Gewalt am Sonntagvormittag

Wenn Kinder philosophieren: In der Berner Dampfzentrale wurde über Gewalt diskutiert. Doch wollen Kinder mit fremden Erwachsenen überhaupt philosophieren?

Regula Bühler nimmt die Kinder vor der Dampfzentrale mit auf eine philosophische Reise.

Regula Bühler nimmt die Kinder vor der Dampfzentrale mit auf eine philosophische Reise.

(Bild: Manuel Zingg)

Sabine Gfeller

Kinder zwischen drei und zehn Jahren sitzen auf der Treppe vor der Dampfzentrale. Sie hören gebannt einer Frau zu, die sich Sapperlotta nennt. Diese erzählt den Kindern eine Geschichte: Sonnencreme einschmieren, Picknick einpacken, und dann nimmt Sapperlotta sie mit auf einen Ausflug in die Philosophie.

Ein lockerer Einstieg der Erzählerin, die mit richtigem Namen Regula Bühler heisst. Im Anschluss geht es ernster weiter: Philosophieren über Gewalt steht für die Kleinen auf dem Programm – keine leichte Kost für einen Sonntagvormittag.

Dampfzentrale, Schlachthaus-Theater und Alpines Museum organisieren einmal pro Monat ein «Philosophieren mit Kindern», das sich jeweils an eine Ausstellung, ein Theater- oder ein Tanzstück anlehnt. Doch braucht es das überhaupt? Müssen sich Kinder jetzt auch noch philosophisch betätigen? «Meine Kinder sind vor allem gekommen, weil eine Geschichte erzählt wird», sagt ein Familienvater. Einige der elf Kinder kommen bereits zum zweiten Mal an ein «Philosophieren mit Kindern».

Nicht auf Knopfdruck

Die Leiterinnen und Leiter gehen behutsam vor, das zeigt bereits die Geschichte voller Unternehmungslust von Regula Bühler: Sie nimmt die Kinder in ihrer Erzählung von den Treppen der Dampfzentrale mit in die Berge. In einer verlassenen Hütte trifft die Protagonistin der Geschichte auf eine einsame Bergbäuerin, die ihr droht: «Du musst jetzt essen, sonst …».

An dieser Stelle teilen die Leiter die Gruppe auf, um dann in eine Diskussion zu starten: Die Vier- bis Siebenjährigen gehen mit Bühler und der Theaterpädagogin Nina Curcio mit, die Acht- bis Zehnjährigen mit dem Gymnasiallehrer für Philosophie, Andreas Pfister.

Regula Bühler und Nina Curcio stellen sich mit den Kleinkindern in einem Tanzproberaum der Frage: Was geschieht als Nächstes zwischen der Bäuerin und der Protagonistin? Sie sammeln verschiedene mögliche Antworten. Wichtige Spielregel: Meinung begründen und auf die anderen eingehen.

«Zwei Boxer stehen im Ring.Ist das Gewalt, wenn beide einverstanden sind?»Andreas Pfister, Philsophielehrer

In dieser Gruppe zeigt sich, dass Philosophieren für Kinder nicht auf Knopfdruck funktioniert. Zwischendurch tritt eine lang anhaltende Stille ein. Doch das mache nichts, findet Regula Bühler: «Manche melden sich nicht zu Wort, sind aber wachsam dabei.»

Boxen und reflektieren

Währenddessen stimmt Philo­sophielehrer Pfister die Gruppe der Acht- bis Zehnjährigen in einem Raum mit Tribüne mit einer Übung auf das Thema ein: Umherwandern, in sich kehren, später schattenboxen. Danach wird diskutiert, wann die Anwendung von Gewalt zu weit geht und wann sie legitim ist: vorsätzlich, im Affekt, aus Notwehr?

Das Gespräch ist mal reflektiert, mal hitzig: «Zwei Boxer stehen im Ring. Ist das Gewalt, wenn beide einverstanden sind?» – «Da ist es Berufsrisiko.» – «Ist das dann okay? Ist es keine Gewalt?» – «Es ist schon Gewalt, aber einvernehmlich.» – «Vielleicht ist es erst Gewalt, wenn man es nicht darf? Oder wenn jemand nicht einverstanden ist.» Die Fragen kommen jeweils vom Gruppenleiter.

Das Gespräch der Gruppe, die nur aus Knaben besteht, entwickelt eine Eigendynamik. Die Jungs versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen: Wer hat die übelste Raufereigeschichte auf Lager? Damit das Prahlen nicht überhandnimmt, fordert Andre­as Pfister sie auf, einen Schritt rückwärts zu machen: Wann ist das Ausreizen der Grenzen von körperlicher Nähe und Kraft in Ordnung, wann führt Gewalt zu bleibenden Schäden?

Pfister will jedoch keine definitive Antwort geben und auch keine erzieherische Rolle einnehmen. Er moderiert das Gespräch und lässt die Kinder relativ frei sprechen, ohne dass es zu schulisch wird.

Veraltete Rollenbilder

Doch weswegen gibt es keine Mädchen in der Gruppe? Andreas Pfister vermutet, dass Eltern eher ihre Jungs als Mädchen an einen Anlass schicken, bei dem es um Philosophie geht. Vielleicht seien die Geschlechter aber auch wegen des Themas so ungleich vertreten. Er habe bei seinen Kindern beobachtet, dass vermehrt wieder veraltete Rollenbilder aufträten. Ein Junge mit langen Haaren ernte demnach abfällige Blicke – von Eltern.

Während der Veranstaltung haben hauptsächlich die Leiter die philosophischen Fragen gestellt, von den Kindern kamen die Antworten. Womöglich stellen Kinder eher in der Gegenwart von vertrauten Menschen philosophische Fragen.

Doch die Veranstalter wollen die Kinder gar nicht dazu drängen. Vielmehr sollen sie eine Plattform er­halten, wo sich Kinder auf ein Thema einlassen können, ihre Meinung äussern und von den Experten wie auch von den Gleichaltrigen ernst genommen werden.

Das Tanzstück «Beat It», das sich ebenfalls mit dem Thema Gewalt befasst, wird ab morgen in der Dampfzentrale aufgeführt, auch für Schulen. Vorstellungen: «Beat It» von Kollektiv F und Nevski Prospekt, 5.–8.9., Dampfzentrale Bern. Infos: www.dampfzentrale.ch Nächste Philosophierunde für Kinder, zu der parallel auch ein «Philosophieren mit Erwachsenen» stattfindet: 20.10., 11 Uhr, Schlachthaus-Theater Bern.

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