Künstler will Autobahn überbauen

Spiegel/Bern

Nicht der Mahnfinger solls richten, sondern seine Ausstellung: Der Kunstmaler Ronald Kocher kämpft mit seinen Bildern für die Idee, statt Kulturland die Autobahn zu überbauen.

So schön grün ist es in der Stadt Bern und ihrem Umland, und dabei soll es bleiben: Ronald Kocher mit seinen Bildern – und seinen Autobahnüberbauungen als Modell.

So schön grün ist es in der Stadt Bern und ihrem Umland, und dabei soll es bleiben: Ronald Kocher mit seinen Bildern – und seinen Autobahnüberbauungen als Modell.

(Bild: Stefan Anderegg)

Stephan Künzi

Zeit seines Lebens hat er gemalt, hat festgehalten, was ihn gerade bewegte. Kräftige Farben prägen die Bilder, die in seiner Malschule an der Postgasse in Bern hängen. Gelbtöne stehen im Wechselspiel mit Rot-, Blau- oder Brauntönen – und mit leuchtendem Grün. In allen Varianten.

Das Grün ist symbolisch für die Ausstellung, zu deren Vernissage Ronald Kocher heute Abend einlädt. Für einmal will der 87-jährige Kunstmaler aus dem Spiegel mehr als einfach einen Querschnitt durch sein Schaffen zeigen.

Seine Landschaftsansichten sollen den Besuchern vielmehr vor Augen führen, wie schön es doch in Bern ist. Und sie ermahnen, zu den noch vorhandenen grünen Oasen in der Stadt und ihrem Umland Sorge zu tragen.

«Ich mag die Farben», stellt Ronald Kocher, wieder ganz der Maler, mit einem Lächeln fest.

Der Kern der Botschaft

Ronald Kocher zeigt das Elfenaugut in Bern von 1974. Weiter das Blinzernplateau im Spiegel von 1987, das Morillongut in Wabern von 1988, und, wieder in Bern, die Aussicht von der Bundesterrasse über das Marzili hinweg zum Gurten von 1993.

Ganz neu sind seine Impressionen vom Mittelfeld, ebenfalls in Bern, und von der Schürmatt in Muri. Die beiden Bilder entstanden im Sommer 2016, also erst vor ein paar wenigen Monaten.

Mittelfeld, Schürmatt – die Sujets sind nicht zufällig so gewählt. Ronald Kocher kommt in Fahrt, spricht davon, dass die Felder und Matten in Stadtnähe nach und nach verschwinden. Das Mittelfeld, zu dessen Überbauung das Berner Stimmvolk im Sommer Ja gesagt haben, steht in seinen Augen dafür genauso wie das geplante Quartier auf der Schürmatt.

Mit der Idee, einen Teil der Matte für einen Park freizuhalten, versuchen Muris Behörden zwar, die Akzeptanz für das Vorhaben zu steigern – dabei gäbe es doch, so Ronald Kocher, eine valable Alternative.

Jetzt ist er beim Kern seiner Botschaft, die er vermitteln will. Flugs greift er nach einem der zahlreichen Modelle, die er in der Ausstellung auch zeigt, und wirklich: Über die Autobahn bei Muri spannt sich eine Überdeckung, auf der zwei Reihen Häuser stehen. Sie schaffen den allseits gewünschten Wohnraum und schonen das Kulturland.

Wer Rücksicht auf die Bedingungen vor Ort nimmt, umschifft zudem statische Probleme und spart letztlich Kosten. Das erklärt Ronald Kocher bei einem zweiten Modell zum Autobahnanschluss in Bern-Neufeld: Die Neubauten könnten so platziert werden, dass sie nicht direkt über den Fahrbahnen stünden, sondern auf den freien Landstreifen dazwischen. Diese seien breit genug.

Und die Politik?

Ob er mit seinen Ideen Widerhall in der Politik findet? Das ist offen. Ronald Kocher sagt zwar, dass er Kontakt zu Gemeindepräsident Thomas Hanke in Muri hat. Zu einem Gespräch ist es aber noch nicht gekommen. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät hat sich für die Vernissage entschuldigt – doch verdriessen lässt sich Ronald Kocher darob nicht.

Er kommt zurück auf die Malerei, weist auf ein Bild, das das Zen­trum Paul Klee in Bern zeigt. «Renzo Piano hat es begriffen. Er hat der Bau mit den drei Wellen nahe an die Autobahn gerückt – und so den Grünraum dahinter geschont.»

Ausstellungan der Postgasse 6, Bern. 4. bis 19. November, Mittwoch bis Samstag, 15 bis 18 Uhr. Vernissage heute Abend, 17.30 Uhr.

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