Giacometti war «e liebe Cheib»

Sein halbes Leben hat er daran gearbeitet, nun erscheint der Werkkatalog von Eberhard W. Kornfeld zu den Druckgrafiken Alberto Giacomettis. Eine Ausstellung in Bern beleuchtet die Freundschaft des Galeristen zum Jahrhundertkünstler.

Eines der letzten Bilder: Alberto Giacometti zu Hause bei Eberhard W. Kornfeld 1965.

Eines der letzten Bilder: Alberto Giacometti zu Hause bei Eberhard W. Kornfeld 1965.

(Bild: Kurt Blum)

Helen Lagger@FuxHelen

Herr Kornfeld, eine Fotografie in Ihrer Ausstellung zeigt Sie zusammen mit Alberto Giacometti (1901–1966). Ihre Gesichter sind ernst, betroffen. Was hat es damit auf sich?Eberhard W. Kornfeld: Es ist eines der letzten Bilder, das von ihm ­gemacht wurde. Das war im November 1965. Alberto hatte eben die Ehrendoktorwürde der Universität Bern erhalten, danach veranstaltete ich ein Fest in meiner Wohnung an der Herrengasse 23. Als der Fotograf dieses Bild schoss, unterhielten wir uns über seine Krebserkrankung.

Hat er mit seiner Krankheit ­gehadert?Es war für ihn wie ein Damoklesschwert: dass der Krebs zurückkommt. 1963 hatte er eine Ope­ration. Aber gestorben ist er schliesslich an einem Herzstillstand nach einer schweren Bronchitis, am 11. Januar 1966.

Kam der Tod für Sie ­überraschend?Ja, sehr. Der Abend bei mir war sein letzter «öffentlicher» Auftritt. Am 12. Januar rief das Bundesamt für Kultur an. Ob ich schon wisse, dass Giacometti verstorben sei? Das war ein grosser Schock. Die Telefone liefen heiss. Es gab im Bergell zu wenig Hotelzimmer für all die Trauergäste aus Frankreich und der Schweiz.

Wie haben Sie die Beerdigung erlebt?Es war eisig kalt, als wir mit Taxis am Morgen nach Stampa fuhren. Es lag Schnee. Alberto war im Atelier in einem geschlossenen, mit Blumen bedeckten Sarg aufgebahrt. Schulkinder sangen, während der Sarg auf einem von einem Pferd gezogenen Wagen getragen wurde. Es gab einen langen Trauerzug, da der Weg zum Friedhof von Borgonovo etwas mehr als einen Kilometer beträgt. Der Gottesdienst fand in der nahen Kirche statt. Man hatte Mühe gehabt, im protestantischen Bergell einen Italienisch sprechenden protestantischen Pfarrer zu finden. Schliesslich erkor man einen konvertierten Jesuiten aus Neapel. Er nutzte seinen Auftritt und hielt eine erhabene Rede. «Il profite», flüsterte Diego, der Bruder von Alberto.

Heute gilt Giacometti als einer der grossen Künstler des 20. Jahr­hunderts. 2015 wurde seine Bronzefigur «Zeigender Mann» für 141 Millionen Dollar versteigert. Was hätte er dazu gesagt?Dasselbe wahrscheinlich wie damals, als ich ihn 1965 in Stampa besuchte, um ihn davon zu überzeugen, den Ehrendoktor anzunehmen. Es war das Jahr, als man ihn mit Preisen überhäufte. Da hat er mir gesagt: «Ich bin von einem wilden Arrivismus.»

Dabei hat er zeitlebens ­bescheiden gelebt.Ja. Er hätte sich Villen oder Nobelappartements leisten können. Aber er blieb seinen bescheidenen Wohnverhältnissen treu, bis zuletzt. Sein Händler in Paris hingegen hat sich ein Luxusappar­tement an der Avenue Foch gekauft. Dort war ich einmal zum Abendessen eingeladen. Alberto hat geschimpft: «C’est tout nouveau riche. C’est terrible.»

Was war er für ein Mensch?E liebe Cheib. Wenn er in Bern war, wollte er immer seinen Götti Cuno Amiet auf der Oschwand besuchen. Damals war Alberto schon berühmter als sein Götti. Amiet nahm mich einmal auf die Seite und meinte: «I hätt nie dänkt, dass us dem so vil wird . . .»

