Knoll sucht das Risiko

Die Baslerin Valérie Knoll (36) ist die erste Frau, die in der Kunsthalle die Leitung übernimmt. In ihrer ersten Ausstellung präsentiert sie eine geballte Ladung «roher» Kunst. Eine Begegnung.

Ohne Auto, aber mit Charme: Valérie Knoll auf «ihrem» Parkplatz.

Ohne Auto, aber mit Charme: Valérie Knoll auf «ihrem» Parkplatz.

(Bild: Susanne Keller)

Helen Lagger@FuxHelen

Ein wenig Lippenstift wolle sie auftragen, dann sei sie bereit, sich fotografieren zu lassen. Ohne Scheu posiert Valérie Knoll schliesslich für die Fotografin und steuert gar eigene Ideen bei. Zu businessmässig wolle sie lieber nicht rüberkommen, wirft sie ein.

Die Baslerin, die sich gegen 83 Bewerber durchgesetzt hat und seit April als Direktorin in der Berner Kunsthalle amtet, wirkt unprätentiös und verspielt. Der Vorstand lobte bei der Bekanntmachung ihrer Wahl nebst ihren «profunden Kenntnissen des zeitgenössischen Kunstmarktes» auch ihre «gewinnende kommunikative Art».

Suche nach Dringlichkeit

Knoll ist nach zwölf männlichen Leitern die erste Leiterin. Ihre Vorgänger standen alle – manche mehr, manche weniger – in der Kritik. Zuletzt der Genfer Fabrice Stroun, der 2012 die Direktorenstelle antrat und 2015 bereits wieder abtrat. Über die Gründe schwieg sowohl Stroun wie der Vorstand. Ein schwieriges Erbe? «Man kann nie allen gerecht werden. Das ist auch nicht das Ziel», sagt Knoll. Klar gebe es Erwartungen an sie, doch negativen Druck spüre sie nicht. «Die Leute kommen auf mich zu, sie freuen sich auf mein Programm.» Knoll hat die letzten fünf Jahre in Hamburg gelebt. Sie war Co-Leiterin der Halle der Kunst Lüneburg.

Seit Anfang April wohnt sie im Berner Mattenhofquartier. Bis vor kurzem konnte sie keine Interviews geben. Sie hat sich bei einem Sturz vom Velo den Kiefer gebrochen. «Zurzeit nutze ich den öffentlichen Verkehr.» Ein Auto habe sie nicht. Der Parkplatz vor ihrem Büro in der Kunsthalle bleibt leer. Amüsiert verweist Knoll auf das verwitterte Schild, das diesen Platz für die «Direktion» reserviert.

Ein Platzhirsch scheint die zierliche Kuratorin nicht zu sein. «Das Teilhaben an künstlerischen Prozessen und Denkweisen ist das Schönste an meiner Tätigkeit», sagt sie. Sie sei glücklich, wenn die Künstler glücklich seien. Über ihren berühmtesten Vorgänger, den Kuratorenpapst Harald Szeemann, sagt sie: «Er ist eine wichtige Figur mit einer klaren Haltung.» Doch die Zeiten hätten sich geändert, der Kunstmarkt habe sich vergrössert und vervielfältigt.

Sie selbst suche, auch wenn das abgegriffen klingen möge, nach Dringlichkeit in der Kunst. Was sie damit meint, zeigt sie anhand ihrer ersten Ausstellung, die sie im Juni eröffnet. Die Gruppenausstellung «Raw and Delirious» vereint noch lebende und bereits verstorbene Kunstschaffende. «Raw», zu Deutsch «roh», seien teils die verwendeten Materialien, teils die Haltungen der von ihr präsentierten Positionen. Das Spektrum reicht von expressiver Malerei bis zum Experimentalfilm. «Ich suche in der Kunst nach Brüchigkeit und Risiko.» Das Widerständige und Widerspenstige sei ihr näher als das Glatte. «Kunst darf auch mal nerven», so Knoll. Dabei stelle sie sich natürlich auch die Frage, ob und wie Widerstand heute überhaupt noch möglich sei.

Eine gewisse Distanzierung sei ihr wichtig.

Nicht auf Distanz will sie mit dem Publikum gehen. Ein Barbecue ist für die Eröffnung geplant. Danach wird im Grand Palais zum Sound zweier Berner DJs gefeiert. Auch mit anderen Institutionen, wie etwa dem Kino Lichtspiel, habe sie bereits Kontakte geknüpft. «Wir zeigen dort einen Film des Künstlers Jack Smith.» Sie wolle Bern, das ihr als Baslerin nicht gänzlich fremd sei, rasch besser kennen lernen. Sie verspricht: «Ich werde nicht nur hinter meinem Schreibtisch sitzen.» Man glaubt es ihr sofort.

Ausstellung: bis zum 30.8. in der Kunsthalle, Bern.Eröffnung: Fr, 19.6., 18 Uhr.

Berner Zeitung

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