Zum Hauptinhalt springen

Roman Signer, der poetische Tüftler

Ein brennendes Feld, eine absurde Kajaktour und Old Shatterhand als unsicherer Schütze: Das Helmhaus Zürich zeigt Filme und Videos von und mit Roman Signer.

Projektionen von Roman Signer im Zürcher Helmhaus. (Video: Roman Weber)

Kann man über Roman Signer überhaupt noch neue Erkenntnisse gewinnen? Das fragt man sich etwas bang im Vorfeld des Überblicks über das filmische Werk des bekannten Künstlers im Helmhaus Zürich. Schliesslich haben unzählige Experten ihre Griffel an dem Erfindergeist aus Appenzell gewetzt und der Faszination seiner Ereigniskunst Ausdruck verliehen. Signers Rezeptionsgeschichte liest sich wie ein «Who is Who» der Schweizer Kunstkritik, und sein Werkverzeichnis umfasst 1500 Seiten. Ein Schwergewicht also und ein Künstler, der Massen von Menschen bewegt. Wie neulich an der Fachhochschule Nordwestschweiz, als er über schwebende Regenschirme elektrische Kräfte gegeneinander antreten liess.

Das Helmhaus präsentiert unter dem Titel «Roman Signer Projektionen» einen ausschliesslich filmischen Bilderbogen und einen etwas anderen, «ernsten» Signer. Für die klug komponierte Ausstellung wurde eine Auswahl von 38 Super-8-Filmen und Videos aus den Jahren 1975 bis 2008 getroffen. Sie zeigen den im Frühling siebzig Jahre alt gewordenen Künstler nicht nur als Dynamitmeister, Tüftler und verspielten «grossen Jungen», sondern – und das kommt in der von Kurator Simon Maurer konzipierten Ausstellung sehr schön zum Tragen – als Botschafter poetischer Bilder und Metaphern, ja sogar als subversiven Bilderfinder.

Vom Betrachten des Betrachters

Gleich zum Auftakt taucht beispielsweise ein Schwan nach Futter, zappelt mit seinen Schwimmflossen in die Höhe und zeigt dem Betrachter unbesorgt seinen Hintern, ohne zu ahnen (und auch der Besucher weiss es nicht), dass eine an der Münsterbrücke installierte Kamera den Aussenraum ins Museum beamt («Übertragung», 2008). Die Bilder nähren den Verdacht, dass der Betrachter oft selbst Gegenstand der Betrachtung wird – videoüberwacht im öffentlichen Raum und immer mehr auch in den Museen.

Roman Signers Art, zu beobachten und unscheinbar Bemerkenswertes herauszupflücken, findet die Fortsetzung in der angrenzenden Super-8-Projektion. Private, bisher nicht veröffentlichte Filmreste weisen wie Vorboten auf sein Lebenswerk hin und stecken das Assoziationsfeld des Künstlers ab: hier ein versprengter Haufen Ziegelsteine, da Flammen auf einem Feld, dort wasserspeiende Brunnenfiguren.

Es folgen im grossen Saal des Hauses zwölf Videos, die simultan projiziert werden und zum Innehalten oder «Zappen» verführen. Ein Wassereimer, der von einer drehenden Kordel gezogen wird und immer mehr in den Würgegriff einer Kurbel gerät, könnte von Seilschaften und Verhängnissen erzählen («Wasser», 2002). «56 kleine Helikopter» (2008), militärisch in Reih und Glied aufgestellt, enden durch Fernsteuerung im Untergang – ein Fanal von Krieg und Zerstörung? Eine Kajaktour auf festem Boden und im Takt eines sich beschleunigenden Metronoms gipfelt im ernsten Blick des Ruderers. Der absurde Lebensrhythmus des modernen Menschen vom «Larghetto» zum «Vivace Presto» (2008) verlangt nach einer Denkpause. Die mit Hilfe von bewährten Kameraleuten entstandenen Aufnahmen verkörpern existenzielle Ängste und zeigen düstere Metaphern auf das Leben, wären da nicht auch komische Momente: Galoppierende Kühe verfolgen glotzäugig die absurden Experimente des Künstlers («Kajak» 2000). Pistolenschütze Signer verfehlt mit einem vibrierenden Massageband um die Hüfte sein Ziel und nennt das Ereignis selbstironisch «Old Shatterhand» (2007).

Wer sich im Obergeschoss die Zeit nimmt, die Bewegungen zweier Ölfässer in einer Wasserzentrifuge zu betrachten, («Installation im Wasserturm» 2000/01, eine sehr puristische Arbeit), entdeckt nicht nur physikalische Gesetze, sondern aufschlussreiche Beziehungsmuster: In welchen Momenten knallen sie aufeinander? Wer dreht sich nur um sich selbst? Weshalb entfernen sich die beiden voneinander? Wem das alles zu symbolträchtig erscheint (Roman Signer verwahrt sich gegen Überinterpretationen), der hält sich an die nüchternen, allerdings etwas entpersönlicht wirkenden Aktionen im öffentlichen Raum, die auf streng gruppierten Monitoren zu sehen sind.

Wunderbarer Zickzackweg

Sollte sich am Ende des kurzweiligen Filmparcours beim Besucher doch noch Ermüdung einstellen, sorgen zehn Kurz- und Kürzestfilme aus frühen Jahren für erfrischende Heiterkeit. So witzig und poetisch wie «Schreiben 1-2-3» (1982) «Gummiseil» (1980) oder «Sandvorhang» (1983) lässt man sich physikalische und mechanische Ereignisse gerne gefallen. Authentisches trifft hier auf wunderbarem Zickzackweg die Seele.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch