch der Titel dieses Blattes von 1888. Albert Anker (1831–1910) zeichnete die liebliche Szene mit Kohle auf Papier.

Mit «Albert Anker. Zeichnungen und Aquarelle» würdigt das Kunstmuseum Solothurn als erste Institution ausschliesslich Ankers Arbeiten auf Papier. Museumsdirektor Christoph Vögele spricht von einem «Primeur». Die Gemälde des Schweizer Malers hängen bis heute als Reproduktionen in vielen Stuben. Manche von Ankers Mädchenbildnissen sind regelrechte ­­Ikonen.

Mehr als Skizzen

In Solothurn kann man nun den Maler als virtuosen Zeichner und Aquarellisten entdecken. Museumsdirektor Vögele betont seine langjährige Leidenschaft für das Medium Zeichnung, das viel zu oft ein Schattendasein friste. Die meisten gezeigten Blätter seien nicht etwa blosse Skizzen, sondern von Anker si­gnierte, eigenständige Kunstwerke. Leihgaben aus verschiedenen Institutionen wie dem Albert-Anker-Haus oder dem Kunstmuseum Bern machen die umfangreiche Schau möglich. Ein Fünftel der Werke stammt aus der Privatsammlung von Christoph ­­Blocher.

Der Rundgang ist chronologisch konzipiert. So lernt man im ersten Saal den jungen Anker kennen. Der Sohn eines Tier­arztes wurde in der Seeländer Gemeinde Ins geboren und nahm bereits als Kind Zeichenunterricht. Doch sein Beruf schien für den aus einem bürgerlichen, protestantischen Elternhaus stammenden Jungen vorgezeichnet.

Er sollte Pfarrer werden und begann pflichtbewusst nach der Matura in Bern Theologie zu studieren. In einem Brief von 1853 bat er schliesslich seinen Vater darum, das Studium beenden zu dürfen, um Maler zu werden. Als dieser seinen Wunsch ak­zeptierte, machte sich Anker auf nach Paris, wo er ein Schüler des Schweizer Malers Charles Gleyre wurde.

«Anker war geprägt von einer grossen Redlichkeit», so Vögele. Er sei getrieben gewesen von dem protestantischen Grundsatz: «Wenn du erfolgreich bist, ist Gott auf deiner Seite.» Das Versprechen, nicht zu verlumpen, das er seinem Vater gegeben hatte, hielt er pflichtbewusst ein.

Der Bonvivant

Den Auftakt machen ein seltenes Selbstbildnis von Anker als Student, das er mit seinem Verbindungsnamen signiert hatte, und frühen Aktzeichnungen im klassizistischen Stil. Das in jungen Jahren erlernte Aquarellieren sollte Anker im Spätwerk wieder von Nutzen sein: Nach einem im Alter von siebzig Jahren erlittenen Schlaganfall konnte er nicht mehr in Öl malen, da er sich dabei abstützen musste.

Wer den typischen Anker finden will, kommt auch in dieser Schau ohne Ölgemälde auf seine Kosten. Lesende Kinder, die sittsam in der Schule sitzen, strickende, in sich versunkene Frauen und urchige Typen hielt Anker auch in seinen Zeichnungen mit Liebe zum Detail fest.

Vögele erkennt in den Zeichnungen sogar eine noch ausge­prägtere «existenzielle Grun­dierung», da das Medium die Intimität noch verstärke. Mit Kohle bannte Anker einen ein­genickten Grossvater mit dessen ebenfalls schlafendem Enkel. Ein für Anker eher ungewöhnliches Blatt ist das Aquarell «Der Bonvivant», das einen bärtigen, massigen Mann zeigt, der offensichtlich gern schlemmt.

Der Titel verweist darauf, dass es sich weniger um ein realistisches Porträt als um einen Typus Mensch handelt – um den Geniesser schlechthin. Eine Entdeckung sind auch Ankers «Reisenotizen», die in Italien, Belgien oder Deutschland entstanden. Anker dokumentierte Städte, Landschaften oder Menschenansammlungen im Postkartenformat.

Ein weit grösserer Abenteurer als der redliche Anker sollte sein Sohn Moritz werden. Aus Angst, der Junge könnte verkommen, steckte die Familie ihn in ein Internat. Anker hatte seinen Sohn als jungen Mann porträtiert. Später wurde Moritz Schiffbauer und liess sich in Amerika nieder. Die elterliche Stube war ihm wohl zu eng geworden.

Ausstellung: bis 16. Februar 2020, Kunstmuseum Solothurn. Infos: www.kunstmuseum-so.ch

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