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Miami treibt den Imagewandel voran

An der 17. Art Basel Miami Beach wird viel gekauft – allerdings weniger als in den Vorjahren. Ein neuer Steuerentscheid macht den Kunsthändlern zu schaffen.

Sehr teurer und musealer Blickfang: Ein Geschenk-Ei von Jeff Koons für 9,5 Millionen Dollar an der Art Basel Miami Beach. Foto: Raphael Suter
Sehr teurer und musealer Blickfang: Ein Geschenk-Ei von Jeff Koons für 9,5 Millionen Dollar an der Art Basel Miami Beach. Foto: Raphael Suter

Gleich beim Eingang in die Art Basel Miami Beach, am goldfarbenen Stand der Fondation Beyeler, wird der Messebesucher in die Beichte genommen. Im sonst leeren Raum sitzt ein Mann im Mönchsgewand und stellt seinem Gegenüber eine Frage: «Weshalb hast du noch nie einen Menschen umgebracht?» Dann erteilt er ihm die Absolution, besprüht eine Hostie mit einem Hauch von Negroni und legt sie dem Büsser auf die Zunge. Geläutert und rein kann er sich jetzt auf den Rundgang durch die Messe begeben.

Der Stand der Fondation Beyeler ist der einzige, an dem keine Kunst verkauft, sondern auf die laufenden und künftigen Kunstausstellungen hingewiesen wird. Die übrigen 267 Galerien aus 35 Ländern sind hier, um Umsatz zu machen.

Die Art Basel Miami Beach ist die wichtigste Kunstmesse auf dem amerikanischen Kontinent. Als sie vor 17 Jahren zum ersten Mal durchgeführt wurde, gab es auch kritische Stimmen. Wieso nicht in New York? Und wird sie nicht die Muttermesse Art Basel schwächen? Der Erfolg hat diese Stimmen verstummen lassen.

Inzwischen gibt es einen zweiten Ableger in Hongkong. Und in Miami Beach hat die Messe einen wahren Kunstboom ausgelöst. «Wir hatten dieses Image als Miami Vice State. Inzwischen werden wir auch als Kunstmetropole wahrgenommen», sagt Bürgermeister Dan Gelber. Vier neue Museen sind seit dem Start der Messe im Jahr 2001 eröffnet worden, die Zahl der Galerien ist in dieser Zeit von zehn auf über hundert angestiegen.

Messemüde Sammler

Um den Imagewandel zu unterstützen, wirft Miami Beach viel Geld auf. Die Renovation undErweiterung des Convention Center – wo die Messe stattfindet – hat die öffentliche Hand 620 Millionen Dollar gekostet. Dafür verlangt die Stadt Zugeständnisse von der MCH Group, welche die Art Basel durchführt. Die Krise der Baselworld und die Streichung verschiedener Messen, darunter auch Kunstmessen, haben sich bis nach Florida herumgesprochen. Ein für nächstes Frühjahr terminierter Salon für Luxusautos im Convention Center musste abgesagt werden. «Das alles hat auf die Art Basel keinen Einfluss», versichert der Messedirektor Marc Spiegler.Er hat einen Vertrag für fünf weitere Jahre in Miami Beach unterschrieben.

Ganz gelöst ist die Stimmung in diesem Jahr trotzdem nicht. Ein neuer Steuerentscheid des Obersten Gerichtes macht den US-Kunsthändlern zu schaffen, und wichtige Sammler zeigen eine gewisse Messemüdigkeit. «Es sind weniger Besucher aus New York da», stellt Mathias Rastorfer von der Galerie Gmurzynska fest. Er hofft, dass das neue Convention Center der Messe auch einen neuen Impuls gibt. Gmurzynska ist seit Beginn in Miami dabei. «Der Markt hat sich in den 17 Jahren sehr verändert, man muss sich als Galerie immer wieder neu definieren», betont Rastorfer. Seine Galerie zeigt in Miami neben Werken von Christo hochklassige Arbeiten von Roy Lichtenstein oder Robert Motherwell.

