Kunst wird digital – auch in Bern

Kunstmuseen müssen mit der Zeit gehen und ihre Sammlungen digitalisieren. Bisher lief im Kanton diesbezüglich wenig. Das ändert sich nun – dank verschiedener Förderprojekte.

Meret Oppenheims «Eichhörnchen»-Skulptur und weitere Werke der Künstlerin werden vom Kunstmuseum Bern digitalisiert – dank eines Förderbeitrags.

Meret Oppenheims «Eichhörnchen»-Skulptur und weitere Werke der Künstlerin werden vom Kunstmuseum Bern digitalisiert – dank eines Förderbeitrags.

(Bild: zvg/Fotolia; Montage fri)

Stefanie Christ@steffiinthesky

Ganze 122 Kunstwerke von Arnold Böcklin befinden sich im Kunstmuseum Basel. Darunter Meisterwerke wie die erste Fassung der «Toteninsel», 1880 in Öl gemalt, aber auch Überraschendes wie ein Gipsschild mit Medusenhaupt. Im Bestand aus Bildern, Grafiken oder Terrakotta-Putten des Schweizer Künstlers können Interessierte auf der Sammlungswebsite per Mausklick stöbern. Das ganze Onlinearchiv umfasst mittlerweile die 4000 Gemälde, Skulpturen, In­stallationen und Videos sowie rund 5000 von den 300'000 Grafiken der Basler Sammlung.

Kunstmuseum Bern gefördert

4000 Gemälde und Skulpturen umfasst auch die Sammlung des Kunstmuseums Bern. Wer sich Ausschnitte davon ansehen will, landet online bei einem 44-seitigen PDF-Dokument – oder analog bei einem 2,8 Kilo schweren Sammlungskatalog, der seit letztem Herbst vorliegt und 175 Meisterwerke aus der Sammlung vereint.

Das wirkt äusserst verstaubt im Digitalzeitalter. Die Partnerinstitution des Kunstmuseums Bern, das Zentrum Paul Klee, ist da fortschrittlicher – und hat die etwa 4000 Arbeiten umfassende Sammlung bereits zur Eröffnung 2005 online gestellt.

Gleich das ganze bildnerische Weltkulturerbe online zugänglich machen will Google: Seit 2011 werden im Rahmen des «Cultural Institute» unter anderem Kunstwerke in Gigapixelaufnahmen ­erfasst. Die hohe Auflösung des sogenannten Art Project erlaubt es, sich in die Tiefen der Bilder zu zoomen und so nah an ein Werk heranzugehen, wie es in einem Museum niemals möglich wäre (Stichwort: Absperrkordel!).

Über 200'000 Meisterwerke sind mittlerweile einsehbar, von Vincent van Gogh, Edward Hopper oder Frida Kahlo. Mitmachen könnten alle Museen: «Wir unterstützen die Institutionen dabei, ein weltweites Publikum zu erreichen», heisst es bei Goo­gle. «Die Technologie und alle dazugehörigen Leistungen sind für die Häuser kostenlos.»

Die hohe Auflösung des sogenannten Art Project erlaubt es, so nah an ein Werk heranzugehen, wie es in einem Museum niemals möglich wäre.

Das weiss auch das Kunstmuseum Bern. Einer Zusammenarbeit steht es aber zurückhaltend gegenüber: «Das Google Art Project öffnet faszinierende Möglichkeiten, es gilt aber auch, gut abzuwägen, welche Projekte für welche Sammlung sinnvoll sind. Wir sind offen und interessiert, hier geeignete Projekte für eine Zusammenarbeit zu definieren», so Museumssprecherin Maria-Teresa Cano. Die Digitalisierung der Sammlung sei ein bereits länger bestehendes Desiderat, das die neue Direktorin Nina Zimmer, seit August 2016 im Amt, in Angriff nehmen wolle.

