Mit Hodler und Giacometti im Klassenzimmer

Die legendäre Kunstausstellung Trubschachen findet ­bereits zum 20. Mal statt. In zwei Schulhäusern stösst man auf hochkarätige Gemälde von Ferdinand Hodler oder Giovanni ­Giacometti. Wie die Kunst seit Jahren mitten ins Dorf und zu den Leuten kommt, ist einzigartig.

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Ab Samstag pilgern Kunstfreunde nach Trubschachen, in ein Dorf mit rund 1400 Einwohnern. Nicht um die historischen Bauernhäuser zu betrachten oder um etwas Landluft zu schnuppern, sondern um hochkarätige Kunst zu sehen.

Bereits am Bahnhof wirbt ein Plakat für die nunmehr 20. Kunstausstellung, die hier in zwei Schulhäusern während der Sommerferien stattfindet. Das Keyvisual der diesjährigen Ausgabe, das Besucher auf Plakaten und Flyern in die Ausstellung lockt, ist ein apartes Frauenporträt des Symbolisten Ferdinand Hodler.

Die Ausstellung hat eine lange Tradition, wie Oscar A. Kambly, Präsident des Kulturvereins von Trubschachen, auf dem Weg zu den Schulhäusern erzählt. Der in Trubschachen aufgewachsene Feingebäckunternehmer ging selbst zu ebenjenem Lehrer in die Schule, der die Kunst einst ins Dorf brachte.

Der Maler Cuno Amiet lieh dem Lehrer jeweils vier Originale für die Schulstube. 

Walter Berger (1906—1981) war im Lehrerseminar in Bern mit Kunst in Berührung gekommen. Der Schöngeist kehrte als Lehrer mit einer Mission in seine Heimat zurück. Er wollte die Kunst zu den Leuten bringen.

Bereits in den Vierzigerjahren veranstaltete er kleine Ausstellungen in seinem Schulzimmer. Er war überzeugt, man müsste sich bilden, um in den Genuss der Kostbarkeiten – damit meinte er Malerei, Musik und Dichtkunst – zu gelangen. «Je früher das geschieht, desto leichter der Eintritt und desto tiefer die Eindrücke», schrieb er in einem Rückblick auf seine Ausstellungstätigkeit.

Der Maler Cuno Amiet (1868–1961) lieh dem Lehrer jeweils vier Originale für die Schulstube. Ziel war, die Schüler und Schülerinnen mit guter Kunst aufwachsen zu lassen. Früh entdeckte der Lehrer auch die abstrakte Kunst für sich und ergänzte seine Ausstellungen fortlaufend mit modernen Malern. 1964 fand schliesslich die erste offizielle Kunstschau in Trubschachen statt. Bergers Motto, «dem Hässlichen so viel Schönes wie nur möglich entgegenzusetzen», ist man bis heute treu geblieben.

Dorf im Ausnahmezustand

Das alle vier Jahre stattfindende Kunstereignis bezieht das ganze Dorf mit ein. Rund 400 freiwillige Helferinnen und Helfer machen das aufwendige Projekt, das dieses Jahr rund 200 Werke unter dem Motto «Mit neuen Augen schauen» zeigt, erst möglich. Letztes Mal seien 36'000 Besucher gekommen, sodass man sich auch dieses Jahr auf einen Andrang einstelle, sagt Kambly. Skulpturen des Solothurner Künstlers Schang Hutter säumen den Weg zu den Schulhäusern. So wird auch der Aussenraum wirksam mit Kunst bespielt.

Im Hasenlehn-Schulhaus geht es zurzeit rege zu und her. Die Schülerinnen und Schüler haben eine Projektwoche, es wird gehängt, diskutiert und gestaltet. Zugezogene Profis sorgen für den richtigen Umgang mit den Meisterwerken, die nur mit Handschuhen angefasst werden dürfen. Die Gemälde stammen von privaten Leihgebern und aus Museen, deren Auflagen es zu beachten gilt.

Das alle vier Jahre stattfindende Kunstereignis bezieht das ganze Dorf mit ein.

Die Kuratoren Ruedi Trauffer, Bettina Haldemann sowie der einstige Dorfpfarrer Burghard Fischer haben ein klares Konzept. «Wir führen die Besucher sachte vom Naturalismus zur abstrakten Kunst», erklärt ­Trauffer.

In einem ersten Raum hängen idyllische Landschaften des Luzerner Malers Robert Zünd (1827–1909). So grün wie Zünds Wiesen ist der hier ausgelegte Teppich, der dem kahlen Klassenzimmer einen erhabenen Anstrich verleiht. Die Blumengestecke, die die ortsansässige Floristin für jeden Raum gemacht hat, runden das unorthodoxe Gestaltungskonzept ab, das auf Charme statt auf weisse Wände setzt.

Giovanni in der Turnhalle

Kern der Schau ist die Turnhalle. Hier werden Gemälde von Giovanni Giacometti (1868–1933) wie etwa die berühmten Panoramen von Flims gezeigt. Nach Landschaften von Vallotton, einem Skulpturenraum von Schang Hutter und lichtdurchfluteten Aquarellen von Moilliet gelangt man in ein Zimmer, das der 2002 verstorbenen Künstlerin Niki de Saint Phalle gewidmet ist. Im Innenhof der Schule steht Saint Phalles kunterbunte Plastik «Les footballeurs» – eine Leihgabe aus Lausanne.

Wer von der Moderne in die Gegenwart schlendern möchte, begibt sich ins Schulhaus Dorf: Hier gibt es Malerei von Zeitgenossen wie Ueli Güdel oder Mirjam Helfenberger.

Ausstellung:1. bis 23. Juli, täglich von 10 bis 21 Uhr in Trubschachen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.06.2017, 13:08 Uhr

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