Einen Schwerpunkt auf lateinamerikanische Kunst setzt Viktor Gisler von der Galerie Mai 36. Einmal mehr stellt erdie abstrakt-figurativen Arbeiten des kubanischen Künstlers Michel Pérez Pollo in den Vordergrund, die je nach Format mit Preisen zwischen 35'000 und 52'000 Franken auch noch zahlbar sind. Ebenfalls stark auf dem Gebiet der Kunst Südamerikas ist Peter Kilchmann, der sich in Miami einen Stamm südamerikanischer Sammler aufgebaut hat. Interessant ist eine Arbeit aus Chrom und Bronze des kubanischen Künstlers Dagoberto Rodriguez, der die Oldtimer in Havanna vor Augen hatte.

US-Regierung verzichtete auf Zölle für chinesische Kunst

Mutig zeigt sich die Luzerner Galerie Urs Meile an der Messe mit einer Stahlarbeit von Not Vital und einem grossformatigen Bild der jungen Künstlerin Julia Steiner. Der vor allem auf chinesische Kunst spezialisierte Galerist hat es in Miami nicht leicht. Das Interesse der amerikanischen Sammler an China ist noch nicht sehr gross, und der Handelsstreit zwischen den beiden Staaten hätte Meiles Teilnahme an der Messe fast verhindert. Ursprünglich sollte auch die Einfuhr chinesischer Kunst mit hohen Zöllen belegt werden, doch im letzten Moment verzichtete die US-Regierung darauf. So kann Urs Meile jetzt ein ganzes Kabinett mit neuen Arbeiten von Zhang Xuerui zeigen.

Zu den grossen Playern in der internationalen Kunstszene gehören Hauser & Wirth. Die Galerie ist denn auch prominent platziert, das Gedränge am Stand gross. Bereits wenige Stunden nach Messestart war das jüngste Porträt von Amy Sherald mit dem Titel «When I let go what I am, I become what I might be» für 175'000 Dollar an einen amerikanischen Privatsammler verkauft worden. Sherald ist zum afroamerikanischen Shootingstar geworden, seit sie das offizielle Porträt der früheren First Lady Michelle Obama gemalt hat.

Politische Aborigine-Kunst

Auffallend ist, dass vermehrt Werke von afroamerikanischen und afrikanischen Künstlern zu sehen sind. Etwa von Billie Zangewa, die grossartige Textilarbeiten am Stand der Galerie Blank aus Kapstadt zeigt – bezeichnenderweise im Sektor Nova, wo es einige spannende Entdeckungen gibt. Im Sektor Positions findet sich dagegen einer der wenigen politisch pointierten Künstler: der Aborigine Vincent Namatjira, der fünf Autostunden abseits jeglicher Zivilisation lebt und sich in seinen Arbeiten trotzdem mit umstrittenen politischen Führern wie Trump oder Putin auseinandersetzt.

Sonst gibt es an der Messe wie immer sehr viel teure und museale Kunst zu sehen. Bei Helly Nahmad etwa einen Rothko aus dem Jahr 1955, der 50 Millionen Dollar kosten soll. Oder ein Geschenk-Ei von Jeff Koons für 9,5 Millionen als Blickfang am Stand von Edward Tyler Nahem. Sehr gefragt ist Keith Haring, der von der Lévy Gorvy Gallery gleich mehrfach verkauft wurde.

«Es wird gekauft, aber das Checkbuch sitzt nicht mehr so locker wie in den Vorjahren», sagt ein Galerist, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. Dem sonnigen Wetter entsprechend, wollen sich alle optimistisch geben. Die bis morgen Sonntag dauernde 17. Art Basel Miami Beach dürfte als gute, aber sicher nicht als beste Messe in die Geschichte eingehen.

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