Schweizer Luftwaffe im Einsatz in Indien

Es ist eine Begegnung der besonderen Art: In Südindien ist zurzeit die Schweizer Luftwaffe zu erleben – im friedlichen Einsatz für die Kunst.

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Am Himmel ein Tiger. Ein Kampfjet der Schweizer Armee im fernen Ausland – eine skurrile Sache. Wir befinden uns an der derzeit stattfindenden Kunstbiennale in Kochi in Südindien und betrachten einen Film, der auf eine riesige Leinwand projiziert wird. Er gehört zum Beitrag des in Zürich lebenden Konzeptkünstlers Christian Waldvogel.

Dieser drehte den Film aus dem Jet heraus. Zu sehen ist der grosse blaue Himmel – und die Erde, die am rechten Bildrand gegen Osten rotiert. Mit der gleichen Geschwindigkeit, nämlich 1158 Kilometern pro Stunde, fliegt der Kampfjet in die entgegengesetzte Richtung, westwärts. Weil das Bild gekippt ist, der Horizont also senkrecht steht, sehen wir deutlich, wie sich die Erde dreht.

So banal wie genial

In der Hitze einer indischen Hafenstadt, in einer ehemaligen Lagerhalle für Gewürze wähnen wir uns in einem Schweizer Militärjet, 2500 Meter über dem helvetischen Mittelland, zwischen Glarus und dem Napf. Vier Minuten lang fliegen wir mit Überschallgeschwindigkeit, stehen vermeintlich aber still.

Die hintere Cockpithaube hatte der Künstler mit roter Folie abgedeckt. Durch eine kleine Öffnung fotografierte er vom zweiten Sitz aus während dieser vier Minuten die Sonne – die ebenfalls stillzustehen schien. Das Bild, das so entstanden ist, hängt auch in der Ausstellung. Die Sonne ist darauf nicht als Strich oder Schweif zu sehen, sondern als ruhender Punkt: der Beweis für den Erfolg des Projekts.

«Die Erde dreht ohne mich», ist sein Titel. Es ist die Idee, die Erdrotation zu neutralisieren, der Physik also ein Schnippchen zu schlagen. «Ich wollte aus dem System hinaustreten und es von aussen betrachten», kommentiert der Künstler. «Dem Betrachter kann ich auf diese Weise etwas Grundlegendes zugänglich machen.» Eben: dass sich die Erde dreht und wie das aussieht. Und wie man mit hoher Geschwindigkeit einen Stillstand simulieren kann. Ein gleichzeitig banaler und genialer Einfall, der einiges relativiert. Und in Indien besonders exotisch wirkt. Denn verschneite Schweizer Berge haben hier eine gewisse Tradition, dies allerdings in Verbindung mit Liebesgeschichten à la Bollywood, nicht als Kulisse für den Einsatz eines Kampfjets.

Luftwaffe und PR

Speziell an Waldvogels Projekt ist vor allem, dass die Schweizer Luftwaffe 2010 mitgeholfen hat, es in die Tat umzusetzen. Der damals verantwortliche Kommandant Markus Gygax bestätigt, dass es intensive Diskussionen gegeben habe, ob sich die Luftwaffe als Aushängeschild des Schweizer Militärs für eine solche Kunstaktion zur Verfügung stellen soll: «Wir haben eine Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler. Und wir wollten keinen Präzedenzfall schaffen.» Soweit er sich erinnere, habe es so etwas in seinen über vierzig Jahren bei der Luftwaffe auch nur einmal gegeben.

Er persönlich als oberster Chef hat die Aktion bewilligt: «Die Kombination Kunst, Natur und Aviatik faszinierte mich. Und ich wusste, dass nur die Luftwaffe diesen Wunsch erfüllen konnte, weil nur wir gleich schnell fliegen können, wie die Erde rotiert.» Solche artfremden Einsätze seien erst mit dem Fall der Berliner Mauer möglich geworden, erklärt Gygax weiter, «vorher hatten wir uns auf eine kriegerische Auseinandersetzung vorzubereiten».

Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die Schweizer Armee kontinuierlich verkleinert. «In den 80er-Jahren hatten wir gegen vierhundert Kampfflugzeuge, heute sind es noch knapp neunzig.» Gleichzeitig hätten Notwendigkeit und Möglichkeiten zugenommen, für die Luftwaffe PR zu machen. So kamen Spitzensportler und Politiker zu einem werbewirksamen Flug im Militärjet – und dann eben auch ein Künstler.

Einen besonderen Draht zur Kunst habe er persönlich nicht, sagt Gygax – «ausser dass die Luftwaffe ja selber auch Kunstflüge macht, mit der Patrouille Suisse oder dem PC-7-Team.» Das hochfliegende Projekt von Christian Waldvogel gelang auch dank einer Empfehlung des Bundesamtes für Kultur, das die Armeeführung darüber in Kenntnis setzte, dass dieser Künstler nicht irgendwer ist, sondern «mehrmals mit dem Eidgenössischen Kunstpreis ausgezeichnet worden ist und den offiziellen Beitrag an der 9.Internationalen Architekturbiennale in Venedig im Jahr 2004 gestaltet hat». Ein interdepartementales Unbedenklichkeitszertifikat.

An der Biennale im südindischen Bundesstaat Kerala stehen Besucherinnen und Besucher – darunter viele Familien – zum Teil etwas verwirrt, aber durchaus fasziniert und sogar mit einer gewissen Ehrfurcht vor dem Material, das ihnen Waldvogel präsentiert. Ein Podest mit einer Original-Cockpitabdeckung eines Tiger steht da, und auch ein auf den Künstler zugeschnittener Fliegeroverall ist ausgestellt: «Capt.» steht über dem Gradabzeichen mit den drei gelben Balken. Bloss: Christian Waldvogel ist kein Hauptmann, sondern dienstuntauglich. Und trotzdem hat er über die Schweizer Armee nur Positives zu berichten. Als kooperativ und bürgernah habe er sie in diesem Fall erlebt, «nach einem ersten Zögern waren die Leute der Luftwaffe nicht nur fasziniert, sondern auch sehr wohlwollend».

Noch höher hinauf?

Für die Schweizer Luftwaffe war es ein Übungsflug unter vielen. Für den 44-jährigen Christian Waldvogel «eine der beiden wichtigsten Arbeiten meines Lebens». Noch höher hinaus zu gehen, sei schwierig, sagt er. Bereits hat er mit der Europäischen Weltraumbehörde Kontakt aufgenommen. Von der Weltraumstation ISS aus, schwärmt Waldvogel, wäre ein ausgiebiger künstlerischer Blick auf die Erde auch einzigartig: «Ein Film, der aus dem All zeigen würde, wie sich die Erde dreht und wir uns mit ihr – wäre doch wunderbar.»

Berner Zeitung

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