Künstler sein war nie so einfach

Eine Idee reicht, den Rest macht der Computer. Nicht nur in der Kunst setzt die Digitalisierung neue Massstäbe. Doch die meisten kriegten das nicht mit, sagt Anke Domscheit-Berg.

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Frau Domscheit, wird mein ­Beruf als Journalistin bald von einem Roboter gemacht?Anke Domscheit-Berg: Künstliche Intelligenz kann heute schon wunderbar Fussballspiele beschreiben. Die Software berichtet über das Wie, das Wann und das Wo. Aber sie kann die Frage nach dem Warum noch nicht beantworten. Dazu braucht es Journalisten.

Konkurrenz gibt es aber auch dadurch, dass heute jeder, der möchte, im Internet publizieren kann.Klar, es fallen viele Barrieren weg. Das ist aber nicht unbedingt schlecht. Man kann es mit weg­fallenden Zollschranken vergleichen. Das ist vielleicht schlecht für die, die einen geschützten Markt hatten, aber es ist gut für die, die neu auf den Markt kommen. Und da sind vermutlich auch gute Autoren dabei.

Geht da nicht Qualität verloren?Was ist Qualität überhaupt? Dahinter steckt ein durchaus eli­täres Denken. Man will definieren, ob etwas hohe Kunst oder Ramsch ist. Es gibt aber Leute, die finden Ramsch toll und kaufen ihn.

Dann bedeutet die Digitalisierung für Sie Demokratisierung?Jede industrielle Revolution lässt Barrieren wegbrechen. So auch die digitale Revolution. Mehr Leute können teilhaben, auch an der Kunst. Das erleben wir jetzt ganz radikal. Bisher brauchten Künstler zwei Fähigkeiten: die Kreativität und das Umsetzungsvermögen. Heute brauchen sie eigentlich nur noch die Krea­tivität.

«Man will definieren, ob etwas hohe Kunst oder Ramsch ist. Es gibt aber Leute, die finden Ramsch toll und kaufen ihn.»

Jeder ist ein Künstler?Ja, man braucht nur noch eine Idee, umgesetzt wird sie von einem Programm. Das ist ein Befreiungsschlag. Die Digitalisierung öffnet den Markt für viele, die bisher vom Künstlertum ausgeschlossen waren. Das heisst, Künstler bekommen auf einmal unfassbar viel Konkurrenz. Der Markt wird überschwemmt von allem, was sich Kunst nennt. Oft muss nicht einmal die Idee grossartig sein.

Wieso nicht?Es gibt die von Algorithmen veränderten Fotos des Programms «Deep Dream Generator». Wenn ich da ein paarmal eine künst­liche Intelligenz drüberlaufen lasse, entstehen beeindruckende Bilder.

Wozu braucht es dann noch «echte» Künstler?Ich denke, es wird immer einen Markt für handwerklich produzierte Kunstwerke geben. Schnell produzierte Algorithmus-Bilder erfüllen eine andere Aufgabe: Jeder kann sie selber machen oder für wenig Geld kaufen. Das sorgt für einen niederschwelligen Zugang zur Kunst. Trotzdem wird die Digitalisierung die Welt für Künstler verändern.

Inwiefern?Es werden zum Beispiel weniger Komponisten gebraucht. Künstliche Intelligenz kann recht ordentliche Musik komponieren, sogar unter erschwerten Bedingungen. Nehmen wir Videospiele. Wenn ich mich da von Level zu Level bewege, gibt es heute die Möglichkeit, in Echtzeit komponierte Musik dazu laufen zu lassen. Sie ist von künstlicher Intelligenz kreiert. Die Musik passt sich dem virtuellen Geschehen im Spiel an. Das ist eine neue Machart von Kunst. Aber daran ist dann kein Komponist mehr beteiligt, es braucht nur Programmierer, die mit Musikern zusammen solche Programme entwickeln.

«Bisher brauchten Künstler zwei Fähigkeiten: die Kreativität und das Umsetzungsvermögen. Heute brauchen sie eigentlich nur noch die Krea­tivität.»

