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Kunst zwischen McDonald's und Sari-Läden

Das Londoner East End ist seit längerem eine Boomecke des Kunstbetriebs. Aber wie sieht so eine Ecke in Wirklichkeit aus?

Man hat es oft genug gelesen und gehört: Im Londoner East End, traditionell der Inbegriff einer urbanen Problemzone, hat seit dem Aufstieg der Young British Artists in den späten 90er-Jahren ein beispielloser Kunstboom stattgefunden, noch befeuert von der jüngsten Markthausse. Und wie so oft haben die Künstler auf der Suche nach günstigem Atelierraum das Terrain für Galerien bereitet. Höchste Zeit, mal einen Kontrollgang durch die angeblich blühenden Landschaften zu unternehmen. Zumal Morde an Jugendlichen, aber auch Aktivitäten von Streetartists wie Banksy die Gegend jüngst erneut in die Schlagzeilen gebracht haben. Banksy, der Brad Pitt und Angelina Jolie zu seinen Fans zählt, erzielt mit seiner Sprühdosenkunst satte Preise auf dem Markt: Ein Werk, das er mit Diamantschädel-Hirst produzierte, erzielte 2007 bei einer Auktion gut zwei Millionen Franken.

Eine Tube-Station namens Engel

Streetart schmückt derzeit sogar überlebensgross die Fassade der Tate Modern. Diese ist auf den modischen Zug mit der ursprünglich gegen das Kunst-Establishment gerichteten Streetart aufgesprungen. Übrigens ohne Banksy, der eine Gegenveranstaltung auf die Beine stellte: Im Tunnel der Leake Street gleich hinter der Waterloo Station sind die Überbleibsel des «Dosen-Festivals» von Banksy und Kollegen im Mai zu sehen. The real thing!

Wie die Streetart, so ist auch das East End im Mainstream angekommen; man sieht es daran, dass das populäre Ausgehmagazin «Time Out» Tipps für Art-Walks propagiert. Etwa vom Künstler Martin Creed, der 2001 den Turner Prize erhielt und nun in der Tate Britain ausgestellt wird, für ein Werk, das aus einem Lichtschalter besteht. Auch sein Tipp ist ökonomisch: Er empfiehlt gerade mal die Filiale Coppermill seiner Galerie, Hauser und Wirth, samt Lieblingsrestaurant. Wir haben leider keine Zeit für Dinners, sondern nur wenige Stunden, um den Kunstmythos East End zu ergründen. Unser Ausgangspunkt ist die Tube-Station Angel. So ein schöner Name! Auch die Station ist prächtig, ganz neu. Die wunderbare lange Rolltreppe übrigens hat ein anderer Turner-Preisträger, Mark Wallinger, im Herbst im Aargauer Kunsthaus zu Gast, in einem Video mit einem Evangelisten als Kulisse verwendet. Angel ist auch am nächsten zur Parasol Unit gelegen.

Ziba de Wecks Parasol Unit

Nähe ist in London relativ und heisst: zehn Minuten Fussmarsch. Die Parasol Unit, ein ästhetisch ansprechender Bau, liegt etwas abseits der City Road hinter einem unästhetischen Drive-Thru McDonalds samt Texaco-Tankstelle. Es handelt sich um eine private Kunsthalle, die Ziba de Weck-Ardalan gegründet hat. Ziba de Weck, gebürtige Iranerin, ist verheiratet mit Pierre de Weck, bei der Deutschen Bank fürs Private Wealth Management (ab 5 Mio. Euro) zuständig. Der Eintritt in die Parasol Unit ist gratis, weil ein möglichst breites Publikum erreicht werden soll. Das Programm ist ehrgeizig, international, auch der Schweizer Mario Sala hatte schon einen Auftritt. Gerade zeigt Mona Hatoum neue Werke in den edelschlichten Räumen. Viele sind käuflich über Jay Joplin, den Galeristen der Young British Artists. Der Parasol beherbergt auch die bekannte Galerie Victoria Miro.

Jay Joplins legendärer White Cube ist das nächste Ziel. Zunächst aber sehen wir unterwegs auf Plakatwänden klassische Strassenkunst: Eugène Delacroix, «La liberté guidant le peuple», das grosse Revolutionsbild, drüber «Viva la vida», Werbung für die neue Coldplay. Der Rückgriff auf die Barrikaden des 19. Jahrhunderts schmeckt an diesem Standort nach bitterer Ironie: Das Londoner East End, damals geprägt von den Docks, war die Brutstätte des englischen Sozialismus. Viel geblieben ist davon nicht, profitiert haben andere. Joplins White Cube, eine opake Glaskiste auf einem Altbau, ist idyllisch gelegen am Hoxton Square. Zur Italianità fehlt dem baumbestandenen Platz nur das Leben, normale Läden etwa. Am späten Vormittag ist fast nichts los. Billige Imbissbuden in der Nähe; ein Vietnamese hat gerade aufgegeben. Da und dort sieht man noch geschlossene Futterkrippen für Betuchte. Joplin zeigt eine komplexe Installation von Matthew Ritchie. Wirkt verquer. Rund um den Hoxton Square, wo auch ein Zentrum des Nachtlebens sein soll, gibt es weitere Galerien. Doch wir streben nach Hackney in die Vyner Street, angeblich jüngstes Epizentrum der «Szene». Der Weg führt über die Kingston Road. Dort fällt, neben einem Riesenplakat aus lauter einzelnen Blättern, das Soldaten im Irak zeigt und nach Kunst aussieht, ein Graffito mit aufgeklapptem Schweizer Offiziersmesser ins Auge. Es ist der Aufruf zu einer Klima-Demo.

