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«Es interessiert mich, was mir Angst macht»

Reto Camenisch ist einer von sechs Künstlern in der Ausstellung «Aller-Retour. Schweizer Fotografie im Wechselspiel zwischen Fernweh und Heimat» im Kunstmuseum Thun.

Auschwitz, Block 12, Keller: Die Erschiessungswand, an der unzählige Intellektuelle ermordet wurden.
Auschwitz, Block 12, Keller: Die Erschiessungswand, an der unzählige Intellektuelle ermordet wurden.
Reto Camenisch

Eine Fast-Food-Kette, mehrere Imbissstationen und Restaurants versorgen jedes Jahr 1,6 Millionen Besucher des ­Museums Auschwitz-Birkenau. Fotokünstler Reto Camenisch besuchte das ehemalige Vernichtungslager für seine Serie, die gegenwärtig im grossen Saal des Kunstmuseums Thun gezeigt wird. «Meine Mutter hat mir als Kind Bilder von Leichenbergen gezeigt, die mich nicht mehr losliessen», erzählt Camenisch. Heute würde man das nicht mehr so machen, aber so sei das eben gewesen.

Beim Besuch habe ihn der Rummel in die Flucht geschlagen. Doch ein Museumswächter liess ihn am nächsten Tag um 5.30 Uhr früh hinein. Es entstanden Fotos von schlichter Intensität. Camenisch pflegt die Tradition der analogen Schwarzweissfotografie und entwickelt die Bilder von Hand. Dabei komme der berühmte Kasten mit schwarzem Tuch zum Einsatz: «Ich habe fünf Sekunden Zeit, abzudrücken, und finde es spannend, nichts kontrollieren zu ­können!»

Schöne Bilder sind für Camenisch langweilig

Im Zentrum steht für Camenisch nicht das Fotoresultat, sondern die Emotion beim Auslösen: «Ich interessiere mich nur für mich!», überrascht er die rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörer des Künstlergesprächs. Drei mal neun Porträts reihen sich an einer Wand. Er sei kein Vielfotografierer, von jeder Person habe er von zwei Fotos eines ausgewählt. «Ich weiss, wie man ein schönes Bild macht», versichert er, «aber das ist langweilig.»

Bis 2003 war er als Pressefotograf in der Welt unterwegs, bis er alles hinschmiss. Mit entwaffnender Offenheit erzählt er, in dieser Zeit sei seine Ehe in die Brüche gegangen. Er hätte einen Pianisten in Delhi fotografieren sollen, morgens um 9 Uhr Shooting, um 17 Uhr zurück in die Schweiz. Da wurde ihm bewusst: «Ich kann mein Leben nicht vergeuden mit solchem Schrott!»

Rendezvous mit seinen Ängsten

Ein Freund habe ihn motiviert, seine Arbeiten in einer Galerie zu zeigen. «Kunst ist der einzige Ort, wo nichts sein muss!» Camenisch sinniert, er sei ein ängstlicher Mensch, das komme vermutlich davon, dass er seinen Vater früh verlor. Die Ausein­andersetzung damit fasziniert: «Es interessiert mich, was mir Angst macht!» So sind seine Fotos aus Nepal, Tibet oder Indien keine prächtigen Bergpanoramen, sondern ein Rendezvous mit Ängsten und Spiegelung seiner Emotionen.

«Meine Mutter hat mir als Kind Bilder von Leichenbergen gezeigt, die mich nicht mehr losliessen.»

Reto Camenisch

Für das Foto von der Erschiessungswand, Keller, Block 12, in Auschwitz, an der unzählige Intellektuelle ermordet worden sind, reichen ein Lichtstrahl und das Wissen um diesen Ort des Grauens dazu, sofort in der Gefühlswelt des Fotografen zu verschwinden. «Von dieser Serie habe ich noch nichts verkauft...», lässt Camenisch wissen.

Eine ältere Dame fragt, wie er noch fotografieren könne nach diesen Erlebnissen. «Ich bin ein hoffnungsvoller Mensch. Fotos sind meine Sprache!», sagt er und fügt hinzu: «Kunst kommt von Müssen, nicht von Können.»

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