«Früher sassen diese Leute halt sechs Stunden vor dem Fernseher»

Interview

Ossi Urchs – Unternehmer, Dozent, Hippie und Internet-Euphoriker – hat ein Buch veröffentlicht. Im Interview spricht er über die heiklen Server von Whatsapp, das Web als Sucht und Online-Sein in den 1980ern.

  • loading indicator
Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Die Leser dieses Interviews sind online, für die allermeisten längst eine Alltäglichkeit. Die letzte vehemente Ablehnung des Webs kommt von akademischen Kulturpessimisten – von Ihren Berufskollegen also. Das ist so. Diese Kollegen fürchten um ihr Bildungsmonopol, das durch das Internet infrage gestellt wird. Das Web ist ein Medium, das Bildung, Wissen und Informationsverarbeitung demokratisiert. Das ist wohl die grösste der vielen Qualitäten, die es hat. Der User kann sich in Foren und sozialen Netzwerken weiterbilden.

Geschieht das auf vollwertige Weise? Können Online-Unis die alte, an Örtlichkeiten gebundene Institution ersetzen? Komplett nicht. Der Austausch mit den Kommilitonen kommt online sicher zu kurz, zumal Kommunikation ja auch aus nonverbalen Signalen besteht. Aber die Online-Unis sind eine sehr sinnvolle Ergänzung. Das MIT in Boston etwa bietet bereits heute eine eindrückliche Auswahl an Onlinekursen an, die Ortsfernen sehr wertvolle Einblicke ermöglichen.

Verstehen Sie das Internet als weiteres Upgrade der Aufklärung des 18. Jahrhunderts? Das ist tatsächlich ein Aspekt. Allerdings hat das Internet viele sehr verschiedene Funktionen, was es von allen anderen Medien dramatisch unterscheidet. Es kann sowohl eine Bildungsinstitution sein wie auch ein Unterhaltungs- oder ein Informationsmedium. Die Möglichkeiten, die das Internet künftig noch bieten kann, sind heute nur im Ansatz zu erahnen. Wir haben noch eine Menge zu erwarten.

Wo sehen Sie die Gefahren? Ich sehe diese Gefahren weniger im Suchtpotenzial, vor dem viele Kritiker warnen. Es gibt einfach Menschen, die eine Suchtdisposition haben, die sich in einem Medium verlieren können. Aber das muss nicht das Web sein. Früher sassen diese Leute halt sechs Stunden vor dem Fernseher und waren deswegen nicht mehr in der Lage, ein vernünftiges Leben zu führen. Die Hauptgefahr geht auch nicht von Google, Amazon oder Apple aus, die wirtschaftliche Ziele verfolgen und die es sich nicht leisten können, ihre Kunden mit unlauteren Methoden zu vergrätzen. Weit bedenklicher finde ich die Unterwanderung des Webs durch die Geheimdienste.

Können Sie das ausführen? Wenn Staaten in den digitalen Austausch ihrer Bürger eingreifen, ist das hochproblematisch. Ich gebe zu, dass ich die NSA unterschätzt habe. Mit einer solchen Datenmenge, wie sie die NSA erhoben hat, umzugehen, ist ja eine enorm komplexe technologische Herausforderung. Ich hätte nicht gedacht, dass sie das bereits heute schafft und dadurch zu einer systematischen Überwachung fähig ist. Obwohl ja in den Foren schon länger über die NSA gemunkelt wurde.

Was ist zu tun? Die demokratische Kontrolle muss verbessert werden, dann kann Abhilfe geschaffen werden. Denn Technologie an sich ist nie schlecht.

Viele Apologeten der Pionierzeit des Webs sind mittlerweile kritisch geworden, der prominenteste ist wohl Jaron Lanier. Sie dagegen sind unbeirrt. Unbeirrt sollte man nie sein! Bei Lanier, den ich persönlich gut kenne, ist sicherlich auch persönliche Kränkung im Spiel: Er setzte stark auf die virtuelle Realität, das Second Life also. Diese bekam allerdings nie die Bedeutung, die ihr Lanier zumass.

Was halten Sie von Evgeny Morozov, der in seinem neuen Buch «To Save Everything, Click Here» die meisten Hoffnungen, die das Internet geweckt hat, für trügerisch erklärt? Morozov ist mir insgesamt zu pessimistisch. Aber er ist ein hochinteressanter Mann, der als Weissrusse aus einer ganz anderen intellektuellen Sphäre kommt und eine neue Perspektive in die sehr pragmatisch geprägte Diskussion einbringen kann. Als kritischer Begleiter ist er sehr wertvoll.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum ersten Mal online waren? Das war in den 1980er-Jahren, ich war damals in den USA. Damals gings vor allem um den Expertenaustausch über Mailinglisten und Foren. Als ich dann in Deutschland 1987 meinen eigenen Anschluss wollte, beschied mir die Bundespost, dass es das gar nicht gebe, einen Privatanschluss ans Internet. Und ich sagte: «Doch, doch, das gibt es! Das weiss ich genau!» (lacht) Irgendwann kam dann tatsächlich ein Techniker und legte mir eine sogenannte Datex-P-Leitung, für die ich monatlich die sündhaft hohe Summe von 400 Mark entrichten musste.

Zurück in die Gegenwart: Nutzen Sie Whatsapp? Nein. Und zwar nicht wegen der App an sich, sondern weil alle Server von Whatsapp in den USA stehen. Dorthin würden folglich alle meine Kontaktdaten gesendet. Zudem reichen mir die Facebook-Messages in den allermeisten Fällen ohnehin.

Inwiefern beeinflusst das Smartphone die Digitalisierung? Es macht das Web noch ubiquitärer. Das heisst, es ist nun fast überall präsent: Das Internet wird zum Universalmedium.

Tragen wir in fünf Jahren die Google-Brille? Das ist schwer zu sagen. Ein interessantes Gerät, zweifelsohne. Aber ob wir wirklich immer eine Internetblende tragen wollen? Ich vermute, dass das Web künftig noch präsenter sein wird, dass aber zugleich das Bedürfnis nach Abgrenzung wächst, dass Offlineräume gezielter gesucht werden. Räume, in denen man seine Ruhe haben will, in denen man Chillen kann, ohne ständig auf das Web reagieren zu müssen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt