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«Kunst findet immer Wege, frei zu denken»

Vor 100 Jahren fand in Russland nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine ästhetische Revolution statt. Die Kuratoren der Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!», über die Macht der Bildsprache.

Sozialistischer Realismus: Kusma Petrow-Wodkins Gemälde «Einweihungsfeier (Arbeiter Petrograd)» von 1937.
Sozialistischer Realismus: Kusma Petrow-Wodkins Gemälde «Einweihungsfeier (Arbeiter Petrograd)» von 1937.
zvg
«Nein, auf keinen Fall wäre diese ­Ausstellung in Russland möglich», sagt Kathleen Bühler, Kuratorin Kunstmuseum Bern.
«Nein, auf keinen Fall wäre diese ­Ausstellung in Russland möglich», sagt Kathleen Bühler, Kuratorin Kunstmuseum Bern.
Anne Gabriel-Jürgens
Ikonenhaft: Das Gemälde «Suprematistische Komposition» (1915) von Kasimir Malewitsch.
Ikonenhaft: Das Gemälde «Suprematistische Komposition» (1915) von Kasimir Malewitsch.
zvg
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In der Kunstgeschichte gilt Kasimir Malewitschs «Schwarzes Quadrat» von 1915 als revolutionär: Es zeigt nichts als das ­titelgebende Quadrat. Die russische Revolution fand zwei Jahre später statt – ein Zufall?Kathleen Bühler: Die Revolution lag schon 1915 in der Luft. Künstler schnappten diese Stimmung auf. Seit 1891 gab es revolutionäre Ereignisse. Für den britischen Historiker Orlando Figes ist die Revolution letztlich erst 1991 zu Ende gegangen. Michael Baumgartner: Zuerst haben sich alle russischen Künstler mit der Revolution identifiziert. Sie wollten beim Aufbau eines neuen Systems mithelfen. Daraufhin entbrannte eine grosse Debatte darum, welcher Kunststil sich durchsetzt: Konstruktivismus und Suprematismus oder sozialistischer Realismus. Manifeste wurden verfasst. Der Kampf um Bildlichkeit wurde sicher nie so zugespitzt geführt wie damals in Russland. Dieses Ringen dauerte 15 Jahre.

Bis 1932 gab es beide Richtungen. 1934 schrieb Stalin schliesslich den Realismus vor. Waren die abstrakten Künstler zu einflussreich für die Partei?Baumgartner: Viele Konstruktivisten waren der Meinung, dass die Kunst nur dann eine Existenzberechtigung hat, wenn sie ins Leben eingreift. Künstler wie Marc Chagall oder Wassily Kandinsky, die sich für eine subjektive Künstlerposition starkmachten, kamen entsprechend unter Beschuss. Sie waren unter den ersten Künstlern, die in den Westen zogen. Kandinsky ging ans Bauhaus in Dessau, aber auch dort stritt man sich darüber, wie sich die Kunst in den Dienst der Produktion zu stellen hatte. Doch das war vor dem Dekret von 1934.Bühler: Ende der Achtzigerjahre formulierte der russisch-deutsche Philosoph Boris Groys die These, dass die Konstruktivisten Stalin im Weg waren. Sie hätten versucht, mit ihren gestalterischen Errungenschaften den Alltag direkt zu verändern – das war aber etwas, das die kommunistische Partei für sich beanspruchte. Möglicherweise sei das mit ein Grund, warum die abstrakten Künstler schliesslich an den Rand gedrängt, verfolgt und teils sogar umgebracht wurden.

Einige Künstler, darunter Male­witsch, wechselten die Seite.Baumgartner: Darum funktioniert er bei unseren beiden Ausstellungen auch als verbindendes Element. Im ZPK bildet sein «Schwarzes Quadrat» den Auftakt, im Kunstmuseum beginnt die Ausstellung mit einem seiner gegenständlichen Bilder.

Gab es trotz der geografischen und stilistischen Trennung ­Gemeinsamkeiten zwischen Abstraktion und Realismus?Bühler: Beide künstlerischen Richtungen mussten mit Beschränkungen arbeiten. Bei den Abstrakten war es die selbst auferlegte formale Beschränkung, die Reduktion auf die Geometrie. Beim sozialistischen Realismus wurden die inhaltlichen und stilistischen Vorgaben von aussen auferlegt. Aber auch dort gab es Wege, Doppelbödigkeiten und Regimekritik hineinzubringen.

Wäre die Abstraktion als Nationalstil geeignet gewesen?Bühler: Die russische Gesellschaft bestand damals auch aus vielen Analphabeten. Wenn ich als Parteifunktionär eine Botschaft durchsetzen wollte, musste ich auf die realistische Bildsprache zurückgreifen. Der sozialistische Realismus funktioniert im Grunde genommen wie Werbung. Die Bilder sind monumental, die Dargestellten lebensgross abgebildet. Wenn man kunstferne Leute überzeugen will, müssen sie sich in der Kunst wiedererkennen. Ein Bild muss wie ein Spiegel funktionieren.

Darum sieht Propagandakunst überall auf der Welt ähnlich aus.Baumgartner: Die Grundtugenden werden hervorgehoben. Der arbeitende Mensch wird gezeigt und verherrlicht.

Haben diese Werke heutzutage einen Wert?Bühler: Einzelne Gemälde haben heute einen Wert von 1,5 bis 2,5 Millionen Euro. Diese Künstler sind trotz allem Ikonen jener Zeit. Zum Beispiel Alexander Deineka. Er war einer, der das System gut bedienen konnte, ­ohne dass er ausgesprochen sta­linistisch war. In einem seiner Gemälde malte er lauter junge Männer, die duschen. In der ­keuschen sowjetischen Bildwelt wirkte das total homoerotisch.

Keusch?Bühler: Ja, Sex oder Zärtlichkeit gab es nicht auf den Bildern der Sowjetunion. Deineka schaffte es, solche Themen zu malen und trotzdem ein Lieblingsmaler der Partei zu bleiben. Er malte auch eine Mutter beim Stillen, die dann zur Madonna der Sowjetunion wurde. Auch wenn es offiziell keine religiösen Bilder gab.

Gab es religiöse Künstler?Baumgartner: Bei Malewitsch war dieses Spirituelle sicher eine ganz starke Prägung. Das Spirituelle lag bei ihm in der Reduktion. Im schwarzen Quadrat. Das hat eine unglaubliche Intensität. Und man versteht es oft falsch: Malewitschs Quadrat ist nicht eine Veräppelung der Kunst, sondern die absolute Verdichtung.

Wäre die Berner Ausstellung heute in dieser Form auch in Russland möglich?Bühler: Nein, auf keinen Fall. Das sieht man nur schon, wenn man die Tretjakow-Galerie in Moskau besucht. Dort wimmelt es von Werken sozialistischer Realisten, doch die Abstrakten bleiben im Keller. So wie die Geschichte insgesamt noch zu wenig aufgearbeitet ist. Und sie ist noch nicht zu Ende, auch wenn es den Kommunismus nicht mehr gibt. Man meinte ja auch, Revolutionen ­gebe es nicht mehr. In den letzten Jahren ist man eines Besseren ­belehrt worden. Das ist das Spannende und Aktuelle an dieser Ausstellung: die Verknüpfung der ästhetischen Frage mit der Frage nach der Rolle der Künstler in der Gesellschaft. Und der Frage: Kann man dank der Ausstellung Russland besser verstehen?

Die Frage bleibt unbeantwortet.Bühler: Ja, aber das Schöne an der Ausstellung ist, dass sie eine optimistische Aussage hat: Egal, wie gross die Einschränkungen sind, die Kunst findet immer wieder Wege, doch frei zu denken. Das finde ich in der heutigen Welt tröstlich.

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