Per Elefant durch Victorine Müllers Galaxis

Victorine Müller ist international bekannt für ihre poetischen Performances. In der Berner Galerie da Mihi zeigt sie nun ihre neusten zeichnerischen, plastischen und audiovisuellen Arbeiten.

Mystisch: In der Performance «Timeline» (2005) «schwebte» die Künstlerin Victorine Müller in einem mit Luft gefüllten PVC-Elefanten.

Mystisch: In der Performance «Timeline» (2005) «schwebte» die Künstlerin Victorine Müller in einem mit Luft gefüllten PVC-Elefanten. Bild: David Aebi

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«Ich habe nicht mit Puppen gespielt als Kind, sondern gemalt», sagt Victorine Müller darauf angesprochen, ob sie schon in jungen Jahren die Kunst für sich entdeckt habe. «Und ich hatte schon früh ein Faible für Grossformatiges. Als wir in der Schule mit Ton experimentierten, brachte ich eine riesige Amphore nach Hause.»

Die 54-jährige gebürtige Grenchnerin lebt und arbeitet seit geraumer Zeit in Zürich. Nur fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt hat sie ein Atelier gefunden. Ein wahrer Glücksfall sei das. Auf engstem Raum stapeln sich hier grossformatige Tuschezeichnungen, Figurinen aus Stoff und diverse Rahmen.

Müller bereitet die Ausstellung in der Berner Galerie da Mihi vor. «The Vale» nennt sie die Schau. Eine Anspielung auf ein mittelalterliches Tal, aus dem angeblich seltsame Wesen herkommen. Ein solches stellt sie auch gleich vor.

«Les invités» nennt Müller die aus Stoff und Bandagen gefertigten Figuren, die trotz ihrer Gesichtslosigkeit etwas anrührend Menschliches haben. Bei der Ausstellungseröffnung wird auch das neu über ihr bisheriges Gesamtwerk erschienene Buch «A Moment in Time» (siehe Box) vorgestellt.

Im Elefanten schwebend

International bekannt geworden ist Müller nicht mit zarten Zeichnungen oder amorphen Wesen, sondern mit ihren poetischen Performances, in denen Licht, Skulptur und der Körper der Künstlerin jeweils zu einem poetischen Ganzen verschmelzen. Sie begibt sich dabei in transparente mit Luft gefüllte PVC-Skulpturen, die durch den Einsatz von farbigem Licht magisch schillern.

Die zwischen dreissig und neunzig Minuten dauernden Performances haben keine eigentliche Handlung. Vielmehr geht es bei ihren metaphysisch anmutenden Auftritten um Meditation, um Rituelles und darum, «Verborgenes sichtbar zu machen».

In der von Lausanne bis Kapstadt präsentierten Arbeit «Timeline» (2005) schien die Künstlerin in einem Elefanten zu schweben. Es entstand der Eindruck, es mit einem lebendigen Luftwesen zu tun zu haben. Es sei ihr weniger um die Symbolik des angeblich weisen Tieres gegangen, sondern um das Wesenhafte des Dickhäuters, der hier ganz leicht erschien.

Dass der Elefant kein realistischer war, dürfte höchstens Zoologen sofort aufgefallen sein: Die Künstlerin hatte ein indisches Exemplar mit afrikanischen Ohren ausgestattet.

Die Rolle der Frau

Ihre erste Performance präsentierte die Abgängerin der F+F – Schule für Kunst und Mediendesign Zürich 1994 im Rahmen des Kunstfestivals «Steirischer Herbst» im österreichischen Graz. Die PVC-Skulpturen gab es noch nicht, doch spielte auch bei dieser ersten Arbeit eine «Hülle» eine Rolle: Müller hatte ihren eigenen Körper vollständig mit Latex überzogen, den sie sich währen zwanzig Minuten vom Leib riss.

«Häutung» nannte die Künstlerin diesen radikalen Prozess. Eine sich befreiende Gummipuppe? Genderfragen spielen in der Performance-Kunst seit je eine gewichtige Rolle. So hat sich auch Müller mit unterschiedlichsten Frauenbildern auseinandergesetzt. In der dreissigminütigen Performance «The World is My Oyster» (1996) schlürfte sie in einem meerblauen Kleid Austern, die sie sich immer wieder eine Leiter hochkletternd beschaffen musste.

Ob Austern schlürfen oder als lebendiger Brunnen Wein aus den eigenen Brüsten spenden, wie es bei «Hommage an Meret» (2004) passierte – braucht es Mut, sich so zu exponieren, den eignen Körper als Ausdrucksmittel einzusetzen? «In meinen Performances werde ich Teil des Werkes.»

Dadurch ginge es nicht mehr primär um sie, sondern um die Sache. Leiden und die Grenzen des guten Geschmacks ausloten, wie es viele ihrer Gilde tun, ist Müllers Sache nicht. Es ginge ihr in ihrer Arbeit um das Erweitern und das Vertiefen von Gedanken. «Darin bin ich grenzenlos.»

Ausstellung: bis am 7.11. in der Galerie da Mihi, Bern. Eröffnung und Buchpräsentation: Do, 10.9., 18–20 Uhr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.09.2015, 11:24 Uhr

Im Atelier: Victorine Müller mit einer Figur aus der Serie «Les invités». Die Künstlerin bereitet in ihrem Zürcher Atelier die Ausstellung in Bern vor. (Bild: Helen Lagger)

Zum Buch

«A Moment in Time» – so der Titel der soeben erschienenen Buchpublikation über das bisherige Gesamtwerk der Künstlerin Victorine Müller. Performances, Installationen und plastische Werke 1994–2014 werden ausführlich anhand von Bildern und Texten vorgestellt.

Zu Wort kommen unter anderen frühe Weggefährten wie der Künstler-Philosoph Gerhard Johann Lischka, die Kuratorin Dolores Denaro (sie ist auch die Herausgeberin), der Kunsthistoriker Hans Christoph von Tavel oder der freie Kunstkritiker Konrad Tobler.

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