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Die Chronistin der Frustrierten ist tot

Claire Bretécher war die berühmteste Cartoonistin Frankreichs. Ihre satirischen Alltagsbeobachtungen waren Kult. Jetzt ist sie 79-jährig gestorben.

Martin Ebel
Erfolgreiche Frau in der Männerwelt des Comic: Claire Bretécher (hier 1987 in einer Fernsehsendung). Foto: Georges Bendrihem (AFP)
Erfolgreiche Frau in der Männerwelt des Comic: Claire Bretécher (hier 1987 in einer Fernsehsendung). Foto: Georges Bendrihem (AFP)

In den 1970er- und 1980er-Jahren lagen ihre Cartoonbände in vielen französischen – aber auch in deutschen und schweizerischen WG-Zimmern herum (oder auf dem Klo). «Les Frustrés» waren Kult in einem Milieu, das sich in den gezeichneten «Frustrierten» wiedererkannte. 1973 hatte Jean Daniel, Chefredaktor des «Le Nouvel Observateur», der noch kaum bekannten Zeichnerin einen regelmässigen Platz in seinem linken Wochenmagazin angeboten, weil er es «zu ernst» fand. Claire Bretécher ergriff die Chance, und fortan blätterten viele Leser des «Obs» beim Öffnen des Hefts zuerst zum Comic vor.

«Se mirer et se marrer», sich wiedererkennen und darüber lachen sollten ihre Leser, das wollte sie. Sich wiedererkennen in schlampigen Frauen mit Knollennasen, ungepflegt, in Schlabberpullis auf Sofas hingelümmelt? Das fiel anfangs nicht jedem aus dem anvisierten Milieu der Intelligenz-Schickeria leicht. Claire Bretécher war eine Feministin, selbstverständlich, die damals einzige Frau in einer Männerdomäne, aber sie verschonte den Feminismus nicht, wenn er dogmatisch wurde. Und sie liess sich keine Gelegenheit entgehen, seine Widersprüche aufzudecken, wenn sich Ideologie an der Realität rieb. Warum die Emanzipation nicht geradewegs ins Paradies führt, sondern oft genug in die Frustration: Dieser Frage konnte sie immer neue szenische Varianten abgewinnen.

«Habe ich es Dir schon gesagt? Ich esse keine toten Tiere mehr.» «Aber lebende schon? Es gibt Austern»: Typische Claire-Bretécher-Szene.
«Habe ich es Dir schon gesagt? Ich esse keine toten Tiere mehr.» «Aber lebende schon? Es gibt Austern»: Typische Claire-Bretécher-Szene.

Auch jenseits der «Frauenfrage» verfolgte Bretécher die Illusionen der 1968er bei ihrer Verwandlung in Lebenslügen. Über die Armut reflektieren mit dem Champagnerglas in der Hand: In einem solchen Bild, versetzt mit der Phraseologie der Zeit, lässt sich ein ganzes Milieu fassen. Die Pariser BoBos, Bourgeois-Bohémiens, saturierte Angehörige der Künstler- oder Medienszene – und ihre Verwandten in den Nachbarländern –, konnten über ihre Comic-Repräsentanten lachen, weil die Zeichnerin in ihren Gestalten immer auch ein Stück von sich selbst preisgab. Denn sie gehörte natürlich dazu. Ihre Comics, die sie selbst in Bände fasste und verlegte, erreichten Riesenauflagen, auch international, und machten sie reich. Was für manchen ewigen Revoluzzer dann wieder «Verrat» bedeutete.

Der erste Band der Kultserie: Les Frustrés, 1975
Der erste Band der Kultserie: Les Frustrés, 1975

Niemand Geringerer als der Philosoph Roland Barthes bezeichnete sie 1976 wegen ihrer genauen Gesellschaftsbeobachtungen als «besten Soziologen». Staatspräsident Giscard d'Estaing, ein Fan von ihr, empfing sie im Elysée-Palast.

Claire Bretécher wurde 1940 in Nantes geboren; noch als junges Mädchen ging sie nach Paris und begann, in der Comicszene zu reüssieren, in Zeitschriften wie «Tintin» oder «Spirou», die ein jugendliches Publikum anvisierten. Dass der Comic dann eine ernsthafte Sache für Erwachsene wurde, war in Frankreich auch ihr Verdienst. Nach den «Frustrés» zeichnete sie 1988 bis 2009 die Serie «Agrippine» über vier Frauengenerationen, auch das ein internationaler Erfolg.

Die grossen Preise, die Festivals wie in Angoulême oder Erlangen zu vergeben haben, hat sie erhalten. Ihr Stil und ihr sozialkritischer Ansatz beeinflussten jüngere Zeichner im In- und Ausland, in Deutschland etwas Chlodwig Poth («Mein progressiver Alltag»), Franziska Becker oder Ralf König. Am Montag ist Claire Bretécher in Paris gestorben. Sie wurde 79 Jahre alt.

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