Zum Hauptinhalt springen

Die vergessene Wegbereiterin

Impressio­nismus ist mehr als Monets «Seerosen» – und eine Berner Künstlerin mischte in Paris erfolgreich mit. Nur weiss das niemand. Nun widmet das Kunstmuseum Bern Martha Stettler eine Ausstellung.

Flanieren in Paris: «Le parc» von Martha Stettler, um 1910.
Flanieren in Paris: «Le parc» von Martha Stettler, um 1910.
PD / Kunstmuseum Bern

Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte sich in Paris eine Berner Künstlerin mit ihren spätimpressionistischen Gemälden, für die sie international ausgezeichnet wurde. Sie führte eine lebenslange, öffentliche Beziehung zu einer Frau, der Künstlerin Alice «Tanne» Dannenberg. 1904 war sie Mitbegründerin der Académie de la Grande Chaumière, die sie ab 1909 zusammen mit Dannenberg leitete und an der später renommierte Kunstschaffende wie Louise Bourgeois, Alberto Giacometti oder Meret Oppenheim studierten.

Klingt wie ein feministisches Kunstmärchen? Ja, und doch hat es sich in der Realität so zugetragen. Martha Stettler hiess die Künstlerin, die nach ihrem Tod 1945 in Vergessenheit geraten ist und nun durch eine Ausstellung im Kunstmuseum Bern neu entdeckt werden kann.

Stettler ausgestellt im Stettler-Bau

Es ist der richtige Ort für diese Wiederentdeckung, und ganz bewusst hat die Gastkuratorin Corinne Linda Sotzek, die zu Stettler dissertiert hat, Räume im Hauptgebäude ausgewählt, das 1879 von Marthas Vater Eugen Stettler errichtet wurde. Der Bernburger-Architekt förderte schon früh das Zeichentalent seiner Tochter und ermöglichte ihr eine Ausbildung an der Berner Kunstschule, die sich damals im Untergeschoss des Kunstmuseums befand.

Dort lernte Martha Stettler das Zeichnen von Stillleben und diverse Arbeitstechniken. Nur eins blieb der jungen Künstlerin, die schon damals grosses Interesse am Figürlichen hatte, verwehrt: das Aktmalen. In Bern war es Frauen untersagt, entsprechende Kurse zu belegen. Stettler zog einen Wechsel nach Genf in Erwägung, wo Barthé­lemy Menn Aktkurse für Künstlerinnen anbot. Doch 1893 starb der Hodler-Mentor – und mit ihm das Programm. Also packte die 23-jährige Martha Stettler ihre Koffer und versetzte ihren Lebensmittelpunkt nach Paris.

Auf nach Paris zur Aktmalerei

Endlich konnte sie sich an der Académie Julian mit dem menschlichen Körper auseinandersetzen, und sie tat dies mit aller Konsequenz, wie nicht nur diverse Aktstudien, sondern auch detaillierte Zeichnungen vom Muskel- und Sehnenapparat zeigen. Auf frühen Gemälden versetzte Stettler ihre Protagonisten in dunkle Interieurs. Ganz in der Tradition der Pariser Künstlergruppe Nabis, die Ende der ­1880er-Jahre Elemente des japanischen Holzschnitts aufgriff, setzte sie sich mit Texturen von Tapeten und Sitzgelegenheiten auseinander.

Zu ihrer eigentlichen Bildsprache fand sie schliesslich durch die Arbeit in Lucien Simons Atelier, der ihr die Ölmalerei näherbrachte. «Das war wie ein Schritt aus dem dämmerigen Zimmer in den Sonnenschein», sagte sie über die Zeit beim französischen Künstler. Aus dunklen Salons wurden auf einmal grosszügige Parkanlagen. Ihre Sujets fand Stettler vor der Haustür: im Jardin des Tuileries, im Jardin du Luxembourg oder in den Gärten von Versailles. Oder in ihrem eigenen Garten. Zusammen mit Alice Dannenberger bewohnte Stettler ein malerisches Gartenhaus, das sich die beiden Künstlerinnen mit bis zu acht Katzen teilten.

Alice Dannenberg und Martha Stettler an der Académie Julian, um 1894. Foto: PD / Kunstmuseum Bern
Alice Dannenberg und Martha Stettler an der Académie Julian, um 1894. Foto: PD / Kunstmuseum Bern

Es entstanden leuchtende Bilder, für die Stettler die Farbe mal dick mit dem Spachtel auftrug und mal so dünn, dass die Leinwand durchschimmert. In abstrakt anmutenden Mustern fügen sich die Farbflächen zu Parkszenen zusammen. Kinder spielen am Brunnenrand, Erwachsene spazieren mit opulenten Hüten oder sitzen in den satten Blumenwiesen. Oft haben sie in gewagten Perspektiven den Betrachtern den Rücken zugewandt oder flanieren ganz am Bildrand. Leere Bereiche erzeugen mit dicht bevölkerten Bildecken einen eigenwilligen Kontrast. Aus Gesten und Blicken ergeben sich Linien, welche die Komposition zusammenhalten.

Die Bilder fanden Anklang, und bald kaufte auch schon das Kunstmuseum Bern ein Werk an – heute befinden sich vier Gemälde von Stettler in seinem Besitz. Doch dies allein reichte der Künstlerin nicht zum Leben. Erst wurde sie von ihrer Familie unterstützt, später stellte ihre Tätigkeit an der von ihr mitbegründeten Kunstakademie eine wichtige Einnahmequelle dar. Diese nahm immer mehr Raum ein in Stettlers Leben, und ab 1920 gab sie die Malerei bis auf private Arbeiten vollständig auf.

Das natürlichste Wesen der Welt

Private Bilder wie jenes Kleinformat, das Michael Stettler im Kindesalter zeigt. Der Neffe bezeichnete Martha Stettler einst als glückliche, humorvolle Frau, «das natürlichste Wesen der Welt». Dieses private wie berufliche Glück prägte nicht nur Stettlers Naturell – es beeinflusste auch ihre Kunst. So fehlt dem Œuvre etwas von der Spannung eines inneren Konflikts, wie ihn viele Kunstschaffende auf Leinwand bannen. Dafür berauschen die Bilder mit ihrer Eigenwilligkeit – und sie laden ein zu Gedankenferien in den prächtigsten Gärten.

Ergänzt wird die erste Stettler-Retrospektive durch zahlreiche Dokumente, die wie der Grossteil der Bilder aus dem Familiennachlass stammen: Notiz- und Skizzenbücher, Fotografien und Goldmedaillen von Kunstwettbewerben.

Es ist eine Reise in ein zu Unrecht vergessenes Werk. Das Werk einer Künstlerin, die den Weg für zahlreiche geistige Erbinnen geebnet hat.

Ausstellung:bis zum 29. Juli. Kunstmuseum Bern. Vernissage: heute Donnerstag, ab 19.30 Uhr.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch