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«Ich fand gut, was mein Vater machte»

Zoë Stähli ist die Tochter des Pornokino-Pioniers Edi Stöckli. Sie führt eine Galerie für erotische Kunst.

«Die wunden Punkte aufspüren»: Zoë Stähli in ihrer Galerie.
«Die wunden Punkte aufspüren»: Zoë Stähli in ihrer Galerie.
Gina Folly

Halb elf morgens, ein Hinterhofbüro im Zürcher Kreis 4. Zoë Stähli muss noch rasch einen Anruf erledigen; Zeit, sich ein wenig umzusehen. Es herrscht ein fröhliches Durcheinander, auf den Tischen stapeln sich Papier, Plakate und einschlägige DVDs. An den Wänden hängt eher weniger salonfähige Kunst. Ein strammer Hitler, dem ein blondes Mädel kniend Reverenz erweist, eine etwas müde Karikatur mit Sex-Nüssen (die Orgasnuss, die Fetischisnuss), explizite Fotos. Dazu ein unzweideutiges Stöhnen aus dem Nebenzimmer, wo jemand ernst hinter dem Computer sitzt. Da werde gearbeitet, klärt Zoë Stähli auf. Der Kollege visioniert Filme unter anderem für den Stüssihof, eines der wenigen verbliebenen Zürcher Pornokinos.

Zoë Stähli ist eine Königstochter, und als solche kommt man um die Thronfolge wohl nicht herum. Ihr Vater, der Pornokönig Edi Stöckli, hat der Schweiz den Sex gebracht und mit einschlägigen Kinos ein kleines Vermögen verdient. Eine Goldgrube ist das Business zwar nicht mehr, aber Zoë Stähli hat durchaus so etwas wie Berufsstolz.

Frau Stähli, wie sah es in Ihrem Elternhaus aus?

Sie meinen, ob alles einen Porno-Chic hatte mit Plüsch und so? Nein, nichts dergleichen. Es lagen auch nicht überall Sexfilme rum und so. Es war ein ganz normales Zuhause.

Wusste man, was Ihr Vater tat?

Ja, manchmal war das schwierig, er war oft in den Zeitungen wegen der Sitte. Viele Kinder durften nicht zu uns zum Spielen, weil sie da diesen Sex-Grüsel-Vater hätten antreffen können.

So stellt man sich einen Pornokönig vor: Schnauz, Durchschnittsschweizer, ein Spiesser im Grunde.

Nein, nein, mein Vater war ein Achtundsechziger. Meines Erachtens war das mit den Pornos eher eine Art Revolte. Er wollte wohl einfach raus aus dieser erdrückenden Fünfzigerjahre-Schweiz.

Sie führen nun das von ihrem Vater gegründete Museum of Porn in Art. Was ist das?

Wir machen vor allem virtuelle Ausstellungen im Internet, haben aber auch einen Ableger in Zürich in Edis Weinstube, einer Bar in der Altstadt.

Warum ein Museum im Internet?

Mein Vater hatte schon lange erotische Kunst gesammelt. In den Neunzigerjahren fand er, dass die Zeit reif wäre, sie öffentlich zu zeigen, und eröffnete in Lausanne ein kleines Museum. Schon nach drei Monaten machte er es wieder zu, die Anwohner reagierten nicht gerade erfreut, und die Sitte wollte die Hälfte der Werke einziehen.

Inzwischen suchen Sie in Zürich die Öffentlichkeit. Gibt es ebenfalls Querelen mit dem Quartier?

Kaum. Ich glaube, dass die Zürcher weniger prüde sind, dass man hier entspannter mit der Sache umgeht. Und natürlich hat sich bei der Wahrnehmung einiges getan. Das Ganze ist salonfähiger geworden.

Die Galerie funktioniert auch als Hintereingang zum Sexkino Stüssihof. Wird der rege benützt?

Nicht unbedingt. Es war auch nicht von Anfang an so geplant. Ursprünglich dienten Weinstube und Galerie als Lagerraum für die Filmrollen, Pornos wurden früher auf 35 Millimeter gedreht. Als alles digital lief, wurde da viel Platz frei.

Am Wochenende nutzen Sie das Kino für eigene Anlässe. Wollten Sie sich nie vom Porno distanzieren?

Nein, ich fand immer gut, was mein Vater machte. Natürlich wollte ich zuerst meinen eigenen Weg finden und habe Kunst studiert. Mit der erotischen Kunst hat er mich wieder ins Boot geholt.

Erotische Kunst oder Pornografie?

Das sind ja nur Begriffe.

Für Sie gibt es keinen Unterschied?

Nein. Ich verstehe nicht, warum diese Labels nötig sind. Die Künstler überlegen nicht, ob das, was sie produzieren, pornografisch ist oder nicht. Es sind die Betrachter, die eine Etikette brauchen &endash womöglich, damit sie sich trauen, es anzuschauen. Also nennt man es erotische Kunst. Was nichts daran ändert, dass die meisten Galerien das nicht ausstellen würden. Bei uns sind Künstler zu sehen, die sonst nirgends gezeigt werden.

