«Früher war der Mann der Massstab»

Foto- und Peformancekünstlerin Manon (79) kehrt mit der Ausstellung «Don’t Look Back» in ihre Geburtsstadt Bern zurück.

Künstlerin Manon hat mit ihrem Werk oft provoziert.

Künstlerin Manon hat mit ihrem Werk oft provoziert.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Helen Lagger@FuxHelen

«Don’t Look Back» heisst Ihre aktuelle Ausstellung. Mit der Serie «La dame au crâne rasé» (1979) hingegen blickt man zurück, ins Paris der 70er-Jahre. Dort dachte man, Sie seien ein Transvestit, weil Sie Ihre Haare abrasiert hatten.
Manon: Ich habe damals in einem Abbruchhaus an der Rue du Liban gewohnt. Dort lebten auch viele Araber. Sie hielten mich tatsächlich für einen Transvestiten, weil sie nicht glauben konnten, dass eine Frau sich freiwillig von ihrem Haar trennt. Mir war das recht. Man liess mich in Ruhe.

In Zürich waren Sie ein gefeierter Szenestar. Wie schauen Sie auf diese Zeit zurück, als New Wave den Zeitgeist bestimmte?
Anfangs hat es Spass gemacht, mit der Zeit wurde es eine Belastung. Ich stand unter Beobachtung. Auch darum ging ich nach Paris. Dort kannte mich niemand.

Sie haben mit «Manon Presents Men» (1976) ein sehr provokantes Werk für das damals brave Zürich geschaffen.
Ich hatte kurz zuvor in Hamburg jene Strasse besucht, wo Frauen sich in Schaufenstern ausstellen. In jedem Fenster sitzt ein Männertraum, vom kleinen Mädchen über die Hausfrau bis zum Vamp. Ich wollte das umdrehen, indem ich lebende Männer ausstellte – in den Schaufenstern einer ehemaligen Metzgerei.

Im Spätwerk sind Jugendwahn und Vergänglichkeit ein grosses Thema. Wie gehen Sie selbst mit dem Älterwerden um?
Nicht gut. Mir fehlt die Luft nach vorn. Man weiss, man hat nicht mehr viel Zeit. Es fühlt sich klaustrophobisch an. Das ist nicht schön. Die einzige Strategie besteht darin, im Moment zu leben.

Eine Gabe der Kinder. Sie wuchsen mit einem Vater, der Professor der Ökonomie war, und einer Mutter, die kurz­ristig Model war, auf. Wie hat Sie das geprägt?
Gegensätzlicher als die beiden kann man nicht sein. Meine Mutter war eine absolute Ästhetin – mein Vater nicht. Das war schwierig für sie. Kunst spielte keine Rolle in meinem Elternhaus.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie Künstlerin wurden?
Gar nicht. Es war ihnen fremd. Sie haben sich nie etwas angeschaut. Auch nicht, als ich schliesslich Erfolg hatte. Das ist schmerzhaft gewesen.

Sie wurden als 17-Jährige in die Psychiatrie eingewiesen. Was lief damals schief?
Man hat mich dort abgestellt, für fast ein ganzes Jahr. Wohl weil man mit mir zu Hause nicht mehr zurechtkam.

Sie haben rebelliert?
Wahrscheinlich schon, ja. Ich glaube, meine Eltern hatten es nicht leicht mit mir. Und ich mit ihnen noch weniger.

Sie waren an der Schauspielschule und haben selbst auch als Model gearbeitet.
Bevor ich Kunst gemacht habe, habe ich Schaufenster dekoriert, Mode gemacht, war Grafikerin und vieles mehr. Ich hatte jedoch stets das Gefühl, das seien nur einzelne Aspekte. Kunst hingegen ist etwas Umfassendes. Als ich 1974 mein «Lachsfarbenes Boudoir» präsentierte, wurde mir und meiner Umgebung auf einen Schlag klar: Dies ist mein Weg.

Sie präsentierten Ihr Schlafzimmer in Form einer hyper­femininen Installation mit Muscheln, Spiegeln und Federn. Hat sich die Rezeption des «Lachsfarbenen Boudoirs» verändert?
Es hat sich sehr viel verändert. Damals hatten feministische Künstlerinnen das Gefühl, sie müssten wie Männer arbeiten. Das weibliche Selbstbewusstsein war gering, der Massstab der Mann. Ich fand das absurd. Meine Position war eine selbstbewusste.

Manon ist ein Künstlername. Verstecken Sie sich dahinter?
Es steckt etwas sehr Einfaches dahinter. Mein Onkel schwärmte von einer Schauspielerin, die Manon an der Oper spielte. Ich war damals ein kleines Mädchen und kannte die Hintergründe nicht, aber der Name ist mir jahrelang im Gedächtnis geblieben. Es war «mein» Name und nicht derjenige, den meine Eltern mir gegeben hatten.

Ausstellung: bis zum 5.10. in der Galerie Béatrice Brunner, Bern.

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