Schmusekater trifft Werwölfin

Die neue Schau im Zentrum Paul Klee zeigt, wie intensiv sich der Berner Maler mit dem Verhältnis von Mensch und Tier beschäftigt hat. Ein tierisches Vergnügen.

Katze «Nuggi» und das «hungrige Mädchen»: Paul Klee interessierte die «Vertierung» der Menschen. Bilder: PD/ZPK

Katze «Nuggi» und das «hungrige Mädchen»: Paul Klee interessierte die «Vertierung» der Menschen. Bilder: PD/ZPK

Tina Uhlmann

Beatles oder Rolling Stones? Hund oder Katze? Solche Fragen spalten die menschliche Gemeinschaft in zwei Lager, die so heftig miteinander konkurrieren, als ginge es um den rechten Glauben. Um was geht es denn wirklich? Am augenfälligsten zeigt sich dies am Tier als Träger menschlicher Eigenschaften. Natürlich begehrt und verehrt der Mensch auch hier vor allem das, was er selbst nicht ist. Wer auf den treuen Hund schwört, gleicht oft mehr der Katze – unabhängig, einzelgängerisch, launisch. Und wer die Vorzüge der freiheitsliebenden Katze preist, zeichnet sich selber nicht selten durch hündische Anhänglichkeit aus.

Der Maler Paul Klee war ein Katzenfan und, wie Kuratorin Fabienne Eggelhöfer betont, ein aufmerksamer Beobachter. Seine Lieblingstiere verewigte er in über fünfzig Werken, von denen einige ab heute in der Ausstellung «Klee. Tierisches» im Zentrum Paul Klee (ZPK) zu sehen sind. Mit seinem bekannten minimalistischen Zeichenstrich hat er den «Katzenlümmel» und das «Hinten-hoch-Kätzchen» porträtiert, aber auch das «Katzinchen», das er in die Tradition der mythologischen Fabelwesen stellt, oder den «Kater als Stier», der auf die Begegnung des Künstlers mit Picasso und dessen Lieblingskreatur verweist. «Skepsis gegenüber dem Stier» heisst eine Gouache, die in der neuen Schau ins Kabinett der Urchse überleitet.

Augenzwinkernd treten Klees stierähnliche Fantasieviecher dem heroischen spanischen Kampfstier als «unschlüssiger Urchs», «ärgerlicher Urchs» oder «Über-Urchs» entgegen. Und unweigerlich empfindet man beim Betrachten Sympathie, vielleicht gar Lust, die tapsigen Dinger zu knuddeln. Womit wir wieder bei den Katzen und anderen Haustieren wären, die man hierzulande zwar nicht isst oder sich in Form von Pelz umhängt, aber doch auch als Nutztiere verwertet, etwa in Tierversuchen zu Forschungszwecken.

Stürme der Entrüstung

Verlässt man in Gedanken die Klee-Ausstellung, stösst man beim Stichwort Pelz schnell auf eine andere Berner Künstlerin: Meret Oppenheim. Sie hat das Eichhörnchen zum Nutztier gemacht – es musste seinen Schwanz hergeben, um in ihrem gleichnamigen Werk als Henkel eines Bierhumpens zu dienen. Den «Fellhandschuhen» hat sie die Spitzen abgeschnitten, sodass rot lackierte Fingernägel wie Krallen daraus hervorschauen – Paul Klee hätte dies «Vertierung» genannt. Sein eigenes Werk «Hungriges Mädchen», in wilder Kleisterfarbe aufs Papier gebracht, versinnbildlicht die Begierde im Wolfskopf mit Reisszähnen.

Auch Oppenheims Objekt «Ma Gouvernante» vertiert die Frau: Es zeigt zwei zusammengeschnürte Damenpumps auf einer Silberplatte und zitiert damit die Weihnachtsgans. Oppenheim führte Geschlechterstereotype auf ähnlich humorvolle Art vor wie Klee das Verhältnis des Menschen zum Tier.

Weniger humorvoll wird Letzteres von der jüngeren Gegenwartskunst kommentiert. Das Filmstill «Albatros» von Chris Jordan etwa, der zurzeit im Haus für elektronische Künste in Basel gezeigt wird, wirft in seiner grausigen Ästhetik einen kritischen Blick auf die Auswirkung menschlichen Verhaltens auf das Leben der Tiere: Aus dem Magen des symmetrisch aufgeklappten Vogeljungen quellen vielfarbige Plastikabfälle, die es für Nahrung hielt, nicht verdauen konnte und an denen es starb.

Solche Bilder schockieren die moderne Konsumgesellschaft, verändern ihr Verhalten aber nicht wirklich. Lieber stürzen sich Moralapostel, die ihr tägliches Fleisch essen, in Stürme der Entrüstung, wenn Damien Hirst eine halbe Kuh mit Kalb im Bauch in Formaldehyd einlegt und unter dem klassischen Titel «Mother and Child» ausstellt.

Zum Gerichtsfall wurde 2005 in Bern ein Exponat der China-Schau «Mahjong», bei dem der Künstler Xiao Yu Teile eines menschlichen Embryos und eines Vogels zusammengesetzt hatte. «Ruan» wurde aus dem Kunstmuseum entfernt, bis die Staatsanwaltschaft das Werk wieder freigab; in dem Rechtsverfahren wurden die Tatbestände Störung des Totenfriedens, Gewaltdarstellung und Verstoss gegen das Tierschutzgesetz verhandelt.

Fein und leicht inszeniert

Mit solchen Schwierigkeiten muss das Zentrum Paul Klee nicht rechnen. Zwar hat Klee seine Erfahrungen bei den Fliegern im Ersten Weltkrieg in einigen bedrückenden Vogelbildern verarbeitet und in den 1930er-Jahren mit grobstrichigen Zeichnungen von Tierdressuren den Disziplinierungswahn der Nationalsozialisten karikiert, doch ansonsten bietet «Klee. Tierisches» vor allem Vergnügliches. Mit feinem Gespür für fast beiläufige Effekte haben Fabienne Eggelhöfer und Co-Kuratorin Myriam Dössegger die Klee-Exponate mit Tierpräparaten aus dem Naturhistorischen Museum ergänzt. So sind insbesondere die Schwerpunkte Vögel und Fische attraktiv gestaltet.

Auf der einen Seite steht hier Klees ernsthafte Auseinandersetzung mit den unerreichbaren Lebensräumen Wasser und Luft – der Künstler empfand es als Urkonflikt des Menschen, dass die Schwerkraft ihn an die Erde bindet, während sein Geist frei ist –, auf der anderen Seite liebäugelt ein lebensecht ausgestopfter Fischreiher mit einem leckeren Karpfen, der allerdings bereits als Skelett durchs Museum schwadert.

Und Hunde? Haben sie Klee auch inspiriert? Lediglich drei Werke fanden die Kuratorinnen, für die Klee «klar ein Katzentyp» war. War er nicht zu Hause, erkundigte er sich in Briefen an Gattin Lily nach dem Befinden seiner Katzen und Kater; umgekehrt schickte er von daheim «kaltnasse Nasenküsse» von Bimbo, Fritzi und Nuggi. Letzterer, winzig und schmusig, bot sich als Fotomodell an – einige von Klees unscharfen Schnappschüssen laufen als Diashow in der Ausstellung mit.

Sein starker Bezug zu den Hauskatzen mag auch daher rühren, dass er als junger Vater Kinderbetreuung und Haushalt besorgte, während seine Frau den Unterhalt der Familie bestritt. Er blieb ihr und den Katzen so treu wie ein Hund. Nur als Künstler wandte Paul Klee sich gern auch anderen Kreaturen zu.

Berner Zeitung

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