Haben Sie seine Meisterschaft sofort erkannt?Nein, das kann ich nicht behaupten. Als ich ihn 1948 kennen lernte, stand er noch völlig im Schatten seines Vaters Giovanni Giacometti. Erst in Paris hat er seine Eigenständigkeit entwickelt.

Wie haben Sie Giacometti ­kennen gelernt?Das war in der Kunsthalle Bern. Arnold Rüdlinger, der damalige Leiter, präsentierte in der Ausstellung «Sculpteurs contemporains» sechs Skulpturen in Gips von Giacometti. Ich ging vor der Vernissage hin und traf einen schüchternen Mann, das war Alberto. Wir verstanden uns rasch. Die Gunst der Stunde habe ich jedoch nicht erkannt. Ich habe keines der Werke gekauft. Das wäre bei meinem damaligen Monatslohn von 300 Franken als Angestellter bei dem verehrten August Klipstein allerdings auch gar nicht möglich gewesen.

Später haben Sie Werke von ihm verkauft.Ja. Giacometti hatte seit 1948 seinen Vertragshändler Pierre Matisse in New York, und nach 1950 Aimé Maeght in Paris. Aber er verkaufte immer auch direkt aus dem Atelier. Ich hatte mich mit Giacometti angefreundet, durfte oft in seinem Pariser Atelier in der 24, Rue Hippolyte im 14. Arrondissement sitzen.

Wie hat er gearbeitet?Ich sah, wie er mit einem Hackbeil vom eben getrockneten Gips Teile abschlug, er rauchte ständig und fluchte: «Quelle saloperie! Merde!» Bei der Arbeit hat er sich laufend selbst kritisiert. Er hatte quälerische Selbstzweifel, das war eine Dominante seines Lebens. Ich habe Albertos Selbstgespräche und Kommentare während des Schaffensprozesses in einem Ausstellungskatalog handschriftlich festgehalten und die Ateliersituation beschrieben. Diese Notizen sind mittlerweile ein wichtiges Zeugnis von Kommentaren zu Giacomettis Schaffensprozess.

Eine Fotografie zeigt Sie zusammen in der Galerie an der Laupenstrasse. Wann war das?1959 zeigte ich mit Albertos Unterstützung eine grosse Sommerausstellung. Es war ein grosses Ereignis mit vielen Prominenten, auch aus Paris, aus Vorkriegszeiten. Alberto freute sich, Schweizer Freunde aus Paris wiederzutreffen. Etwa Meret Oppenheim, die 1933 in Paris Giacomettis Ohr in einer Skulptur festgehalten hatte.

Oppenheim kannte Giacometti aus dem Kreise der Surrealisten. Würden sie Giacometti selbst als Surrealisten bezeichnen?Auf jeden Fall. Gehen Sie in die Ausstellung «Paul Klee und der Surrealismus», die derzeit im Zentrum Paul Klee zu sehen ist. Am Anfang sind zwei Hauptwerke Giacomettis zu sehen, die Skulpturen «Table» und «Main tenant le vide». Sie sind grossartig. Und sie sagen alles.

Später haben ihn die Surrealisten verdammt.Giacometti wollte sich auf den menschlichen Körper konzen­trieren. Das haben die Surrealisten als Verrat empfunden.

Verstand Giacometti sich selbst als einen, der den Surrealismus überwunden hatte?So kann man das sagen. Als wir 1959 gemeinsam seine Biografie zusammenstellten, bezeichnete er die surrealistische Phase als «Epoche der Umwege, um ein bisschen besser ausgerüstet zur ursprünglichen Recherche zurückzukehren». Er meinte damit zurück zur Darstellung des menschlichen Körpers.

Er hat auch Sie selbst porträtiert. Wie muss ich mir eine Sitzung in seinem Pariser Atelier vor­stellen?Es gab dort keine einzige saubere Ecke. Der Boden war zentimeterhoch mit Gips bedeckt. An zwei Abenden entstanden dort insgesamt fünf Porträtzeichnungen von mir. Ich musste auf einem Taburett sitzen, während er auf einem Stuhl sass, das Blatt Papier auf einer Unterlage liegend, auf seinen Knien. Jedes Porträt begann er mit einem Kreuz, das die Augenhöhe und die Nasenwurzel festhielt. Aus diesem Fixpunkt hat er jeweils den Rest entwickelt. Die kompletteste dieser Zeichnungen bekam ich mit der Widmung «A Ebi Kornfeld avec toute mon amitié» geschenkt. Die restlichen drei habe ich gekauft, die fünfte wollte er behalten.

