Fotografien wie Gedichte

Die Bilder von Teju Cole zeigen das, was wir tagtäglich sehen – und dennoch nicht wahrnehmen. Der Strauhof in Zürich zeigt über 30 seiner eindrücklichen Arbeiten.

«Wir legen jeden Tag etwa 7500 Schritte zurück»: Schaufenster in Zürich. Foto: Teju Cole

«Wir legen jeden Tag etwa 7500 Schritte zurück»: Schaufenster in Zürich. Foto: Teju Cole

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Wenn Teju Cole unterwegs ist – und das ist er häufig –, hat er eine Kamera dabei. Fotos macht er überall und von allen möglichen Sujets: Der ganz gewöhnliche Alltag in New York und Brazzaville, in Beirut und Lissabon, in São Paulo und St. Moritz ist es, der ihn anzieht. Auch wenn sich der Schriftsteller selbst als Tourist bezeichnet, der seine Bilder als Verlängerung seines Gedächtnisses einsetze, so ist dies nur bedingt richtig. Denn auf seinen Bildern fehlen touristische Attraktionen durchwegs. Vielmehr hält der in Nigeria aufgewachsene und heute in Brooklyn lebende Künstler jene Momente, Augenblicke und Szenen fest, die unserer Aufmerksamkeit normalerweise entgehen: eben weil sie so normal sind. Da wir daran gewöhnt sind, das Gewöhnliche nicht wahrzunehmen, bewegt es sich unter unserem Aufmerksamkeitsradar.

Seltsame Gabe

Die leisen, unaufgeregten Bilder weisen auf diese blinden Flecken hin. Alles, was uns Teju Cole zeigt, haben wir so oder ähnlich auch schon einmal gesehen; er zeigt uns also nichts Neues, sondern das Alte neu. Beim Betrachten der Fotos wundern wir uns über unsere seltsame Gabe, das Wesen der Dinge systematisch zu ignorieren: Wir schieben den Alltag zur Seite, um zum vermeintlich Wesentlichen vorzudringen – dabei übersehen wir, dass der Alltag nur so wimmelt von Wesen und Dingen, die wir keines Blicks würdigen: die Schaufel auf einer Baustelle, die an ein Baumhaus angelehnte Leiter, ein zerrissenes Wahlplakat an einer Hauswand, eine einsame Schere auf einem Tisch, eine verlassene, mit Schnee bedeckte Bushaltestelle.

«Wie der Klang des Alphorns»: Schiffsreise auf dem Brienzersee. Foto: Teju Cole

Die Kunst von Cole besteht darin, uns das zu zeigen, was wir sehen. Es ist eine Wiederbegegnung mit einer verbannten Welt. Wenn schon ein Tourist, dann ist er einer im Land des Unbewussten. Er fördert mit seinen Fotografien Gefühle zutage, die verschüttet waren. Da wir die Eindrücke, welche jeden Tag auf uns einprasseln, nicht verarbeiten können, handelt es sich beim Betrachten seiner Fotos um eine Wiederbegegnung mit der scheinbar banalen Dingwelt.

Lyrische Texte

In der Ausstellung «Blind Spot» sind 33 schwarz gerahmte Fotografien mit den dazugehörigen, ebenfalls schwarz gerahmten englischen Texten zu sehen. Wer sich Zeit nimmt, kann sich dem Wechselspiel zwischen Bild und Text hingeben: ein ästhetisches Erlebnis, bei dem die in den Fotografien geronnene emotionale Energie mit den lyrischen Texten in einen Dialog tritt. Reflexion und Sinnlichkeit fliessen ineinander. Dass es sich bei Teju Cole mindestens um eine Doppelbegabung handelt, lässt sich in der kleinen, elegant eingerichteten Ausstellung im Parterre des Strauhofs ermessen (diese Schau allein zeigt, wie unverzichtbar diese Institution für die Kulturstadt Zürich ist).

Augenblick, verweile doch!

Cole stellt kluge Reflexionen über die Grenzen des Sehens an. Im Nachwort des soeben erschienenen Fotobuches heisst es: «Ein Blick offenbart nur einen Bruchteil dessen, was zu sehen ist. Selbst im wachsamsten Auge gibt es einen blinden Fleck. Was fehlt?» Dieses Fehlende will er uns zeigen, indem er den Augenblick zum Verweilen einlädt. So nehmen wir auf einmal die Auslagen in einem Zürcher Schaufenster wahr, an dem wir sonst blicklos vorbeigehen. Oder dank einer speziellen Perspektive wirkt eine Schiffsreise auf dem Brienzersee ganz anders. Im begleitenden Text schreibt Cole: «Ich öffnete die Augen. Was vor mir lag, sah aus wie der Klang des Alphorns zu Beginn des letzten Satzes der ersten Sinfonie von Brahms. Das war er, das war der Sound, den ich sah.» Auch Dichtung ist eine poetische Form von Wahrheit.

Die unaufgeregten, leisen Fotos von Teju Cole zeigen uns nichts Neues, aber das Alte neu.
Das ist faszinierend.

Während wir von Bild zu Bild gehen, kommen wir von der Stadt aufs Land oder wechseln gar die Kontinente. Die eigene Welt wird uns dabei fremd, die fremde vertraut. Bei aller Verschiedenheit, so der Künstler, seien sich die Menschen auf emotionaler und psychischer Ebene sehr ähnlich. Seine Fotografien sind wie Gedichte, die einen Echoraum eröffnen, in dem wir unsere Stimme auch in den anderen erkennen. Dies zu evozieren, bleibt grosser Kunst und Künstlern wie Teju Cole vorbehalten.

Die Ausstellung «Blind Spot» dreht die Bühne der Bedeutsamkeit um 180 Grad. Nicht das Alltagsleben ist banal, banal sind die Menschen, die dessen Reiz nicht zu erkennen vermögen. Wer nicht ganz dumpf ist, wird die Schönheit erkennen, die einem Lichtstrahl gleich die Bilder Coles erhellt.

Gestern Sonntag fand die Vernissage der Ausstellung statt. Teju Cole liess sie sich nicht entgehen und reiste in die Stadt, in der er 2014 Writer-in-Residence im Literaturhaus war.

Teju Cole: Blinder Fleck. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Hanser, Berlin 2018. 350 S., ca. 54 Fr.

Die Ausstellung «Blind Spot» im Strauhof an der Augustinergasse 9 in Zürich läuft bis zum 29. Juli. Öffnungszeiten unter: www.strauhof.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2018, 18:30 Uhr

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