Günstige Drucker für Fotografen Auch die Kingsland Road ist nicht eben eine Flaniermeile. Aber es scheint Geld ins schäbige Quartier zu strömen. Die Organic Grocery, ein Bio-Markt, stylish und teuer, ist sicher nichts für jene Leute, um die sich die gratis aufliegende «Islington Gazette» sorgt, weil sie derzeit wegen gestiegener Lebensmittelpreise in Nöte kommen. Es gibt auch auffällige Neubauten. Der Bau mit der gelochten Fassade etwa beherbergt den Printspace, ein privat finanziertes Projekt, das Fotografen günstig neueste Drucker zur Verfügung stellt, wie Kevin, ein Mitarbeiter, mir erklärt.

«CCTV - You are being filmed»

Endlich ist auch die Cremer Street aufgespürt, wo sich in Nummer 15 A die Galerie Agency befinden soll. Sie versteckt sich in der Passage zu einer krimitauglichen Brache, hinter Wellblech und einer Türe aus Pressspan. Nicht als Galerie angeschrieben, verschanzt hinter Klingelknopf und mit Kamera («CCTV - You are being filmed») - das erleben wir in der Folge noch öfters; Joplin war da die Ausnahme. Agency zeigt bunte Chinesenkunst. Wieder draussen fällt der Blick auf eine Baustelle für schicke Appartments. Sie wirken hier irgendwie deplatziert In der Cremer Street unterhält auch die Acava, eine der für London typischen gemeinnützigen Organisationen, Künstlerateliers. An der Ecke zur Hackney Road, die wir endlich erreichen, ist ein vernagelter Pub mit Graffiti besprüht. Stilistisch interessant, aber nicht von Banksy. Die Hackney Street ist gesäumt von abgewrackten Läden mit verstaubtem Reisegepäck, Zubehör für asiatische Restaurants (Reiskocher aller Art!) oder Sanitärwaren. Ein Chinese bietet modisches Schuhwerk an, direkt aus dem Karton. Im Laden riecht es nach Chemieunfall. Es folgen diverse Kramläden. Ein Ladenbesitzer klopft an die Scheibe, weil wir von der Strasse aus seine bunten Listen mit billigen Telefonkarten für Anrufe nach Asien und Afrika fotografieren. Passanten gibt es fast keine. Ungemütlich ist die Gegend nicht, aber ärmlich. Eine Brandruine ist efeuüberwachsen. Bessere Wohnblöcke sind nachts «gated».

Dort, wo die Vyner Street von der Verkehrsader Cambridge Heath Road abbiegt, sticht statt Galerien zunächst eine «Nursery», ein Kindergarten, ins Auge. Im winzigen Aussenraum ausgeblichene bunte Plastikspielsachen. Das sieht nicht nach Boom aus. Die Vyner Street, eine Sackgasse am Regent's Canal, der bis zur Themse führt, ist eine Kleingewerbe-Zone. Davon zeugt eine auf Taxis spezialisierte Autowerkstatt; die Räume einer ehemaligen Schirmfabrik sind zu mieten. Die rund zehn Galerien hier kämpfen mit unterschiedlichen Spiessen. Eine hat einen winzigen Eckladen bezogen. Auf weitläufigen, teuer renovierten Etagen agiert dagegen Wilkinson. Wieder Klingel, Video, Stahltür; ausser auf die jungen Leute, die die Galerien hüten, trifft man selten auf andere Besucher. Wilkinson zeigt den polnischen Maler Marcin Maciejowski und die Rumänin Lia Perjovschi. Besser als das bisher Gesehene. Einen guten Eindruck machen auch Empire, die Galerie der Staffordshire University, Ibid Projects und Fred, wo ein attraktives Endlos-Roadmovie von Stuart Croft läuft.

Nun könnten wir noch weiter östlich nach Hackney Wick reisen, wo sich bis 2003 ein schmuddliger Schwarzmarkt befand, den Stephen Gill (Geheimtipp!) fotografiert hat; hierher sind auch schon ein paar Galerien gezogen. Oder zu den Hackney Marshes, wo das Olympiastadion 2012 entsteht. Schliesslich hat sich auf unserem Gang herausgestellt, dass der Stadtraum fast interessanter ist als die Kunsträume. Doch mangels Zeit nehmen wir den Bus Richtung Whitechapel. Unterwegs noch ein Blick in die Galerie Maureen Paley, die Wolfgang Tillmans zeigt, und ganz in der Nähe, unter Tillmans bisherigem Atelier, sein Ausstellungsraum Between Bridges, wo er die Arbeit von Kollegen propagiert. Das Center for Land Use Interpretation ist mit Fotos von amerikanischen Autoteststrecken zu Gast.

Vorbei an Whitechapel mit den farbenfrohen Sari-Läden der Bangladesher und viel sichtbarer Armut geht es zur Whitechapel Gallery; die angesehene Kunsthalle ist allerdings bis 2009 im Umbau. Wir nehmen die Dockland-Railway zum City-Airport; sie führt am anderen Ostlondon vorbei. Dort landen die Flugzeuge und das Geld, dort bilden die Glaspaläste der grossen Banken eine pompöse Skyline. Hier kommt das Geld her, das in Hackney vereinzelte Blüten aus den Schlaglöchern treibt. Denn Hackney ist nicht der Zürcher Kreis 5, und es sieht nicht so aus, als ob die Kunst im East End für breitere Kreise schicksalswendend sei. Es ist eher ein Durchlauferhitzer für Startups - die Platzhirsche, wie Joplin oder Hauser & Wirth, haben ihren Hauptsitz längst in Kensington oder Mayfair.

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