In der Ausstellung präsentieren Sie ein Porträt von Caroline, der späten Geliebten Giacomettis. Wer war diese Frau?Alberto hatte die 20 Jahre junge, bildhübsche und lebenshungrige Frau 1958 in der Pariser Bar Chez Adrien kennen gelernt. Sie nannte sich Caroline, hiess aber eigentlich Yvonne Poitaudeau. Ein Waisenkind, das kaum zur Schule gegangen war und sich prostituierte. Sie standen in einer Liebesbeziehung, aber Alberto hat sie primär als Modell beansprucht. Es entstanden zahlreiche Ölbilder und Zeichnungen nach ihr. Caroline sass manchmal drei bis vier Tage pro Woche im Atelier. Es kam gar zu Konfrontationen mit Zuhältern, die Geld für ihre Abwesenheit forderten. Einmal wurde sein Atelier verwüstet, weil er nicht sofort bezahlte.

Giacometti soll seiner Geliebten am Ende gar die luxuriösere Wohnung als seiner Frau Anette hinterlassen haben...Das stimmt so nicht. Nach einer Auseinandersetzung mit Anette kaufte er für Caroline eine kleine Wohnung im 15. Arrondissement. Für Anette hatte er hingegen ein grosses Appartement gekauft. Es war auch als Belohnung für ihr jahrelanges Ausharren in den misslichen Verhältnissen an der Rue Hippolyte gedacht.

Giacometti und die Frauen sind ein ausuferndes Thema. Seine Mutter ging als «Mamma» in die Kunstgeschichte ein.Sie hatte das Selbstverständnis der Witwe eines angesehenen Künstlers, Giovanni Giacometti. Für die Ausstellung von 1948 in der Kunsthalle kam sie extra angereist. Es war eindrücklich, wie die weisshaarige Dame in den ­Sälen herumlief. Sie inspizierte die den Skulpturen zugedachten Plätze kritisch und gab Alberto Anweisungen. Dieser folgte diesen ohne grosses Murren. Dabei war er doch schon 47 Jahre alt! Sie starb nur zwei Jahre vor ­Giacometti. Ich erinnere mich an viele gemütliche Stunden in Stampa mit ihr.

In diesen Tagen erscheint im Verlag der Galerie Kornfeld der mehrbändige Werkkatalog von Alberto Giacomettis Druckgrafiken. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?Seit 1963. Damals brachte ich ihm unseren Katalog des grafischen Werks von Paul Klee nach Paris. Er hat ihn durchgesehen, sah mich an und sagte: «Könnte man so etwas nicht auch für mich machen?» Ich sagte: «Doch, sicher, aber dann muss ich Einblick haben in die Seltenheiten, in das Archiv.» Er sagte: «A la bonheur, je vous vends mes archives.» Ich bezahlte einen ziemlich hohen Betrag dafür.

Trotzdem hat es noch Jahrzehnte gedauert bis zum Abschluss des Projekts. Weshalb?In Paris gab es einen Streit um Giacomettis Nachlass, bis 2005 war er gar nicht zugänglich. Und als ich ihn erstmals sah, musste ich zu meiner grossen Überraschung feststellen, dass viel wichtigeres Material darin war, als ich gedacht hatte.

Was bedeutet das abgeschlossene Werkkatalog-Projekt für Sie persönlich?Das wollte ich unbedingt noch fertig machen, bevor es mich «putzt». (lacht)

Ausstellung: bis 25. 2., Galerie Kornfeld. Präsentation des Werkverzeichnisses der Druckgrafik, Werke Giacomettis sowie Material aus dem Archiv Kornfelds. Eröffnung im Rahmen des Galerienwochenendes: So, 15. 1., 11.30 Uhr. Vortrag: Kornfeld über Giacometti: 24. 1., 18.30 Uhr. Infos zum Galerienwochenende: www.vereinbernergalerien.ch.

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