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Die Unwirklichkeit von Luxushotels

Vom Finden und Erfinden ferner Orte, von Reiselust und Heimatlosigkeit erzählt eine Ausstellung zum Thema Künstler als Hoteliers und Gäste im Kunstmuseum Thun.

Der gerahmte Fluchtweg: «Exit Strategies» von Jules Spinatsch, 2011.
Der gerahmte Fluchtweg: «Exit Strategies» von Jules Spinatsch, 2011.
Jules Spinatsch / Galerie Luciano Fasciati, Chur
Chantal Michel realisierte 2006 den Nachbau einer Suite im ehemaligen Grand Hotel Bürgenstock: «Der stille Gast».
Chantal Michel realisierte 2006 den Nachbau einer Suite im ehemaligen Grand Hotel Bürgenstock: «Der stille Gast».
Chantal Michel
Nachgestellt: «Reconstruction de la Chambre No. 13 de l'hôtel Carcassonne Paris 1959-65», 1998.
Nachgestellt: «Reconstruction de la Chambre No. 13 de l'hôtel Carcassonne Paris 1959-65», 1998.
Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach / Bern
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Der 1875 eröffnete Thunerhof war das prächtigste Hotel im ganzen Berner Oberland. Lange währte das Glück nicht. Mit dem Ersten Weltkrieg begannen die Krisen und 1939 kam schliesslich das Ende. Seit 1948 beherbergt das einstige Luxushotel Büros der Stadtverwaltung und das Kunstmuseum Thun.

Helen Hirsch, die Direktorin des Kunstmuseums Thun, liess sich von der Geschichte des Gebäudes inspirieren und hat eine wunderbar vielfältige Ausstellung zum Thema Künstler als Hoteliers und Gäste eingerichtet. Die internationale Gruppenschau «Chambres de luxe» erzählt in 15 Positionen vom Reiz des Ortswechsels und von der besonderen Ästhetik privater Räume auf Zeit, vom Finden und Erfinden ferner Orte, aber auch von Heimatlosigkeit und Ausgeschlossenheit.

Spurensuche in Kabul

Ein Wandteppich von Alighiero Boetti grüsst am Beginn der Schau. Der italienische Künstler Boetti (1940–1994) war ein interessierter Reisender. 1971 kam er nach Afghanistan und eröffnete in Kabul das One Hotel, das vor allem Künstler aus dem Westen anlockte. In Kabul liess Boetti auch eine ganze Serie von Wandteppichen weben. Mit dem Einmarsch des sowjetischen Militärs 1979 in Afghanistan endet die Geschichte des Kabuler Künstlerhotels. Der mexikanische Künstler Mario Garcia Torres (*1975) machte sich 2010 auf Spurensuche nach dem One Hotel. Sein Videoessay lässt die Projektionswand oft weiss. Die Suche nach Boettis Künstlerhotel bleibt lange ergebnislos. Reisen ist in dieser reportagehaften Arbeit eine Begegnung mit dem Ungewissen.

Die Geschichte des Reisens ist lang. Nur die Strandferien mit exzessivem Nichtstun, üppigem Buffet und Nonstop-Animation, die sind noch ziemlich neu. Über Jahrhunderte bedeutete Reisen vor allem Austausch von Waren, Ideen, Kulturgütern. Neben Händlern, Forschern und begüterten Abenteuerlustigen waren es stets auch Kulturschaffende, die es in die Ferne zog, die Welterfahrung schlürften und sich in Gasthaus oder Hotel ein Atelier auf Zeit einrichteten. Es entstanden Hotels, die vor allem von Kunstschaffenden geschätzt oder auch von Künstlern geführt wurden. Die Thuner Ausstellung versucht nicht, dieses Thema kulturhistorisch aufzuarbeiten, sondern beleuchtet schlaglichtartig verschiedene Aspekte des Lebens im Hotel und auf Reisen.

Hütten und Ufos

Da gibt es das Reisen oder Logieren an Übergangsorten aus sozialer Unsicherheit heraus. Daniel Spoerris (*1930) Arbeit «La Chambre No 13, Hôtel Carcassonne» rekonstruiert das winzige Zimmer, in dem der Künstler zwischen 1959 und 1965 gelebt und gearbeitet hat. Christoph Wachter und Mathias Jud bieten mit dem Projekt «Hotel Gelem» Gastaufenthalte in westeuropäischen Roma-Siedlungen an. Interessenten können sich auf der Website des Projekts bewerben und werden dann von einer Roma-Familie eingeladen, mit ihnen einige Tage in Wohnwagen, Hütte oder Asylantenheim zu leben und zu erfahren, wie es sich anfühlt, als Unerwünschte am Rande der Gesellschaft zu leben.

Andere Beiträge betonen die ästhetische Erfahrung des artifiziellen Lebensraums Hotel. Etwa das Projekt «Everland» von Lang/Baumann. Das Künstlerduo Sabina Lang (*1972) und Daniel Baumann (*1967) schuf für die Expo.02 in Yverdon ein Einzimmer-Hotel mit futuristischem Interieur. Der transportable Pavillon, mit Bett, Bad und Bar ausgestattet, wurde später in Leipzig und Paris aufgestellt. Kunstfreunde konnten nach Voranmeldung darin logieren. Das Kunstmuseum Thun zeigt ein kleines Modell des Gästezimmers mit Ufo-Charme.

Verwunschener Ort

Vom Hotel als Ort abseits der Wirklichkeit erzählt die zauberhafte Installation von Chantal Michel, die sich seit langem mit verwunschenen Orten beschäftigt. 2006 arbeitete sie ein halbes Jahr im leer stehenden Grand Hotel Bürgenstock bei Luzern.

Im ehemaligen Thunerhof richtet sie nun den Nachbau einer kleinen Suite aus dem Bürgenstock ein. Durch einen dunklen Vorhang betritt man das zart parfümierte Hotelzimmer, und wer eine Weile zwischen den schweren Polstermöbeln steht, der mag daran zweifeln, ob es draussen noch so etwas wie eine Wirklichkeit gibt. Eine Erfahrung, die auch Gäste in Luxushotels zuweilen machen.

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