Das sind düstere Aussichten für Komponisten.Ihre Aufgaben verändern sich. Es gibt ja auch neue Felder. Zum Beispiel Programme, die Komponisten helfen, Variationen für ihre eigene Musik zu schaffen. Ich bin generell ein positiver Mensch. Und ich sehe viele positive Seiten des Wandels. Für mich ist das keine Zukunft, vor der man Angst haben muss. Es ist für mich ein Zeitalter der Selbstermächtigung und der Befreiung.

Gleichzeitig ist es eine grosse Überforderung.Ich glaube, die meisten Menschen laufen mit Scheuklappen durch die Gegend. Die Entwicklung überrollt sie. Es kommen immer mehr Dinge, sie kommen extrem schnell, und sie setzen sich auch extrem schnell durch. Zum Beispiel das Tablet. Es hat sich innert sechs Jahren etabliert. Solche Veränderungen werden wir in unserem Leben noch viele erleben. Und wir wissen nicht, welches die nächste ist. Das war bei unseren Grosseltern noch anders, das Fernsehen hat sich erst nach dreissig, vierzig Jahren durchgesetzt.

Diese zunehmende Geschwindigkeit war mir nicht bewusst.Ich glaube, die ist den meisten Menschen nicht bewusst. Ich merke das, wenn ich Vorträge halte. Egal, wo ich das tue, ob vor Gewerkschaften, Universitäten oder Kulturschaffenden, eigentlich treffe ich fast immer auf ein Publikum, das am Ende mit offenem Mund dasitzt und sagt: Wirklich? Augen, die hundertmal besser sehen als normale Augen, die wird es schon in einigen Jahren geben?

Viele Leute haben keine ­Ahnung.Und das ist gefährlich. Schon nur, weil wir durch die Entwicklungsgeschwindigkeit sehr wenig Zeit haben. Und wenn wir dann eine Entwicklung, die im Gang ist, nicht einmal mitbekommen, können wir uns ja auch nicht darauf einstellen. Dann werden wir davon überrollt wie von einem Tsunami. Ethische und politische Fragen in Bezug auf künstliche Intelligenz sind völlig ungelöst. Politik ist ja sowieso ein furchtbar langsames Geschäft. Viel zu langsam für diese Zeit. Da wird eine Politik gemacht für eine Welt, die von gestern ist.

«Ethische und politische Fragen in Bezug auf künstliche Intelligenz sind völlig ungelöst.»

Zum Beispiel?Das US-Militär sagt, es will in absehbarer Zeit jeden vierten aktiven US-Soldaten durch Waffenroboter ersetzen. Es gibt eigentlich eine Art Moratorium gegen automatisierte Waffensysteme, das haben aber die meisten Länder nicht unterschrieben. Diese Dinge sind nicht geregelt.

Die Politik schaut bloss zu.Sie hinkt viele, viele Schritte hinterher. So ein parlamentarischer Prozess braucht Zeit und ist bei vielen Themen noch nicht angestossen. Sexroboter zum Beispiel. Bald gibt es solche mit künstlicher Intelligenz, man kann die Persönlichkeit programmieren, man kann also sagen, man möchte eine schüchterne Frau – oder eine, die nur über Fussballergebnisse redet. 2018 sind die auf dem Markt.

Das ist ja nicht unbedingt schlecht.Aber was mache ich, wenn es sie als Dreijährige gibt? Ist das ein Mittel gegen Kinderpornografie oder ist es eines, das sie noch fördert? Damit befasst sich niemand, es gibt diese gesellschaft­liche Debatte nicht. Man muss doch über solche Dinge reden.

Was denken Sie, werden wir das je schaffen?Die Problematik wird ausgeblendet. Mein Eindruck ist: Man scheut sich davor, in eine Glaskugel zu gucken, um zu sehen, wie die Zukunft werden könnte. Und noch schlimmer: Man ist sogar blind gegenüber der gegenwär­tigen Entwicklung. Nicht die Zukunft an sich ist beunruhigend, sondern dass wir uns so wenig mit ihr beschäftigen.

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