Antrieb erhält das Museum nun von aussen: Wie am Dienstag bekannt wurde, unterstützen die Helvetia-Versicherungen das Kirchner-Museum Davos, das Kunstmuseum Luzern so­wie das Kunstmuseum Bern bei der Digitalisierung ausgewählter Werke. «Ziel der Kunstversicherung ist es, Werke für zukünftige Generationen zu bewahren. Mit den Digitalisierungsprojekten er­halten wir nicht nur die Kunstwerke, sondern ermöglichen den Museen auch neuartige Ausstellungsformate», erklärt Philipp Gmür, CEO von Helvetia, die ­Motivation. Im Fall des Kunstmuseums Bern wird der 347 Objekte umfassende Bestand von Meret Oppenheim digitalisiert.

Die Werke sollen einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, darunter die Skulptur «Eichhörnchen» von 1969 – ein Hybrid aus Bierglas und Nager. Die Erfassung soll bis 2021 erfolgen. «Es ist ein forschungsrelevantes Projekt für uns, das Pioniercharakter hat, was Qualität und Einsatzmöglichkeiten digitaler Technik der allerneusten Generation angeht», so Kommunikationschefin Cano.

Umtriebige Mobiliar

Es tut sich also etwas auf dem Kunstplatz Bern. Man könnte gar sagen: Die Meldungen überstürzen sich. Bereits letzte Woche wurde bekannt, dass die ­Mobiliar-Versicherung «Digital Trails» der Kunsthalle mit einem Förderbeitrag in Höhe von 25'000 Franken unterstützt. Im Rahmen dieses Projekts soll das Archiv digitalisiert werden. So können Materialien wie Ka­taloge, Fotografien, Texte oder Korrespondenz, etwa aus der legendären Kunsthalle-Ära unter Harald Szeemann (1961–1969), digital erhalten und weltweit zugänglich gemacht werden.

Die Mobiliar unterstützt nicht nur, sondern geht auch als gutes Beispiel voran: Die hauseigene Sammlung, die seit 1939 sorgfältig aufgebaut wird und repräsentative Werke von Schweizer Kunstschaffenden wie Ferdinand Hodler, Bernhard Luginbühl, Roman Signer oder Shirana Shahbazi umfasst, wird online gestellt. «Kunst ist ein Allgemeingut, das wir mit anderen teilen möchten», so Dorothea Strauss, Leiterin Corporate Social Responsibility.

«Mit den Digitalisierungsprojekten ermöglichen wir den Museen auch neuartige Ausstellungsformate.»Philipp Gmür, Helvetia-CEO

Seit Dienstag sind 150 Werke auf der Sammlungswebsite aufgeschaltet, etappenweise werden weitere Bestände hinzugefügt. Ziel ist es, die komplette Sammlung online bereitzustellen – rund 1200 Gemälde, Fotografien, Skulpturen, Grafiken oder Videoarbeiten. «Mit der Onlinesammlung schaffen wir einen Zugang, der keine geografischen und zeitlichen Grenzen mehr hat», erklärt Viviane Mörmann, Fachspezialistin Kunst bei der Mobiliar in einer Mitteilung.

Bisher wurden ausgewählte Werke im Rahmen von Wechselausstellungen präsentiert, andere hängen in öffentlich zugänglichen Mobiliar-Bereichen oder in Mitarbeiterbüros. Im Gegensatz zu Googles «Cultural Institute» kön­nen die Werke online nicht bis zur Leinwandfaserung herangezoomt werden. Die Datenbank umfasst jeweils eine Reproduktion des Werks, Erläuterungen zum Sujet und zum Künstler.

Nah am Thun-Panorama

Näher dran sind seit Mitte Monat die Besucherinnen und Besucher des Panoramagemäldes von Marquard Wocher im Schadaupark Thun. Über einen Touchscreen ist es möglich, tief ins 38 Meter lange Rundbild einzutauchen. So entdeckt man beispielsweise spielende Kätzchen auf einem Hausdach oder Kinder, die aus einem geöffneten Fenster winken.

Vorerst steht diese digita­le Version Besuchern vor Ort zur Verfügung, voraussichtlich nächstes Jahr soll sie auf der Website aufgeschaltet werden. Dann können sich Kunstinteressierte am Detailreichtum des Thun-Panoramas erfreuen – wann und wo sie wollen.

Der Touchscreen zum Thun-Panorama ist in der ­Ausstellung im Schadaupark Thun erhältlich.

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