Dieses Festival ist ein Irrgarten

Bern

Eine Kulturredaktorin besucht das Berner Aktionskunstfestival «Bone 18» – nur mit einem Programmflyer ausgestattet und ohne Performance-Kentnisse. Geht das gut?

Pepe Dayaw kocht mit dem, was ihm in die Hände kommt: «Nowhere Kitchen»-Crew in der Stadtgalerie Progr.

Pepe Dayaw kocht mit dem, was ihm in die Hände kommt: «Nowhere Kitchen»-Crew in der Stadtgalerie Progr.

(Bild: zvg/Sanja Latinovic)

Irgendein Hinweis auf die Veranstaltungen müsste doch aussen am Progr Bern oder im Haus zu sehen sein. Aber kein Flyer ist aufgelegt, der das Aktionskunstfestival «Bone 18» bewerben würde. Mein Blick schweift durchs Treppenhaus: Nichts.

Dann kommt mir eine weiche Melodie zu Ohren, die mich in eine Aula führt.Zugezogene Vorhänge, ein süsslicher Geruch, vier Leute, ein Song. Und ich als einzige Zuschauerin. Hingebungsvoll singt eine Frau in Socken: «Don’t want to doubt life, but reality cuts me like a knife.» (Ich will nicht am Leben zweifeln, aber die Realität schneidet mich wie ein Messer.)

Die zweite Künstlerin zieht einen hautengen Latexanzug über, derweil schüttet ein tätowierter Typ Glasscherben auf den Boden. Klirren übertönt den Song, der wiederholt aus den Lautsprechern erklingt.

Dann knirscht und knackt es. Der Tätowierte balanciert barfuss über die Scherben. Viel sagt mir das nicht, trotzdem gehe ich nicht. Bin ich schon Teil der Performance geworden?

Als die vier Künstler miteinander zu plaudern beginnen, will ich mich auf den Weg machen. Doch das Ende der Performance ist das noch lange nicht. «Wir erarbeiten Inhalte für ein Theater», erklärt mir die Sängerin. Das sei offene Probe und Performance zugleich. Aha. Das gehört also doch zum Festival.

«Bucky’s Classroom» ist mein nächstes Ziel. Dort hoffe ich Florian Feigl zu finden, der während der Woche Performancetheorie vermittelt. Nach einem Ausflug in den verlassenen Westflügel stehe ich im Progr-Innenhof. Mich beschleicht das Gefühl, die Beschriftungen seien absichtlich weggelassen worden. Möglicher Performancetitel, auf Englisch natürlich: «The Journey is the Destination».

Gelbe, orange und violette Rüben liegen in Reih und Glied auf dem Tisch. Dazwischen thront ein grosser Kürbis. Noch mit Erde daran, denn: In der «Nowhere Kitchen» wird mit Biozutaten und Resten gekocht.

Bestellt hat Pepe Dayaw die Sachen nicht – der Performancekünstler bereitet ein Menü aus zufällig zusammengestellten Zutaten zu. Auch der trockene Gugelhopf vom Vortag wird zu Püree aufgekocht.

Die anderen Workshopteilnehmenden sind Performer, aber auch die staunen, dass Pepe nicht weiss, was es zum Abendessen geben wird. «Während des Kochens überrasche ich mich immer wieder selber», grinst Pepe. Und die Gäste probieren unbewusst neue Kreationen. Damit sie das Essen nicht zu genau betrachten können, ist die Tafel lediglich mit Kerzen erhellt.

Das Essen macht mich aber am wenigsten skeptisch. Ich habe schliesslich mitgekocht. Die Mischung aus Frischem und Resten scheint zu munden. Und das Kerzenlicht bringt gemütliche Stimmung. Vor diesem Diner wird das Publikum allerdings noch mit Aktionskunst von Florian Feigl und Jörn Burmester beglückt.

Sogar einen nackten Hintern gibt es zu sehen. Warum nicht auch hier Kerzenlicht? Jedes einzelne Haar am Hintern von Burmester zu sehen, ist eher unschön. Vielleicht denkt das Feigl auch und vergoldet deshalb Burmesters Hintern. Wer weiss.

Als ich nach Hause gehe, vermeide ich den Bus: Ein Spaziergang an der frischen Luft wird helfen, meine Gedanken zu ordnen.

Berner Zeitung

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