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Ein Haus voller Kunst geht auf Reisen

Die Sammlung Werner Coninx gehört zu den herausragenden Kunstbeständen der Schweiz. Nach langer Krise hat sie jetzt ihre neue Bestimmung gefunden.

Christoph Heim
Otto Morach, Erwartung (Intérieur), 1918–1919. Ausschnitt aus dem Gemälde. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx © Hugo Stüdeli, Solothurn
Otto Morach, Erwartung (Intérieur), 1918–1919. Ausschnitt aus dem Gemälde. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx © Hugo Stüdeli, Solothurn

Wie ein Phönix aus der Asche ist die Kunstsammlung Werner Coninx in zwei Ausstellungen in Aarau und Chur auferstanden. Nach Jahren, ja Jahrzehnten des Streits zwischen einem selbstherrlichen Stiftungsrat und den Nachkommen von Werner Coninx, zu denen auch Pietro Supino gehört, der Verleger der Tamedia-Zeitungen, wurde die Stiftung im Jahre 2016 neu ausgerichtet. Die Bilder werden nun nicht mehr in der Coninx-Villa am Zürichberg ausgestellt, die von 1986 bis 2001 als Museum gedient hatte, sondern in einer handverlesenen Gruppe von Schweizer Museen. Sie erreichen damit ein viel grösseres Publikum.

Werner Coninx wurde 1911 als Sohn von Otto Coninx-Girardet, dem Gründer des «Tages-Anzeigers», geboren und liess sich nach einem abgebrochenen Medizinstudium als Maler und Bildhauer ausbilden. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er mit dem Sammeln von Kunst. Eberhard Kornfeld, der 96 Jahre alte Galerist und Kunsthändler aus Bern, erinnert sich an Coninx, der regelmässig an seinen Auktionen in Bern teilnahm. «Coninx war ein beinahe manischer Sammler. Er war immer sehr gut vorbereitet, hat vorgängig die Kataloge durchgearbeitet und eine Wunschliste mitgebracht. Er hat sehr in die Breite gesammelt. Oft hat er ganze Gruppen von Werken erstanden. Bei unseren Auktionen hat er meist Arbeiten auf Papier gekauft.»

Kornfeld beschreibt Coninx als «eher verschlossenen Menschen, der sich nicht in sein Seelenleben blicken liess». Sein ganzes Haus sei voller Kunst gewesen. Er habe sich oft Sorgen gemacht, was wohl nach seinem Ableben passiere. Er habe von einer Stiftung geträumt. «Ich habe ihm», so Kornfeld, «damals gesagt, dass ein Privatmuseum ja schon ein interessantes Projekt sei. Es frage sich aber immer, ob man damit Leute interessieren kann, sich das anzuschauen.»

Selbstporträt Werner Coninx, um 1930. © Stiftung Werner Coninx
Selbstporträt Werner Coninx, um 1930. © Stiftung Werner Coninx

1974 gründete Werner Coninx seine Stiftung. 1975 fand im Zürcher Helmhaus die Ausstellung «Figurative Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts aus der Werner-Coninx-Stiftung» statt, die vom Kunsthaus Zürich veranstaltet wurde. Damit hat die Stadt ihrem Sammler die Ehre erwiesen. Nach Werner Coninx’ Tod 1980 haben seine Nachkommen die Villa an der Heuelstrasse der Stiftung überlassen, die darin regelmässig Ausstellungen aus den Sammelbeständen veranstaltete. Der Besucherandrang hielt sich freilich in Grenzen, und das Vermögen der Stiftung schmolz unter einer nicht uneigennützigen Leitung dahin, wie sich Rechtsanwalt Alexander Jolles ausdrückt.

Abschied vom eigenen Museum

Der Neustart der Stiftung geschah im Jahr 2016 unter einem neu konstituierten Stiftungsrat mit Alexander Jolles, Roger Fayet, Direktor des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA), und Lukas Gloor, Direktor der Sammlung Emil Bührle. Für die riesige, heute rund 13'500 Werke umfassende Sammlung haben die Stiftungsräte eine unkonventionelle, aber sachgerechte Lösung gefunden, die durchaus auch das Potenzial hat, als Vorbild für andere Kunstsammlungen zu dienen.

Maurice Barraud, Selbstbildnis, o. J., Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx
Maurice Barraud, Selbstbildnis, o. J., Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx

Die Bestände werden nun nicht mehr in der Villa Coninx an der Zürcher Heuelstrasse aufbewahrt, die von der Stiftung verkauft wurde, sondern in einem externen Lagerraum. Dann hat man die Sammlung nach künstlerischen Kriterien beurteilt und die Spreu vom Weizen getrennt. Schliesslich wurden die besten Gemälde und Papierarbeiten an diverse Museen ausgeliehen, damit die Kunstwerke in vermehrtem Ausmass einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich sind.

Dauerleihgaben an diverse Museen

Diese Kunstsammlung gehört vom Umfang her zu den grössten der Schweiz. Sie ist breit aufgestellt, reicht von Schweizer Kunst zum deutschen Expressionismus über den französischen Impressionismus bis zu Ostasiatika, ins alte Griechenland und nach Afrika. Seit der Neuausrichtung im Jahr 2016 hat die Stiftung rund ein Fünftel der Sammlung mit langjährigen Verträgen an Schweizer Museen ausgeliehen. Noch immer liegen aber in den Lagerräumen der Stiftung ungefähr 11'000 Arbeiten.

