Kunst aus einem Klumpen Lehm

Wann wird aus Hand- ein Kunstwerk? Die Schule für Gestaltung in Bern und Biel präsentiert Keramikarbeiten junger Kunstschaffender.

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Auf dem Dach der Schule für Gestaltung in Bern sitzt zurzeit ein riesiges Wesen, das halb Kuh, halb Frau ist. Geschaffen hat die für Aufmerksamkeit sorgende Plastik die Keramikkünstlerin Marianne Wesolowska-Eggimann. Das Werk fungiert als Auftakt zur aktuellen Ausstellung auf mehreren Stockwerken im Inneren der Schule.

Wesolowska-Eggimann präsentiert gemeinsam mit rund dreissig anderen Keramikschaffenden Einblick in ihr Werk. Die Kühe hätten für sie nichts Heiliges, sagt die Künstlerin in einem Video, sie seien aber ein Symbol für Kraft. Das Leit­motiv der Künstlerin sind Misch- und Fabelwesen aus Porzellan, die sie mithilfe von Zahnarzt­besteck zum Leben erweckt.

Lehrende und Lernende

Der Ausstellungstitel «Out of Mud» bedeutet auf Deutsch so viel wie «aus dem Schlamm» und verweist darauf, wie bei der Keramik aus einem Klumpen Lehm plötzlich etwas Schönes entsteht. Die Ausstellenden sind Lehrende oder ehemalige und aktuelle Lernende der Keramikdesign-Fachklasse. Deren Leiter, Maurizio Ferrari, hat die Exponate gemeinsam mit dem Industriedesigner Christian Horisberger ausgewählt.

Ferrari präsentiert auch seine eigenen Arbeiten: Die «Silhouettes» sind komplex aufgebaute Objekte, die aus einer gewissen Distanz betrachtet, vor unserem Auge zu verschwimmen scheinen. Die Ausstellung dokumentiert, wie vielfältig das Medium Keramik ist und wie fliessend der Übergang vom Kunsthandwerk zur bildenden Kunst sein kann.

Janis Marti etwa, der die Keramik­design-Fachklasse 2016 abgeschlossen hat, setzt seine Gefässe aus vorgefundener Gebrauchs­keramik mit einem eigens ent­wickelten Kleber zusammen. So wird beispielsweise aus einer Zuckerdose und einer Tasse eine Vase. Die Spuren des Zusammenklebens bleiben bewusst sichtbar, was den Reiz der Objekte ausmacht. Man schaut sie an und versucht zuzuordnen, woraus sie bestehen. Auch Christine Aschwanden arbeitet mit «objet trouvés». Sie kreiert groteske Mischwesen aus altem Nippes, den sie auf Flohmärkten aufstöbert. So bekommt etwa eine holde Maid einen Tierkopf verpasst. Auch Kitsch wird Kunst.

Der Trend weg von der Massenware hin zum Einzelprodukt ist in vielen der gezeigten Arbeiten spürbar. Gleichzeitig wird heute mit hoch technologisierten 3-D-Druckern gearbeitet. Die Praxisnähe wird an der Schule für Gestaltung grossgeschrieben. Nebst freien, künstlerischen Arbeiten, werden in der Ausstellung auch Projekte von Lernenden präsentiert, die offenlegen, was heutige Keramiker in ihrem Berufsalltag beschäftigt. So haben etwa Lernende aus dem 3. Lehrjahr nach der Form eines Zuckerstreuers gesucht, die eine effi­ziente Produktion erlaubt. Experimentiert wurde dabei mit Luftballons gefüllt mit Gips.

Kleckerburgen

Wie aus einem Versuchslabor kommt auch die Arbeit «Sweet Dreams» von Sibylle Meier daher. Wie zufällig hingetropft wirken die Kleckerburgen, die aus glasiertem Steingut gefertigt wurden. Meier ist selbstständige Keramikerin und hat ein Atelier in Zürich. Die wohl prominenteste Abgängerin der Schule ist die Berner Künstlerin Chantal Michel. Längst hat sie sich der freien Kunst verschrieben. Drei Fotografien hinter Glas, darunter die Nachstellung von Ferdinand Hodlers Gemälde «Die Nacht» mit Michel in der Rolle aller Protagonisten, wurden in die Schau integriert.

Dass man mit Keramik sein Brot verdienen kann, beweist auch der Business-Case von Nathalie Held. Mit ihren ungebrannten, mehrfach preisgekrönten Wasserurnen hat die ­Keramikerin eine Marktlücke geschlossen. Die Trauernden erhalten mit der individuell gestalteten Urne ein Abschiedsritual mitgeliefert. Die Gefässe lösen sich im Wasser auf und führen so ­eindrücklich die Vergänglichkeit ­aller Dinge vor Augen.

Ausstellung: bis 6. April, Schule für Gestaltung, Bern und Biel, Standort Bern. Infos: www.sfgb-b.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2018, 11:13 Uhr

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