«Wer nackt ist, erlebt, welche Energie im Fett steckt»

Die Nacktkünstlerin Doris Uhlich über Nudisten im Publikum und wie sie in ihren Workshops Schamgrenzen zu Fall bringt.

«Wenn man nackt hüpft, die Brüste fliegen können und der Penis schwingt, dann empfindet man Glücklichkeitsgefühle», sagt die österreichische Choreographin Doris Uhlich.

«Wenn man nackt hüpft, die Brüste fliegen können und der Penis schwingt, dann empfindet man Glücklichkeitsgefühle», sagt die österreichische Choreographin Doris Uhlich.

(Bild: Elsa Okazaki)

Andreas Tobler@tobler_andreas

Das Skandalpotenzial von Nacktheit ist verbraucht. Aber Sie bringen immer wieder Nackte auf die Bühne, warum?
Weil ich Fettwellen liebe – und das No-go einer Gesellschaft tanzen will. Die Werbeflächen sind ja plakatiert mit Menschen, die einen schönen, also gesellschaftlich anerkannten Körper haben. Das Ideal ist: Es darf nichts wackeln. Aber ich finde halt Wackeln super. Gleichzeitig weiss ich, dass man Kraft braucht, um hoch springen zu können. Aber ich versuche jetzt nicht, meine weichen Stellen total zu trainieren oder zu negieren. Die sind da, interessant, in Betracht zu ziehen. Und wenn du nackt bist, siehst du nicht nur die Wellen und die Vibrationen des Fleisches besser. Man erlebt auch, welche Energie und Tanzmöglichkeiten im Fett stecken.

Wir können sehen, welche Energien im Fett stecken – wirklich?
Ja, ich mache das jetzt schon zehn Jahre. Zu entwickeln begann ich meine Fetttanztechnik mit meinem eigenen Körper für das Stück «Mehr als genug». Ein Theater in Frankreich hatte mich gefragt, ob ich ein Stück über meinen Körper machen würde. Ich war damals korpulenter.

Und Sie waren sofort begeistert, über Ihre damalige Korpulenz ein Stück zu machen?
Meine erste Antwort war: «Nein, sicher nicht, denn mein Körper ist selbstverständlich schön für mich. Ausserdem arbeite ich mit meinem Körper, wie er ist – und mache nicht zum Thema, wie er ausschaut.» Aber dann habe ich nochmals drüber geschlafen und meine Meinung geändert: Ich musste das machen, weil es offensichtlich die Akzeptanz noch nicht gab, die ich mir wünsche. Und so begann ich meine Fetttanztechnik zu entwickeln.

«Habitat / Halle E» ist Doris Uhlichs bislang grösste Choreografie: Die nackten Körper von 120 Menschen klatschen zu elektronischen Sounds aufeinander. Bild: Katarina Šoškic.

Sie inszenieren also das, was andere als Makel empfinden?
Genau, als ich damit anfing, war es aber bald so, dass auch dünne Tänzer meine Fetttanztechnik lernen wollten. Und so begann ich, Nackttanzworkshops zu geben. Im ersten Jahr gab es neun Teilnehmer, im zweiten waren es schon 30 bis 40. Und ab dann hatte ich Wartelisten. Das Ganze war sehr schräg, weil ja oft Nackte auf der Bühne zu sehen sind, doch niemand unterrichtete Nackttanzen. Mir geht es aber nicht um Pose oder um ein Korsett einer Konzeptkunst, die sich auf die nackte Haut legt. Auch nicht um Klischees von Nacktheit, die man halt so kennt. Aber ganz stark um die Entdeckung von neuen Schichten, um bewegtes, um emotionales Fleisch.

Um emotionales Fleisch?
Ja, wenn man nackt hüpft, die Brüste fliegen können und der Penis schwingt, dann empfindet man Glücklichkeitsgefühle. Es gibt dabei etwas extrem Hippieeskes, das mich zu faszinieren begann. Es ist kein dramaturgischer Effekt, der mich interessiert, es ist ein nacktes Sein. Daher kann ich sagen: Ich zeige mich nicht nackt, ich bin die nackte Doris.

Es ist aber nicht Ihre Vorstellung, dass mit dem Nacktsein eine Art Urzustand zurückkehrt?
Nein, ich glaube nicht, dass ich einen natürlichen nackten Körper habe. Das wäre Blödsinn. Auch der nackte Mensch hat einen Dresscode, sag ich immer: Du hast Behaarung oder nicht. Du hast Piercings, Tattoos oder nicht. Das heisst, auch wenn ich kleiderlos bin, habe ich noch immer einen Körper, der von mir und von anderen geformt ist. Wir alle sind sozusagen Mischwesen eines Formens.


Eine weitere Szene aus «Habitat / Halle E».

Weil unsere Körper von uns selbst, aber auch von der Gesellschaft geformt sind?
Genau, meine Philosophie des Fleisches beinhaltet daher auch, dass der Körper ein Art Speicher ist, deiner Geschichte, aber auch der Geschichte der Welt. Die Haut ist keine undurchlässige Mauer, sondern eine durchlässige Membran. In dem Moment, in dem ich mich ausziehe und Hand anlege an meinem Fleisch, rüttle ich sozusagen mein Speichersystem auf, um etwas umzuschichten. In dem Moment, in dem ich mich schüttle, schüttle ich auch mein körperliches Denken auf. Das kann sehr befreiend sein.

Wovon wollen sich die Menschen befreien, die zu Ihnen in die Workshops kommen?
Das ist unterschiedlich. Wie es ja auch sonst viele Motivationen gibt, warum sich Menschen ausziehen. Für Frauen aus Kulturen etwa, in denen es Kleidervorschriften gibt, kann Nacktheit ein politisches Moment sein. Es gibt aber auch Leute, die starke Probleme mit ihrem Körper haben. Die besuchen meinen Workshop und denken sich plötzlich: Eigentlich ist doch alles in Ordnung. Wenn man nackt tanzt, lässt man Schamgrenzen fallen und entdeckt eine Unverkrampftheit, die viele nicht kennen, weil es eben gerade nicht um Sex sells geht. Oder um: Wer ist schön und wer ist es nicht. Es kommt zu einer Leichtigkeit und irgendwann zu einer Zufriedenheit mit sich selbst, egal, wie man ausschaut. Hauptsache, man ist gesund, Hauptsache, man kann sich bewegen.

Können Sie genauer beschreiben, wie in Ihren Workshops Schamgrenzen zu Fall gebracht werden können?
Es ist eine Empathie im Raum, die ist unglaublich. Nacktsein ist ein Zustand, den wir alle kennen. Wir kommen nackt auf die Welt, nicht angezogen. Ich habe für mich entdeckt, dass ich Leuten auch im Alltag so begegnen kann. Im Sinne von: Okay, du kannst in deinem Beruf einen Anzug anhaben, aber irgendwann wirst du nackt sein, wenn du dich zum Beispiel wäschst.

Nacktheit als energetischer Zustand, den wir teilen können – das klingt jetzt etwas esoterisch.
Für mich nicht. Ich bin keine Eso. Ich erhalte E-Mails von Ärzten, die sagen: «Sie erklären das nur anders, was die Neurowissenschaft oder die Traumaforschung weiss.» Was ich beschreibe, ist also total real, es geschieht tatsächlich etwas. Meine Workshops und Stücke sind keine tanztherapeutischen Arbeiten. Ich bin Künstlerin, das heisst, ich denke in einer ästhetischen Form; der Körper besteht aus weichen und harten Massen. Und wenn man mit beiden zu arbeiten beginnt, wird Fett virtuos, und es entsteht eine Vielfalt.

Eine Vielfalt?
Ja, man spricht immer von einer Vielfalt in der Gesellschaft. Nach der suche ich auch – und gleichzeitig suche ich die Vielfalt in mir selbst, in meinem Körper.

Jetzt haben Sie bei «Tanz in Bern» ein Stück gezeigt, das von drei Personen bestritten wird, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind – und alle drei sind am Ende des Stücks nackt.
Für mich war das eine Arbeit wie jede andere. Die Menschen in «Every Body Electric» haben halt andere Voraussetzungen. Am Beginn der Arbeit war es auch gar nicht der Plan, dass sie nackt sein werden. Begonnen haben wir angezogen mit einer Bewegungsrecherche. Bald wurde aber zum Thema, welche Verbindung die drei zu ihrem Rollstuhl, zu ihrer Körpererweiterung haben.

Der Rollstuhl als Körpererweiterung?
Genau, er ist eine Bodyextension, man kann ihn auch das dritte Bein oder ein Exoskelett nennen, denn ohne diese Körpererweiterung können sich die drei nicht fortbewegen. Vera, die Frau in «Every Body Electric», hatte schon in einem früheren Nacktstück von mir mitgemacht und den beiden Männern in der neuen Gruppe gezeigt, was sie damals gemacht hat. Die Reaktion war «Woah, Doris, ich will auch!». Ich war total baff, weil ich damit nicht gerechnet hatte. Bei den Bewegungsrecherchen wurde dann versucht, eine neue Verbindung zur Körpererweiterung aufzunehmen, sprich: Das Gewand wurde ausgezogen, und man trat in eine neue Beziehung zum Gummi, zu den Reifen und dem Stahl. Insofern war es plötzlich auch eine sehr fleischliche, körperliche Recherche mit dem Rollstuhl. Man wollte sozusagen seinem Gefährt näherkommen.

In «Every Body Electric» sind Körper auf der Bühne, die man sonst nicht nackt zu sehen bekommt. Auch ein politisches Statement?
Klar, wenn ein Mensch mit Behinderung sich auszieht, dann ist das eine andere Zeichensetzung. Insofern ist es ein Akt des Selbstbewusstseins, ein politischer Motor, den diese Gruppe antreibt. Auch ein Versuch, Vorstellungen von Schönheit zu verschieben – und die Frage aufzuwerfen, wer sich in unserer Gesellschaft eigentlich ausziehen darf.

Bei Ihnen waren auch schon Nackte im Publikum.
Tatsächlich, ja. Teils gibt es Nudistenclubs, die in meine Aufführungen kommen. So war das zumindest bei einem Gastspiel in Düsseldorf: Die haben an der Garderobe nicht nur ihren Mantel, sondern gleich alle Kleider abgelegt.

Wissen Sie, warum die das machen und was diese nackten Zuschauer dann anders erleben?
Meine Arbeiten sind wahnsinnig überbordend, in dem Sinne, dass man eine starke Empathie entwickelt und Lust bekommt, das selbst auszuprobieren, was die Performer auf der Bühne machen. Deshalb passiert es dann manchmal, dass sich jemand im Publikum spontan auszieht. Ich höre auch ganz oft, dass sich Zuschauer nach einer Aufführung zu Hause ausgezogen haben vor dem Spiegel – und auch gewackelt haben. Was die Zuschauer, die sich während der Aufführungen ausziehen, anders erleben als die angezogenen, kann ich nicht sagen, habe mich das auch noch nie gefragt. Aber vielleicht probieren Sie es selbst mal aus?

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