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Das Kunstmuseum muss im Fall Gurlitt Massstäbe setzen

Ein Kommentar von Oliver Meier, Ressortleiter Kultur zum wichtigsten Entscheid in der Geschichte des Kunstmuseums Bern.

Was läuft hinter der Fassade? Das Kunstmuseum Bern hält sich seit Monaten bedeckt – Experte Raschèr findet das Schweigen «befremdlich».
Was läuft hinter der Fassade? Das Kunstmuseum Bern hält sich seit Monaten bedeckt – Experte Raschèr findet das Schweigen «befremdlich».
Urs Baumann
Entschiedene Ansichten: Experte Andrea Raschèr  (53).
Entschiedene Ansichten: Experte Andrea Raschèr (53).
Dominik Landwehr/zvg
...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
Keystone
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Das Kunstmuseum Bern steht vor dem wichtigsten Entscheid seiner Geschichte. Und die Weltöffentlichkeit schaut mit Argusaugen zu. Alles deutet darauf hin, dass die Institution das belastete Erbe von Cornelius Gurlitt annimmt. Nach langwierigen Verhandlungen wird am Montag im Presseamt der Bundesregierung in Berlin eine Vereinbarung unterzeichnet. Der Segen des Stiftungsrats dürfte damit Formsache sein.

Auf welcher Basis entscheiden die dreizehn Stiftungsräte? Die Öffentlichkeit weiss es nicht. Noch sind von der Vereinbarung erst die mutmasslichen Eckpunkte bekannt. Und das Kunstmuseum hat seit der Schocknachricht im Mai ebenso demonstrativ geschwiegen wie die viel gescholtene Taskforce. Wir arbeiten, wir brüten, wir verhandeln – bitte nicht stören! Ganz klar: Die Balance zwischen berechtigter Vorsicht und notwendiger Transparenz war in den letzten Monaten nicht gegeben. Dem Vertrauen war das nicht förderlich.

In der hektischen Schlussphase schwankte der Fall Gurlitt zwischen Krimi und Verwandtenposse – mit ambitionierten Anwälten und Experten, mit dem Jüdischen Weltkongress und zwei gesetzlichen Erben in der Hauptrolle. Nebelpetarden flogen allenthalben. Sie verstellten den Blick aufs Wesentliche. Auf die Kernfrage der Verantwortung.

Gehört dieses Erbe wirklich in die Schweiz? Die Sammlung eines der wichtigsten Kunsthändler des Naziregimes? Man muss schon ein gehöriges Mass an Ignoranz und Geschichtsblindheit aufbringen, um behaupten zu können: Das ist Sache Deutschlands; wir wollen und sollen damit nichts zu tun haben. Die Schweiz war im Kunsthandel der Nazizeit keine Insel der Seligen, vielmehr ein bedeutender Umschlagsplatz. Manches ist aufgearbeitet, aber längst nicht alles. Und in der Praxis – der Recherche und der Rückgabe von Werken zweifelhafter Herkunft – haben sich die Schweizer Museen keine Lorbeeren verdient.

Was das bedeutet? Das Kunstmuseum hat im Fall Gurlitt die Chance, Massstäbe mit Signalwirkung über die Schweiz hinaus zu setzen. Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Werken, die zwischen 1933 und 1945 oft verfolgungsbedingt verloren gingen. In der Berner Halbdebatte, die sich vorab um finanzielle Schreckgespenster drehte, ist dieser Aspekt praktisch untergegangen.

Mit allgemeinen Bekenntnissen ist es aber nicht getan. Zu gross bleiben die Spielräume bei der Suche nach «fairen und gerechten Lösungen», wie sie die Washingtoner Prinzipien fordern. Vom Kunstmuseum ist zu erwarten, dass es im Detail darlegt, wie es die moralische Gratwanderung bei der Rückgabe von Werken angeht. Und klar ist, dass nicht bloss Raubkunst im engen Sinn des Wortes zurückgegeben werden muss. Auch Fluchtgut, das in der Not verkauft wurde, gehört dazu. Ebenso jener Teil der Werke, die von den Nazis als «entartete Kunst» in deutschen Museen konfisziert wurden.

Schliesslich muss das Museum aber auch wissen, wie es mit Werken umgeht,deren Vorgeschichte sich überhaupt nicht mehr rekonstruieren lässt. Das könnten nicht wenige sein. Die verführerische Vorstellung, Bern solle einfach die «sauberen» Kunstwerke übernehmen, dürfte sich als Illusion erweisen. «Sauber» ist an dieser Sammlung nichts. Auch nicht das mutmassliche Millionenvermögen Gurlitts, das ebenfalls zum Vermächtnis gehört.

Ohnehin muss das Kunstmuseum aufpassen, dass es sich nicht den Makel eines Profiteurs einhandelt, der den Aufwand und die Knacknüsse gerne andern überlässt. «Es muss sich für uns lohnen», postulierte Museumsdirektor Matthias Frehner im Mai. Gut möglich, dass Deutschland nun nicht nur für allfällige Prozesskosten aufkommt, sondern auch die Provenienzforschung organisatorisch und finanziell alleine in den Händen behält. Das aber wäre ein schlechtes Signal. Das Image der deutschen Taskforce ist am Boden, zu Recht wurde sie für ihre mangelnde Transparenz und Kommunikation kritisiert. Vertrauensbildende Massnahmen sind unumgänglich. Von der Herkunftsforschung hängt alles ab. Das Kunstmuseum sollte wesentlichen Einfluss darauf nehmen.

Ohne Risiken, ohne Kosten auch, ist eine solche Sammlung für Bern nicht zu haben.Klar ist, dass der anfallende Aufwand in erster Linie durch das geerbte Vermögen und allenfalls durch den Verkauf von Bildern gedeckt werden müsste. Und die Risiken sollen abschätzbar sein. Letzteres setzt voraus, dass zumindest die Entscheidungsträger ein genaueres Bild davon erhalten haben, was das Erbe umfasst und bei wie vielen Werken sich der Raubkunstverdacht erhärtet hat. Es setzt aber auch voraus, dass die Museumsvertreter eine Vereinbarung ausgehandelt haben, die wesentliche Punkte klärt, etwa die Frage der Erbschaftssteuer. Grundhaltung und Risikoabwägung – auf diesen Säulen steht ein verantwortungsvoller Entscheid. Im Zweifel gilt es zu bedenken: Das Kunstmuseum Bern ist eine verlässliche Institution, finanziert und überwacht von der Öffentlichkeit. Hier scheint der heikle Bilderschatz besser aufgehoben als in den Händen von zerstrittenen, teils frustrierten, teils hochbetagten Gurlitt-Verwandten.

oliver.meier@bernerzeitung.ch

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