Schriften einer Stadt

Die Kalligrafie von Bern: Journalistin Tina Uhlmann schenkt flüchtiger Strassenkunst mit ihrem ­«Graffiti-ABC» ein zweites Leben.

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Tina Uhlmann macht regelmässig Sightseeing. In Bern, wo sie wohnt. Gängige Sehenswürdigkeiten interessieren sie dabei kaum. Sie gehe den Graffiti nach, sagt die 50-Jährige.

Uhlmann fährt also mit dem Velo durch die Stadt und schaut, wo es neue Graffiti gibt, wo eine Wand wieder bemalt worden ist, welche Bilder weggeputzt und welche stehen gelassen worden sind. Bemalte Wände im öffentlichen Raum interessieren sie seit den 1980er-Jahren.

Auch auf Reisen zieht es Uhlmann oft dorthin, wo Sprayer am Werk gewesen sind. Graffiti, sagt sie, faszinierten sie, weil sie vielen Leuten gefielen, aber eben auch provozierten und Kontrapunkte setzten zu gesichtsloser Architektur. Und auch einfach ihrer «explosiven Farbigkeit» wegen.

Das ist das eine, was man über Tina Uhlmann wissen muss. Das andere ist, dass die Journalistin, die regelmässig für diese Zeitung arbeitet, sich selber als Buchstabenfanatikerin bezeichnet und ebendiese Buchstaben in allen Formen und Farben sammelt.

Lange Suche nach dem Buchstaben Q

Jetzt hat Uhlmann zwei ihrer grössten Interessen verbunden. In den letzten drei Jahren hat sie in Bern Graffiti-Buchstaben fotografiert. Ihr Ziel war, das gesamte Alphabet abzubilden. Bis sie ein Q fand, habe es lange gedauert, sagt sie.

Die jetzt erschienene Postkartensammlung «Das Graffiti-ABC» ist der Beweis dafür, dass Uhlmann es geschafft hat. Die 26 Karten sind ein spannender Querschnitt der Kalligrafie von Berns Strassen. Ungelenk hingemalte Buchstaben sind auf den Karten ebenso vertreten wie kunstvoll ausgearbeitete. Und viele der fotografierten Buchstaben sind Teile von Graf­fiti, die längst entfernt worden sind.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Graffiti flüchtige Werke sind. Im «Graffiti-ABC» leben sie auf eine sehr gute Art weiter. Man könnte die Karten verschicken. Man könnte damit Lesen und Schreiben lernen. Oder Memory spielen, wenn man sie doppelt kauft. Man könnte sie aber auch einfach lange betrachten, wenn man mal keine Lust auf Sight­seeing hat.

«Das Graffiti-ABC»: Verlag Sage und Schreibe, Fr. 29.–. ­ www.sageundschreibe-verlag.ch

Berner Zeitung

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