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Ein Kaleidoskop der Sinne

Als Schlossherrin inszeniert Chantal Michel zum zweiten Mal im Schloss Kiesen eine Schau ihrer Werke. Sie lädt zu einem Gesamtkunstwerk und führt die Sinne auf eine Achterbahn der Vorstellungen und Wirklichkeiten.

Anne-Sophie Scholl
Mystisch: Wer ist diese Frauengestalt? Was sieht sie? Die Inszenierungen von Chantal Michel wirken oft wie Traumbilder.
Mystisch: Wer ist diese Frauengestalt? Was sieht sie? Die Inszenierungen von Chantal Michel wirken oft wie Traumbilder.
zvg

Ein kühler Luftzug streicht durch den Gang, die Eingangstür zum Schloss und die Tür in den Schlossgarten stehen weit offen. Fast glaubt man, im Luftzug die physische Präsenz eines Luftgeistes zu spüren. Der Blick fällt auf grossformatige Fotografien an der Wand. Verwunschene Naturlandschaften, in denen sich Naturgeister als mystische Präsenzen materialisieren, sind hier zu sehen. Zum Beispiel auf einem der Bilder die dicht ineinander gedrängten, hellgrün bemoosten Baumstämme, aus deren Mitte eine Frauengestalt wächst. Ihr Blick ist unbestimmt in die Ferne gerichtet, als könne sie, einer vorübergehenden Erscheinung gleich, im nächsten Moment entschwinden. Das Bild daneben zeigt einen Teich, in dessen Bucht sich eine Frau schmiegt. Ihre überlangen blonden Haare verlieren sich in dem sandigen Boden: eine Wassernymphe, die in einem tausendjährigen Schlaf am Ufer des Teiches ruht?Natur hält EinzugLichter, heller, farbiger als im vergangenen Jahr sei die diesjährige Inszenierung mit neuen Fotografien und Bildern aus ihrem zehnjährigen Schaffensfundus, sagt Chantal Michel. Und dieses Jahr hält die Natur Einzug in die Schlossgemächer: mit Wunderblumen, immergrünen Pflanzen oder einem überdimensionierten Vogelnest. Gleichzeitig setzt sich die Ausstellung im Schlossgarten mit dem Gartenhäuschen fort, Inneres und Äusseres beziehen sich aufeinander oder verschmelzen. So zum Beispiel im roten Salon im Erdgeschoss, wo drei wandfüllende Bilder mit stark spiegelndem Glas hängen. Zeigen die Bilder selbst Überblendungen von Innen- und Aussenräumen, geht dieses Spiel noch weiter, indem sich der rote Salon, das Fenster und die Bäume aus dem Schlossgarten im Glas spiegeln. Andere WirklichkeitUnwillkürlich frag man sich: Wo hört die reale Welt auf, wo beginnt die imaginäre Welt der Fotografie? Wer ist das seltsame Wesen, das am unteren Bildrand kauert und die Betrachtenden verschreckt anschaut? Und wie blicken wir zurück? Die Künstlerin zelebriert das Zusammenspiel der realen Räumlichkeiten mit ihren Fotografien und Videoprojektionen. Seit dem Januar dieses Jahres wohnt Chantal Michel auf dem Schloss und sie hat die alten Gemäuer für die neue Ausstellung hergerichtet. Hat Wände gestrichen, barocke Sofas, Stühle und Tische, Teppiche, Kronleuchter und Nachttischlämpchen herbeigeschafft und auch das Gemüsegärtlein arrangiert. Mit kleinen Akzenten, manchmal nur das Parfüm einer Duftkugel oder das Zirpen von Grillen auf einer Tonspur, kreiert sie ganz unterschiedliche Atmosphären in den einzelnen Zimmern und setzt damit die Imagination in Gang. «Jeder, der diese Räume betritt, denkt sich zumindest eine Geschichte, mir selbst fallen bestimmt zehn ein», so Chantal Michel. Die Fotografien oder Videoprojektionen, auf denen zumeist die Künstlerin selbst in unterschiedlichen Frauenfiguren erscheint, wirken wie eine Momentaufnahme – als würden sie das flüchtige Aufscheinen einer anderen Wirklichkeit einfangen. In der klinischen Atmosphäre eines konventionellen Ausstellungsraumes würde dieses Spiel mit der Fantasie nicht funktionieren. In den Raum-installationen entfalten die Werke jedoch ihre ganze Kraft.Unsichtbarer ErdgeistIm Dachgeschoss erklingt leises Gelächter aus einer im Hintergrund versteckten Box. Im Treibhaus am Rand des Schlossgartens findet dieses ein Echo: Übermütig, laut, strauchelnd und zuweilen am Rande des Irrsinns lacht dort in allen Tonlagen ein unsichtbarer Erdgeist: Das Schlossareal erscheint als umfassendes Kunstwerk, eine eigene Welt, in die die Gäste eintauchen und ihrer Vorstellungskraft freien Lauf lassen. Und wenn die Schlossherrin jeweils am Samstagabend für das Publikum kocht, ist man sich nicht so sicher, wen man in dem langen Schürzenkleid vor sich hat: die Künstlerin oder eine Gestalt aus der Welt der Fantasie.

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