Gurlitts Vermächtnis bringt Kunstmuseum in Bredouille

Bern

Weshalb erbt das Kunstmuseum Bern die umstrittene Sammlung des verstorbenen Cornelius Gurlitt? Direktor Matthias Frehner kann darüber nur mutmassen. Klar ist, dass das Museum Raubkunstabklärungen zulassen müsste.

  • loading indicator
Stefanie Christ@steffiinthesky
Helen Lagger@FuxHelen

Herr Frehner, wie hat es das Kunstmuseum eingefädelt, die Gurlitt-Sammlung nach Bern zu holen?
Matthias Frehner: Wir haben nichts eingefädelt. Am Mittwoch wurden wir aus heiterem Himmel durch Herrn Gurlitts Anwälte informiert, dass das Kunstmuseum als Alleinerbe eingesetzt wurde.

Aber irgendein Bezug zu Bern muss doch bestehen?
Wir können nur spekulieren. Niemandem aus unserem Museum stand je in Kontakt mit Herrn Gurlitt. Bekannt ist, dass er mehrfach die Schweiz besuchte, auch Bern. Vor vier Jahren präsentierten wir unsere Sammlung Schweizer Kunst in der Hypo-Kunsthalle München, über die breit berichtet wurde. Womöglich hat diese sein Interesse für unser Haus beziehungsweise unsere Sammlung geweckt.

Sie erben nicht nur eine interessante Sammlung der klassischen Moderne, sondern auch Probleme. Ein Teil der Sammlung steht unter Raubkunstverdacht.
Wir erben mit der Sammlung natürlich die Verpflichtung, die offenen Fragen rund um die Herkunft der einzelnen Werke – wie von Herrn Gurlitt bereits in die Wege geleitet – zu klären. Das ist nicht nur eine juristische Angelegenheit, sondern auch eine moralische und ethische.

Muss das Kunstmuseum jetzt extra Provenienzforscher anstellen?
Eine unserer Grundvoraussetzung ist, dass die Forschung nicht zu unseren Lasten fällt. Die betreffenden Abklärungen sind ja durch die von der deutschen Bundesregierung eingesetzten Arbeitsgruppe bereits im Gang.

Neben der Raubkunst gibt es weitere kritischen Aspekte. Etwa die umstrittene Rolle der Familie Gurlitt.
Die Aufarbeitung dieser Fragen ist interessant und wichtig. Neben der Provenienzaufarbeitung müssten wir auch die Geschichte dieser Figuren recherchieren. Diese Hintergründe interessieren mich persönlich stark.

Steht überhaupt schon fest, ob Sie die überhaupt Sammlung annehmen? Sie haben rechtlich ein halbes Jahr Zeit, sich zu entscheiden.
Es handelt sich natürlich um ein einmaliges, grosszügiges Geschenk, aber auch um eine grosse Herausforderung. Darum können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts Verbindliches kommunizieren. Der Stiftungsrat des Museums wird jetzt eine Auslegeordnung machen und aufgrund der Auswertung entscheiden, ob er die Erbschaft annehmen will. Erst wenn dieser Entscheid gefallen ist, können wir unsere Arbeit aufnehmen.

Hätte das Kunstmuseum überhaupt Platz für die rund 1300 Grafiken und Gemälde? Immerhin herrschst Platznot – sowohl im Ausstellungsbereich wie auch im Depot.
Wir müssen jetzt erst einmal nach Deutschland fahren und uns ein Bild machen, was da an Aufwand auf uns zukäme. Wenn sich zeigt, dass in dieser Sammlung viele bedeutende Werke der klassischen Moderne vertreten sind, sollten diese auch ausgestellt werden. Wir müssten also überlegen, wie und wo wir Platz schaffen könnten.

Mehr Platz bedeutet auch höhere Kosten.
Es wird dem Stiftungsrat sicher ein wichtiges Anliegen sein, dafür auf die Mittel der Erbschaft zurückzugreifen. Es kann nicht sein, dass wir das finanzieren.

Was für Mittel?
Das Kunstmuseum ist Universalerbe, wir erben also neben der Sammlung auch andere Aktiva, Liegenschaften zum Beispiel. Es handelt sich um einen hohen Vermögenswert, aber ein genaues Bild haben wir noch nicht.

Sie schauen dem geschenkten Gaul also ins Maul?
Wir werden die Erbschaft selbstverständlich erst absolut seriös prüfen. Das ist alles Teil von diesem Prozess, in den wir uns nun begeben.

Sind mit der Erbschaft Auflagen verbunden?
Nein.

Wie würde sich der Zuwachs auf die angestrebte Kooperation mit dem Klee-Zentrum auswirken?
Es wäre doch toll, wenn wir mehr Werke des klassischen Expressionismus in Bern hätten. Wenn einer der Kooperationspartner seine Position durch den Zugewinn einer grossen Sammlung stärken kann, ist das für beide positiv und verbessert die internationale Positionierung des Museumsstandorts Bern.

Was würde der Zuwachs für die bestehende Sammlung heissen?
Bis jetzt weiss niemand genau, was in diesem «Sesamschatz» alles enthalten ist. Die Qualität dürfte unterschiedlich sein, es sind aber bedeutende Werke der klassischen Moderne enthalten, die zum Teil noch nie ausgestellt waren. Es ist grossartig, sich mit einer solchen Sammlung auseinanderzusetzen, und wenn die Herkunft nachgewiesen und klar ist, dass sie ausgestellt werden können, würden sie sicher zu einer Aufwertung unserer Sammlung beitragen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt