Mit Herz und Hirn

Kunst aus Bettpfannen und Augentropfen: Für das interdisziplinäre Projekt «Kunst & Medizin» haben angehende Pflegefachleute zusammen mit dem Berner Künstler Franticek Klossner eine berührende Schau erarbeitet. Dieses Wochenende ist sie im Kunsthaus Interlaken zu sehen.

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Helen Lagger@FuxHelen

Ein Gehirn wird die Treppe hochgetragen, eine Leber in einen Schrank gehängt und Lungen­flügel montiert. Nein, wir sind nicht dabei, einen Organhandelring aufzudecken. Wir befinden uns im Kunsthaus Interlaken. Hier wird gerade die Ausstellung «Kunst & Medizin» eingerichtet.

Angehende Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit (Fage) präsentieren am Wochenende den Output eines ungewöhnlichen Kunstprojektes. Zwei Klassen des Bildungszentrums Interlaken (BIZ) haben sich während eines Semesters mit Kunst und Medizin auseinandergesetzt und schliesslich selbst Hand angelegt.

Sie haben Kunst in den unterschiedlichsten Medien gestaltet und dabei aus ihrem Berufsalltag geschöpft: Eine Bettpfanne steht etwa auf einem Sockel und lässt an Marcel Duchamps Pissoir denken, das 1917 zweckentfremdet im Ausstellungsraum stand und für Kopfzerbrechen sorgte.

Ein Gehirn wird die Treppe hochgetragen, eine Leber in einen Schrank gehängt und Lungen­flügel montiert.

Jenny von Allmen und Nicole Zenger haben sich dem Thema «Ekel» gewidmet. «Na, traust du dich?!?» heisst ihre zweite Arbeit, die den Besucher dazu einlädt, in eine Kiste mit zwei Löchern zu greifen – und nach etwas Schleimigem zu tasten.

Die meisten der gezeigten Arbeiten sind in Zweier- oder Dreiergruppen entstanden. Der Berner Video- und Installationskünstler Franticek Klossner hat gemeinsam mit Urs Schürch, Lehrer am BZI, das interdisziplinäre Bildungsprojekt entwickelt. Es gehört zu den Siegerprojekten des Innovationswettbewerbs «tête-à-tête», der im Zweijahresrhythmus von der Kulturförderung des Kantons Bern ausgeschrieben wird.

Blick in die Kunstgeschichte

Die meisten der insgesamt 39 Beteiligten haben vor diesem Projekt nicht viel mit Kunst am Hut gehabt. «Einige sind anfangs skeptisch gewesen, so viel Zeit in dieses Projekt zu investieren, da sie als Berufsschüler bereits unter grossem Druck stehen, Fachwissen zu pauken», so Klossner.

Der 1960 in Grosshöchstetten geborene Künstler und Lehrbeauftragte an der Hochschule der Künste Bern hat einst selbst eine Lehre als Psychiatriepfleger absolviert. Um seine Schützlinge zu motivieren, scheute er keinen Aufwand.

Zuerst wurde in einem kunsttheoretischen Teil die Beziehung zwischen Kunst und Medizin vom Mittelalter bis heute behandelt. Dabei befassten sich die Klassen unter anderem mit dem niederländischen Maler Rembrandt, Schöpfer des Gemäldes «Die Anatomie des Dr. Tulp» (1632), das Medizinstudenten neben einem obduzierten Leichnam zeigt. Oder mit dem für seine Pillenbilder bekannten Briten Damien Hirst.

Mit offenen Augen

Schliesslich hätten die Pflegefachleute Feuer gefangen und losgelegt. Die Resultate können sich sehen lassen. Strategien der zeitgenössischen Kunst – sei es Performance oder Zweckentfremdung von Objekten – wurden angewandt, existenzielle Themen mit Witz und Kreativität ­bearbeitet. Verschiedene auf der Arbeit erlebte Emotionen wie Trauer, Mitgefühl, Scham oder Freude dienten den Pflegenden als Ausgangslage.

Die meisten der insgesamt 39 Beteiligten haben vor diesem Projekt nicht viel mit Kunst am Hut gehabt.

Claudia Lehner und Kirththana Satkuru haben ein anatomisches Modell von einem Riesenherzen geschaffen und wollen damit würdigen, was das Organ alles leistet. Barbara Keller und Vanessa Wyss präsentieren einen Selecta-Automaten, bei dem man «Emotionen auf Knopfdruck» abrufen kann. Und Yohanna Solomon und Denise Steinhauer ­haben eine Videoinstallation geschaffen, die zeigt, was geschieht, wenn blaue Flüssigkeit ins Auge getröpfelt wird – «ein künstlerisches Aquarell mit Augentropfen», wie sie beschreiben.

Klossner hat ein zur Arbeit passendes Zitat von Jean Cocteau geliefert: «Man schliesst die Augen der Toten behutsam; nicht minder behutsam muss man die Augen der Lebenden öffnen!»

Mit geöffneten Augen gehen viele der Mitwirkenden nach der Kunsterfahrung durch die Welt. Beim Lesen der Zeitung werde sie fortan den Kulturteil nicht mehr überspringen, verrät eine der frischgebackenen Künstlerinnen.

Ausstellung: Sa, 10. 2., 14–18 Uhr, und So, 11. 2., 11–17 Uhr, Kunsthaus Interlaken.

Berner Zeitung

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