Ferdinand Hodler, Thunersee mit Stockhornkette, 1910. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx
Ferdinand Hodler, Thunersee mit Stockhornkette, 1910. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx

Rund 120 Gemälde von Schweizer Künstlern gingen an das Kunsthaus Aarau und 1000 Papierarbeiten des deutschen Expressionismus an das Bündner Kunstmuseum. Mit 330 Papierarbeiten vorwiegend von Picasso wurde das Musée Jenisch in Vevey bedacht, während 50 Zeichnungen von Carl Burckhardt an das Museo Vincenzo Vela gingen. In Zürich erhielt das Kunsthaus 200 Zeichnungen von Ferdinand Hodler, das Museum Rietberg 95 Ostasiatika, und die Archäologische Sammlung der Universität 240 archäologische Artefakte. Schliesslich wurden an das Kunstmuseum Winterthur 275 Werke des Westschweizer Künstlers René Auberjonois und an das Kunsthaus Zug 50 Werke der Wiener Moderne, vor allem von Klimt und Schiele, ausgeliehen.

Die Leihgaben wurden in enger Zusammenarbeit mit den Museen ausgewählt, die von der Stiftung angefragt wurden und ihre Werke auch aussuchen konnten. Mit den Neuzugängen können sie ihre Sammlungen und Ausstellungen trefflich ergänzen.

Die Ausstellung in Aarau

Hermann Scherer, Im Atelier, 1925–1926. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx © Nachlass Hermann Scherer
Hermann Scherer, Im Atelier, 1925–1926. Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum Sammlung Werner Coninx © Nachlass Hermann Scherer

Die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus ist eine regelrechte Hommage an den Sammler Werner Coninx geworden. So zeigt die Sammlungskuratorin Simona Ciuccio nicht nur die Schweizer Malerei aus der Sammlung von Werner Coninx im Erdgeschoss des Kunsthauses, sondern erweitert die Schau auch mit zusätzlichen Leihgaben aus dieser Sammlung, die von anderen Schweizer Museen stammen. Mit den Gemälden von Otto Morach, Alice Bailly, Ferdinand Hodler oder François Emil Barraud, aber auch von Maurice Barraud, Gustave Louis Buchet und Max Gubler ergibt sich eine hochstehende Übersicht über Schweizer Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die mit Spitzenwerken auftrumpfen kann und immer wieder mit atemberaubenden Werkgruppen überrascht.

Bei auffallend vielen Gemälden handelt es sich um Porträts, hatte Coninx doch ein grosses Interesse an diesem Genre. Ergänzt werden diese Gemälde, die das Aargauer Kunsthaus als Dauerleihgabe von der Stiftung erhielt, unter anderem mit Werkgruppen, die an Museen in Chur, Vevey, Winterthur und Zürich ausgeliehen wurden. So sieht man Blätter aus dem deutschen Expressionismus, grafische Arbeiten von Pablo Picasso, eine schöne Werkgruppe von René Auberjonois und hinreissende Zeichnungen von Ferdinand Hodler, die auf das Schönste das Gemälde der sterbenden Valentine Godé erläutern, das im Aargauer Kunsthaus nun als Dauerleihgabe der Werner-Coninx-Stiftung Bleiberecht erhalten hat. Mit dieser Ausstellung feiert Aarau also nicht nur seinen eigenen Sammlungszuwachs, sondern vermittelt eine hervorragenden Überblick über die Sammlungstätigkeit von Werner Coninx.

Die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus dauert bis zum 26. April.

Die Ausstellung in Chur

Ernst Ludwig Kirchner, Farbentanz, 1933. Bündner Kunstmuseum Chur, Dauerleihgabe Sammlung Werner Coninx
Ernst Ludwig Kirchner, Farbentanz, 1933. Bündner Kunstmuseum Chur, Dauerleihgabe Sammlung Werner Coninx

Das Bündner Kunstmuseum in Chur zeigt unter dem Titel «Nachtschatten» im Untergeschoss der Villa von Planta expressionistische Grafik aus der Sammlung von Werner Coninx. Das Museum erhielt von der Stiftung beinahe 1000 Blätter als Dauerleihgabe, Kunstwerke, die Werner Coninx mehrheitlich bei Eberhard Kornfeld in Bern ersteigert hat.

Museumsdirektor Stephan Kunz ist hocherfreut über den kapitalen Zuwachs. Er hat für seine Ausstellung eine Auswahl von rund hundert Werken getroffen, in denen die dunklen Seiten dieser künstlerischen Strömung zum Ausdruck kommen, die sich in apokalyptischen Landschaften wie auch in Cabaret- und Bordellszenen niederschlagen. Die Ausstellung zieht den Besucher hinein in eine Welt mit finsteren Gesichtern, düsteren Stadtansichten und mächtigen Bergen. Ausgehend von Max Beckmann, geht die bildnerische Reise zu Erich Heckel und Ignaz Epper.

Einen grossen Auftritt hat Ernst Ludwig Kirchner, der nicht nur mit Davoser Blättern vertreten ist, sondern auch mit Akten und Bildern von Tänzerinnen, die in Berlin entstanden sind. Schliesslich seien auch die Schweizer Otto und Albert Müller, Fritz Pauli, Johannes Robert Schürch, Walter Kurt Wiemken und Louis Sutter erwähnt, die mit wunderbar düsteren Blättern perfekt zu diesen «Nachtschatten» passen.

Die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum dauert bis zum 8. März.

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