Gibt es Tabus?

Ich würde nie Fotos von Irina Ionesco zeigen, die ihre pubertierende Tochter erotisch in Szene setzt. Die Bilder gelten als Kunst, sind auch immer wieder in grossen Galerien zu sehen, aber bei uns wäre das schwierig, weil wir so nah am Pornogeschäft sind. Sonst halte ich nicht viel von Tabus. Alles, was tabuisiert wird, wird nur noch spannender.

Wie abgebrüht sind die Gäste?

Irgendwie berührt ist fast jeder. Es gibt auch diejenigen, die gleich rückwärts wieder hinaustorkeln. Manche hetzen uns sogar die Sitte auf den Hals. Aber im Grunde ist Porno ziemlich Mainstream geworden heute.

Tolerieren die Behörden alles, sofern es Kunst ist?

Prinzipiell gelten dieselben Grenzen wie im Kino &endash unter 18 Jahren kommt niemand in die Weinstube rein. Aber womöglich drücken sie in der Galerie etwas öfter ein Auge zu. Und wenn sie mal etwas beanstanden, dann hänge ich das Bild einfach wieder ab.

Das lässt Sie kalt? Keine roten Köpfe mehr wie in Lausanne?

Mir ist das ziemlich egal. Die Künstler suchen ja immer wieder die Grenze.

Die Provokation gehört also dazu.

Meistens, ja. Das will man als Künstler: den Betrachter herausfordern, ihn zu einer Reaktion reizen. Auch auf einer gesellschaftlichen Ebene: Es geht darum, die wunden Punkte aufzuspüren.

Erotische Kunst ist inzwischen auch ein immer grösseres Geschäft.

Es gibt etliche Kunstmessen, die auf solche Kunst spezialisiert sind. Aber ganz akzeptiert ist das Genre noch nicht &endash und das ist auch gut so, sonst wäre es nicht mehr spannend. Eine Geisterbahn, in der das Licht an ist, wäre auch nicht besonders interessant.

Geisterbahn ist gut: Die Rotlichtviertel werden ja auch zu Trendquartieren, das Schauderhafte wird zum Verkaufsargument.

Mir ist das suspekt, diese ganzen Initiativen zur Aufwertung des Kreises 4. Das Sexgewerbe hat auch ein Recht, hier zu sein. Es wird immer ein Teil der Gesellschaft sein. Dieses scheinheilige Aufwerten stört mich &endash tatsächlich hat es im Quartier nie so übel ausgesehen wie jetzt: Nun kommt einfach das Partyvolk, um am Wochenende die Sau rauszulassen, dann hauen sie wieder ab.

Doppelmoral?

Die gibts überall. Gerade die Leute, die am lautesten gegen das Sexgewerbe wettern, sitzen dann bei uns im Kino.

Wie muss ich mir den typischen Sexkinogänger vorstellen?

Da gibt es so ziemlich alles. Vom Exhibitionisten oder vom Mann, der ein Abenteuer sucht, bis zum Pärchen, das kein Hotelzimmer gefunden hat. Vom Businessman bis zum Alki, der für 15 Franken den ganzen Tag einen Platz an der Wärme bekommt.

Für Sexkinos sollen dieselben Argumente sprechen wie für normale Kinos: die grosse Leinwand und der soziale Aspekt. Ist das nicht absurd?

Gar nicht. Das Soziale ist oft sehr wichtig &endash nicht nur für den Exhibitionisten. Vor allem ältere Männer schätzen es, Gleichgesinnte zu treffen, statt zu Hause allein vor dem Fernseher zu sitzen.

Was sucht das Galeriepublikum?

Ich weiss nicht, ob sie nachher alle heimgehen und sich vergnügen. Aber viele finden es sicher spannend, neue Sachen zu entdecken. Und es kommt auch nicht selten vor, dass Galeriebesucher direkt ins Kino rüber verschwinden.

Also simple Pornografie. Diese dient ja definitionsgemäss dem alleinigen Zweck, den Betrachter zu erregen.

Das spielt immer mit, aber die Definition ist viel zu simpel. Auch im Kino ist es nicht komplett egal, was man zeigt, auch wenn viele Sexszenen laufen.

Nicht?

Lassen Sie im Pornokino mal einen Film mit unsynchroner Tonspur laufen. Da können Sie etwas erleben. Man kann dem Sexkinopublikum nicht jeden Säich vorsetzen, die kommen nicht nur ins Kino, um rasch ihr Bedürfnis zu erledigen und fertig. Das ist ein anspruchsvolles Publikum, das gute Filme sehen will. Und wir nehmen immer wieder Geld in die Hand, um Qualität zu bieten.

Sie investieren? Wie sieht die Pornokino-Zukunft aus?

3-D. Noch zu teuer, aber durchaus ein Thema. Das wird kommen, glaube ich.

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