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«Ich spreche nur über meine Arbeit»

Die Französin Sophie Calle (65) erhält mit «Regard incertain» eine grosse Einzelausstellung. Im Kunstmuseum Thun erzählte sie, warum sie gerne in fremde Leben eintaucht, aber es unnötig findet, über ihr eigenes zu sprechen.

Sophie Calle im Kunstmuseum Thun.
Sophie Calle im Kunstmuseum Thun.
Christian Pfander

Sie sind die Tochter von Medizinern. Wie hat Sie Ihr Elternhaus geprägt? Was für ein Kind waren Sie?

Sophie Calle: Ich spreche nicht über mein Leben. Ich spreche nur über meine Arbeit. Oder um es genauer zu sagen, ich spreche nur über mein Leben, wenn es sich mit meiner Arbeit kreuzt. Das kann merkwürdig erscheinen, da ich ja oft dafür angeklagt werde, in das Leben anderer einzudringen. Was ich über meine Kindheit sagen kann? Ich komme aus einem Milieu, das mich begünstigt hat.

Abwesenheit und Verlust sind Leitmotive in der Thuner Schau. Was fasziniert Sie daran?

Ich weiss es nicht. Daraus besteht nun mal mein Werk. Meine Mutter, die stirbt, mein Freund, der mich verlässt, Bilder, die aus dem Museum gestohlen wurden, Leute, die etwas noch nie gesehen haben. Es geht immer um etwas, das nicht mehr da ist.

Sie haben in einer Bar gearbeitet, bevor Sie zur Kunst kamen.

Ach, ich habe haufenweise Jobs gehabt. Ich habe diese nicht aus Leidenschaft gemacht, sondern wie alle jungen Leute weil ich Geld brauchte. Ich war auch Stripteasetänzerin – zugegeben, das ist etwas speziell. Aber ich habe auch auf Feldern gearbeitet oder bin Künstlern Modell gestanden.

Sie sind in den 70er-Jahren in den Libanon, nach Mexiko und in die USA gereist. Was bedeutet Ihnen das Unterwegssein?

Man lernt allein zu sein und sich durchzuschlagen. Ich bin sieben Jahre lang durch die Welt gereist, bevor ich mich der Kunst zugewandt habe. Es ist das Herumkommen, das Bummeln, das mich geprägt hat.

Brauchen Künstler die Einsamkeit?

Ich kann nur von mir selbst sprechen. Ich mag die Einsamkeit und die Leute. In meinem Alltag brauche ich das Alleinsein. Aus Lust daran. Ich habe keine Familie, kein Kind. Ich lebe allein.

Eine bewusste Wahl?

O ja. Eine Entscheidung.

Autodidaktin zu sein, war das auch eine bewusste Entscheidung?

Es war einfach so, dass mich mein Soziologiestudium sehr rasch gelangweilt hat. Ich wollte lieber reisen.

Sie kehrten nach dem Reisen nach Paris zurück und begannen Kunst zu machen: Sie verfolgten Fremde und dokumentierten ihr Tun. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Aus Faulheit. Ich war verloren und hatte in Paris keine Gewohnheiten mehr. Ich dachte, wenn ich Fremden folge, entdecke ich Quartiere, die ich noch nicht kenne. Ich hatte selbst keine Energie mehr und wollte die Energie anderer nutzen. Ich kannte meine Stadt nicht mehr, da habe ich mich auf diese Art und Weise wieder ins Spiel gebracht. Den ersten Mann, den ich verfolgt habe, das war nicht, um Kunst zu machen. Oder höchstens unbewusst.

Sie und Ihre Kunst sind mittlerweile berühmt. Der Ruhm – ist das mehr Fluch oder Segen?

Weder das eine noch das andere. Die Frage stelle ich mir nicht. Dass viele Leute kommen und man über meine Kunst spricht, das freut mich natürlich. Doch das ändert nichts an meinem Leben. Ich bin ja nicht bekannt wie ein Filmstar.

Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Arbeit und der eines Schriftstellers?

Es gibt einen ästhetischen und einen visuellen Aspekt in meiner Arbeit. Ich schreibe für die Wand. Mein Schreiben muss nüchtern und prägnant sein, damit jemand im Stehen lesen mag.

Die Rahmenbedingungen sind klar definiert in Ihrem Werk.

Es gibt Spielregeln und Rituale. Es sind einfache Fragestellungen, die am Anfang stehen. Etwa bei «Voir la mer» (2011): Ich habe den Menschen gesagt: Schauen Sie das Meer an, und drehen Sie sich irgendwann um, wenn Sie fertig geschaut haben. Es war wichtig, dass all diese Menschen das Meer zum ersten Mal gesehen haben, auch wenn sie teils in der Nähe davon gelebt haben. Alles, was wir zum ersten oder zum letzten Mal tun, prägt uns.

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