Einen Tick anders

«Aare Brut» heisst ein neuer Kunstpreis für Menschen mit Behinderung – und die dazugehörige Ausstellung in Olten. Die Bilder überzeugen mit ihrer rohen Kraft.

Siegerbild: Die Farbstiftzeichnungen  von Rosalina Aleixo überzeugten die Jury.

Siegerbild: Die Farbstiftzeichnungen von Rosalina Aleixo überzeugten die Jury. Bild: zvg

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Ist das ein U-Boot oder ein Schiff, das über die Zeichnung dampft? Aus welcher Welt stammen die Geister, die uns unheimlich wie HR Gigers Aliens anschauen? Sind die Clowns, diese rudimentären Strichfiguren, lustig oder böse? Wer durchs Gerolagcenter Olten flaniert, wird mit unterschiedlichsten Bildwelten konfrontiert und ebenso ungewöhnlichen Biografien ihrer Schöpfer.

Von der Kuratorin Emeline Fichot erfährt man von Menschen mit schweren, auch psychischen Krankheiten, von Leseschwächen, Sehbehinderungen, von ihrem Leben ausserhalb gängiger Muster. Von Menschen, die einsam stundenlang in ihrer Küche stricheln oder die betreut in Werkstätten ihre Kreativität entfalten können.

Teilhaben statt ausgrenzen

Wir befinden uns in der Ausstellung «Aare Brut» in Olten. Der Titel wirkt so abschreckend wie gesucht, die Sache selber aber ist sehenswert. «Aare Brut» nennt die Behindertenorganisation Procap ihren ersten Kunstpreis der Schweiz für Menschen mit Behinderungen. Im seltsamen Titel werden unterschiedliche Dinge verquickt: Zum einen Art brut, der Fachbegriff für naive Kunst, für Werke von Aussenseitern und Menschen, die keine Kunstausbildung absolviert haben. Zum Zweiten die Aare, weil die Ausstellung der Preisträger und Wettbewerbsteilnehmer in Olten stattfindet.

In der Kunstgeschichte hat Kunst von Menschen mit Behinderung in den letzten hundert Jahren einen hohen Stellenwert bekommen, in Lausanne gar ein eigenes Museum. Erinnert sei an Werke von Adolf Wölfli, Louis Soutter oder der Künstler aus dem österreichischen Gugging, die längst in renommierten Museen hängen.

Was gibt es heute Vergleichbares in der Schweiz? Das fragten sich die Initianten von Procap und luden Künstlerinnen und Künstler ein, sich um den ersten Schweizer Preis zu bewerben. Mit der Ausstellung und dem Preis wolle man den Werken und ihren Schöpfern «eine Sichtbarmachung» ermöglichen. «Früher hat man in der Arbeit mit und für Behinderte viel von Égalité gesprochen, heute von Inclusion», so Emeline Fichot.

Warum zeigt man sie dann isoliert im Oltner Industriegebiet und nicht in einem «normalen» Museum? Und warum betont man die Eigenheit ihrer Schöpfer und setzt den Interessierten auf der Website doch völlig nichtssagende Biografien vor, aus denen weder die Art ihrer Behinderung noch ihre besonderen Lebensumstände ersichtlich werden? All diese Fragen und Bedenken konnte der Besuch nicht ausräumen. Stark an der ganzen Veranstaltung sind die Werke, ist ihre Intensität, Subtilität, ihre rohe Kraft. Sie lohnen den Besuch.

Gewinnerin malt die Welt gut

Der erste Preis von «Aare Brut» geht an Rosalina Aleixo aus Freiburg für ihre bunten, lebensfrohen Farbstiftzeichnungen. Die 50-Jährige besucht einen Tag pro Woche die Werkstatt Creham in Freiburg. Ihre Bilder wirken fröhlich und unbeschwert, haben aber oft einen traurigen Hintergrund: Aleixo greift aktuelle Nachrichten auf, etwa das Lastwagen­attentat von Nizza, und malt ihm einen glücklichen Verlauf. Menschen zu trösten, die Welt etwas besser zu erfinden, ist ihr Schaffensantrieb.

Ausstellung «Aare Brut»: Gerolagcenter Olten, bis 28. Oktober, Eintritt frei. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2017, 11:42 Uhr

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